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Ocean Vuong steht mit einem schüchternen Lächeln in einem Hotelzimmer in Berlin und nimmt an einem kleinen Tisch Platz. Der 30-jährige Amerikaner wurde in Saigon geboren und hat vor Kurzem mit "Auf Erden sind wir kurz grandios" (Hanser) einen Debütroman veröffentlicht, der ihm den Ruf eingebracht hat, ein literarisches Wunderkind zu sein. In Berlin ist er auf dem Internationalen Literaturfestival aufgetreten. An diesem Freitag Ende September trägt er ein blaues Hemd, ein rosafarbenes Cap und im rechten Ohr einen langen, goldenen Ohrring. Ein Dichter, der eine Mischung aus Verletzlichkeit und Stolz ausstrahlt. Als er hört, dass die Journalistin ebenfalls vietnamesische Eltern hat, hellt sich sein Gesicht auf. Nahtlos gleitet er vom Englischen ins Vietnamesische, bevor er wieder zurück ins Englische wechselt. 

ZEIT ONLINE: Sie sind mit Ihrer Familie aus Vietnam geflüchtet, als Sie zwei Jahre alt waren. Haben Sie noch irgendwelche Erinnerungen an die Zeit davor?

Ocean Vuong: Überhaupt nicht. Es ist komisch, aber meine ersten Erinnerungen stammen aus Amerika. Ich habe aber noch Verwandte in Vietnam und fahre manchmal hin, 2009 war ich auf der Beerdigung meiner Großmutter dort. Es war sehr verwirrend: In meinem Kopf gibt es dieses Vietnam, das sich aus den Erzählungen meiner Verwandten zusammensetzt. Als ich in Saigon war, habe ich mich allerdings gefühlt, als sei ich auf dem Times Square in New York. Es war wie eine andere Welt! Auch die Kultur hatte sich verändert: Die Kinder waren viel offener und freier, fast unhöflich. Ich bin zu Hause sehr streng erzogen worden; als ich gesehen habe, wie sie mit ihren Eltern gesprochen haben, habe ich mich wie eine alte Frau gefühlt.

ZEIT ONLINE: Sie sind mit Ihrer vietnamesischen Familie in Hartford, Connecticut aufgewachsen. Wie war das?

Vuong: Wir haben zu siebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung gelebt: meine Eltern, meine Großmutter, mein Onkel, zwei Tanten und ich. Sie waren ehemalige Reisbauern ohne Bildung oder Fernseher; wenn man die Wohnung betreten hat, war es wie eine Reise in die Vergangenheit. Gleichzeitig war dieser Ort unglaublich lebendig, wie ein kleines Dorf. Irgendwas war immer los, ständig wurde Vietnamesisch gesprochen, es gab keine Stille. Für ein Kind wie mich, das nicht viel redete, war es großartig: Ich konnte einfach meine Augen schließen, zuhören und Teil dieser Familie sein.

ZEIT ONLINE: Was passierte, wenn Sie dieses kleine Dorf verließen und nach draußen traten?

Ocean Vuong, Jahrgang 1988 © Alena Schmick für ZEIT ONLINE

Vuong: Wir lebten mitten im Zentrum der Stadt, in einer Community von Schwarzen und Latinos. Weil wir kein Auto hatten, mussten wir überallhin laufen. Ich wusste nicht, dass Amerika mehrheitlich weiß ist, bis ich älter wurde und zur Mall fuhr. Da dachte ich: Moment, was ist denn hier los?! Der Mythos ist, dass Amerika ein Schmelztiegel ist, aber in Wahrheit ist nichts miteinander verschmolzen, alles ist voneinander getrennt. Wenn ich jetzt daran denke, glaube ich, dass ich durch diese unterschiedlichen sozialen Welten gelernt habe, ein Chamäleon zu sein: Ich kann mein Verhalten und meine Art zu reden an jeden Raum anpassen, in dem ich mich befinde. Für einen Schriftsteller ist es das Größte: Ich kann mich in jeden Charakter verwandeln, in jede Figur.

ZEIT ONLINE: Gab es in Ihrer Nachbarschaft noch andere Vietnamesen?

Vuong: Es gab eine chinesische Familie, aber sie hat nie das Haus verlassen. Es gab aber einen asiatischen Supermarkt. Er war sehr klein und von oben bis unten mit Teekannen, Stäbchen und diesen roten, vietnamesischen Decken vollgestopft. Meine Mutter hat immer extra langsam eingekauft, um mehr Zeit dort zu verbringen. Sie hat auf die Sachen gezeigt und gesagt: "Das ist Fischsauce. Das Sojasauce. So macht man Phở." Als Kind habe ich es gehasst, aber jetzt denke ich, dass es sehr schön war, wie eine Fortbildung.

Vuong spricht sanft und nachdenklich. Er kam über die Poesie zur Literatur. Seine Gedichte sind in großen Publikationen wie dem "New Yorker" oder der "New York Times" erschienen, sein Gedichtband "Night Sky with Exit Wounds" wurde mit dem T.S. Eliot Prize ausgezeichnet und erscheint im nächsten Frühjahr bei Hanser in einer zweisprachigen Fassung ("Nachthimmel mit Austrittswunden"). Auch sein Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" hat eine ungewöhnliche, lyrische Form: Er ist als Brief verfasst; der Ich-Erzähler schreibt ihn seiner vietnamesischen Mutter, die nicht lesen kann.

Fragmentarisch erzählt Vuong darin von dem Leben eines Jungen namens Little Dog, der ebenfalls in Saigon geboren wurde, in Hartford aufwächst und sich in einen weißen Jungen verliebt, der schließlich den Drogen verfällt. Aus seinen Skizzen liest man den Schmerz eines Außenseiters heraus, der sich aus der Kriegsvergangenheit seiner Familie und den Grenzen seines Milieus herauskämpft. Alle Figuren, erzählt Vuong, basieren auf echten Menschen. Bewusst hat er sich dagegen entschieden, ein Memoir oder Sachbuch zu schreiben: Seine Charaktere sollten ein Eigenleben haben.