ZEIT ONLINE hat alle Reden des deutschen Bundestags durchsuchbar gemacht. In ihnen zeigt sich, welche Themen die Debatten dominiert haben und wie stark sich die Sprache im Bundestag verändert hat.

Manchmal sind die Dinge ganz anders, als sie zunächst erscheinen, und das ist manchmal ein bisschen schade. Wer zum Beispiel zur Feier von Theodor Wiesengrund Adornos 116. Geburtstag dessen Namen in die Bundeswörter-Suchmaschine von ZEIT ONLINE eingibt, findet – zwischen zwei kleineren Hubbeln – einen gewaltigen Ausschlag im Jahr 1967. Sofort denkt man an den Sozialistischen Deutschen Studentenbund, an wilde Hörsaaldiskussionen, das ganze akademische Vorspiel des Jahres 1968. Man stellt sich vor, wie in jenen politisch aufgeladenen Zeiten die Theoretiker der Stunde auch im Parlament heiß debattiert wurden. 

In diesen Wochen sprechen alle wieder von Adornos Vermächtnis – in der Erregungskurve der Bundestagsreden bildet sich allerdings vielmehr ein Gemächt ab. Darf man also davon ausgehen, um in diesem Sprachbild zu bleiben, dass der Philosoph schon zu Lebzeiten auch den parlamentarischen Diskurs penetriert hat?

Große Enttäuschung nach einem kurzen Blick in die Plenarprotokolle: Im April 1967 wurde der CDU-Politiker Eduard Adorno zum Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium ernannt. Bis zum Ende der Kiesinger-Regierung im Jahr 1969 beantwortete er dann allerlei Fragen des Parlaments zum Gebaren und zur Verfasstheit der Bundeswehr. Wenig könnte weniger mit Adornos Kritischer Theorie zu tun haben.

Grundsätzlich haben es die Parlamentarier in ihren Debatten nicht so mit den gewichtigen Denkschulen ihrer Gegenwart. Kritische Theorie: nicht gefunden. Poststrukturalismus: nicht gefunden. Systemtheorie: nicht gefunden. Dekonstruktion: 2017 wurde mal vor der Dekonstruktion des Euro gewarnt. So war das doch alles nicht gemeint.

Und auch das: Der Marxismus geht auf erstaunlich niedrigem Niveau als Schreckgespenst der Konservativen durch die Jahrzehnte, der Liberalismus hat lediglich 1966 einen größeren Ausschlag, als sich die Noch-Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP etwas grundsätzlicher in die Haare bekamen. Der Sozialismus wiederum hat seine Peaks in den Jahren 1976 (Einschwörung auf den "Freiheit statt Sozialismus"-Wahlkampf der CDU) und 1990 (Gründe offensichtlich). Spricht alles nicht für eine tiefere Auseinandersetzung mit größer gedachten Gesellschaftsentwürfen.

Das lässt sich natürlich auch positiv lesen: Wo sich die Menschen nicht an -ismen abarbeiten, herrscht – hoffentlich – weitgehend ideologiefreies Denken. Ein bisschen schade ist es aber schon, wenn die zivile Deliberation im Zentrum der Macht so selten die Hürde zum gelehrten Diskurs überspringt. Immerhin geht es bei Theorie ja immer darum, über das Offensichtliche hinauszuschauen, ein tieferes Verständnis der Welt und ihrer Zusammenhänge zu erlangen – was auch das politische Handeln positiv beeinflussen kann.

Heute wird in Bezug auf die Zusammensetzung der Parlamente ständig irgendeine Schieflage bemängelt: zu viele Juristen, zu wenige Facharbeiter, immer zu wenig Frauen. Vielleicht wären auch ein paar mehr theoriefreudige Philosophinnen und Politologen eine feine Sache. Adorno – der Philosoph, nicht der Staatssekretär – wurde zuletzt am 21. März 2019 von einem AfD-Abgeordneten zitiert. Der befand, es gebe sehr wohl – gähn – ein richtiges Leben im Falschen (und den Völkermord an den Herero solle man ähnlich differenziert betrachten wie den Alltag in der DDR). Das könnte doch gut von aktuelleren, sinnreichen Erwähnungen verdrängt werden.