ZEIT ONLINE hat alle Reden des deutschen Bundestags durchsuchbar gemacht. In ihnen zeigt sich, welche Themen die Debatten dominiert haben und wie stark sich die Sprache im Bundestag verändert hat.

Ein echter Bundestagsredner weiß: Gegen die Flauheit des eigenen Worts hilft immer das Glutamat der Dichtung. Der echte Bundestagsredner weiß auch, dass geistreich eingestreute Zitate nie ohne ein einleitendes "schon", ein "bereits" oder ein "einmal" auskommen: Schon Musil schrieb. Bereits Fontane bemerkte. Goethe sagte einmal, und ja, meistens landete man im Bundestag bei ihm, wenn's etwas literarisch werden sollte: 584 Erwähnungen in 70 Jahren. Mehr als Grass, mehr als Böll, mehr als alle anderen. Fans des literarischen Idealismus könnten nun die 4.649-fache Erwähnung von Schiller anbringen, aber da werden sie den einstigen Wirtschaftsminister Karl Schiller üppig herausrechnen müssen, ein Teil von Plisch und Plum, der andere Teil hieß Strauß (16.104), nicht Botho, sondern Franz-Josef.

Friedrich Schiller also abgeschlagen, aber noch vor Lessing, noch weiter vor Kleist und natürlich auch vor Friedrich Hölderlin. Die letzte Hölderlinerwähnung fiel 2018 in einer Rede eines CDU-Abgeordneten, in der er zu seinem Vorredner von der AfD sagte, er erinnere sich da an den Spruch des Dichters: "Es tönt hohl im innersten Hain." Und da wir uns alle bereits jetzt aufs Hölderlin-Jahr 2020 vorbereiten: In der wundervollen Hölderlin-Gesellschaft in der wundervollen Hölderlinstadt Tübingen kennt man diesen Satz leider nicht, freut sich aber, dass mal jemand anruft, und auch sonst gibt’s Anlass zu guter Laune: eine stabile Mitgliederzahl von 900, allein 14 Neuanmeldungen in diesem Jahr. Hölderlin, das muss man hier einmal sagen, ist im Kommen.  

Tatsächlich gibt es eine Stelle im Gedicht Germanien, die dem Zitat des Abgeordneten zumindest ähnelt. Sie lautet "Und es tönt im innersten Haine". Da klingt nichts "hohl" im Walde, man stellt sich vielmehr sogleich den geheimnisvollen Gesang von Nachtigall und Fledermaus vor, das beredte Rascheln der Blätter und des Farns, unter dem der Dachs (sechs Bundestagserwähnungen, auch so ein politisches Repräsentationsproblem) ausgelassen Skat spielt. Hölderlin, ach, ohne Zweifel ein großer Lyriker (19), der allerdings auch gut gemeinte politische Umdichtungen nicht verdient hat, selbst wenn es gegen die AfD geht. 

Und was sagte Baudelaire wohl dazu, dass er überhaupt nur in Drogendebatten genannt wird, so wie Cocteau und Proust? Was hielte Sartre davon, dass sein Name im Bundestag zuletzt meistens als Titel einer Studie zum Straßenverkehrsrisiko gefallen ist, in der es unter anderem um die Akzeptanz eines Alkoholverbots unter Fahranfängern geht? Und wo kamen je Schriftstellerinnen im zitierfähigen Alter vor: nicht ein erhabener Verweis auf Annette von Droste-Hülshoff, keine Gisela Elsner, keine Susan Sontag, nicht einmal Joanne K. Rowling, und Virginia Woolf schon gar nicht, immer nur der Wolf, der Wolf, der Wolf, wegen der Sorgen der Bürger in Ostdeutschland. Brauchen wir eine Quote für quotes?

Das alles sind weiterführende Fragen für den Band 70 Jahre Bundespolitik und ungefähr 3021 Jahre Weltliteratur, der möglicherweise demnächst in einem recht angesehenen Verlag erscheinen wird, der Volksnähe wegen ohne Ledereinband und Schmuckschuber, weil "in der Beschränkung zeigt sich der Meister", wie, ähem, schon, bereits, bekanntermaßen, einst und einmal, Sie wissen schon, Goethe schrieb, in einem Sonett oder einem Gelegenheitsvers, macht das in dem hohen Haus noch einen Unterschied? Na, hoffentlich! Und damit Literaturzitate sich dort wieder lohnen, empfehlen wir zum Schluss allen Bundestagsvorsitzenden einen Satz von Gottfried Benn (13 Erwähnungen), erstens als vorauseilenden, sachgrundlosen Ordnungsruf an jeden Redner und jede Rednerin, zweitens passt er nebenbei auch zu den meisten außerparlamentarischen Gelegenheiten: "Kommen Sie pünktlich und bleiben Sie nicht so lange."