Man fängt schon auf Seite 18 fast zu weinen an, vor Rührung und Ergriffenheit. Da schildert der Schriftsteller Thomas Pletzinger in seinem Buch The Great Nowitzki über den ehemaligen Basketballspieler Dirk Nowitzki einen kurzen Moment des Stillstands, geschehen im letzten Heimspiel dessen Profikarriere, die, lässt man die Anfänge beim DJK Würzburg weg, ausschließlich im Team der Dallas Mavericks stattgefunden hat, 20 lange Jahre.

Am 9. April 2019, vor kaum einem halben Jahr, stand der damals 40-jährige Nowitzki zum letzten Mal als Aktiver unten auf dem Court des American Airlines Centers in Dallas. Mitten im Spiel wurden dann auf dem riesigen Videowürfel in der Halle einige Bilder von einem Besuch Nowitzkis in einer örtlichen Kinderklinik gezeigt. Nowitzki ist dort immer wieder gewesen, schreibt Pletzinger, doch nie habe er Journalisten zugelassen, Kameraleute oder Fotografen. Nur ein einziges Mal hat er eine Ausnahme gemacht, kurz vor seinem Karriereende.

Pletzinger schildert die Szene, als Nowitzki hochschaute zum Videowürfel, so schlicht wie nur möglich. Sie endet so: "Dirk Nowitzki steht allein in der Mitte des Spielfeldes, und als er seine Rührung nicht in den Griff bekommt, senkt er den Blick, die Arme auf die Knie gestützt. Die Halle kämpft mit seinen Tränen."

Warum nur müssen Sportlerkarrieren enden?

Die Halle kämpft mit seinen Tränen: Kürzer und genauer lässt sich die emotionale Beziehung zwischen einem Sportler und einem Publikum, das ihn offenkundig verehrt, nicht ausdrücken – wenn sie sich in einem überraschenderweise gerade nichtsportlichen Augenblick manifestiert, als zarter Massenmoment. We’re in this together, das soll dieser wohl bedeuten, und der ganze Schmerz und die leise Melancholie des nahenden Abschieds liegt darin: Warum nur müssen Sportlerkarrieren enden irgendwann? Wieso kann nicht weitergehen, was gut ist? Kein aufregender Spielzug, keine spektakuläre Einzelaktion, kein entscheidender Punktgewinn bringt ein Publikum dazu, derartige sentimentale Gefühle zuzulassen.

Die Frage, die man sich als selbst Schreibender schon bei der Lektüre dieser Szene stellt, vermutlich aber auch als nur Lesende und Lesender, ist diese: Ist Sport eigentlich der perfekte Topos, um darüber zu schreiben – oder ein ganz und gar elender?

Die kinetische Schönheit des Sports

Es kann dabei nämlich grauenhaft viel schiefgehen, es kann leicht kitschig werden, in öden Abfolgen von Sieg und Niederlage enden. Das Eigentliche des Sports zu schildern, die Bewegungen, die sogenannten Abläufe, deren Summe Sport letztlich ausmacht, ist furchtbar schwer, und Pletzinger kriegt es hin: Der Text fließt, er bewegt sich mit. Der menschliche Körper macht ja komische Sachen beim Sport, und dann geschehen auch noch unzählige Dinge gleichzeitig, es ist ein einziges Durcheinander. Leute laufen kreuz und quer durch die Gegend, ein Ball fliegt durch die Luft, alles passiert nach seltsamen Regeln. Das zu beobachten, vor allem wenn da echte Könner auf dem Platz sind, ist die wesentliche Faszination von Sport. Gewinnen und Verlieren sind eigentlich nur Nebenprodukte.

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, der in seiner Jugend ein hochbegabter Tennisspieler gewesen ist, hat im Jahr 2006 in einem berühmt gewordenen Text in der New York Times über Roger Federer einmal die Schönheit des Sports, die Schönheit der Bewegung so beschrieben: "Schönheit ist nicht das Ziel von Wettbewerbssport, aber Spitzensport ist eine vorzügliche Art des Ausdrucks menschlicher Schönheit. (…) Die menschliche Schönheit, von der wir hier sprechen, ist von einer besonderen Art; man könnte sie kinetische Schönheit nennen. Ihre Energie und ihr Reiz sind universell. Sie hat nichts mit Sex oder kulturellen Normen zu tun. Womit sie in Wahrheit etwas zu tun hat, ist der Umstand, dass der Mensch sich mit der Tatsache versöhnt, einen Körper zu besitzen."

In einem früheren Text für das Magazin Harper's mit dem Titel Tennis, Trigonometry, Tornadoes – A Midwestern boyhood hatte Foster Wallace im Jahr 1991 bereits die Raumerfahrung geschildert, die Sport auch bedeutet und eine weitere Art von Schönheit produziert, die eine eher mathematische Faszination ist: welche Linien zum Beispiel der fliegende Ball in den dreidimensionalen Raum über dem Platz zeichnet. Im Augenblick des Geschehens ist das Geschehen selbst schon wieder vorbei und aufgehoben, es löst sich bestenfalls auf in einem eben auch geometrisch perfekten Schlag beim Tennis oder dem satten Sound, den ein Basketball produziert, nachdem er im perfekten Bogen auf den Korb zugeflogen ist und dann durch das kleine Netz darunter rauscht: swish.

Thomas Pletzinger war wie David Foster Wallace als Jugendlicher ein begabter Sportler. Nur war bei Pletzinger Basketball der Sport, in dem er beinahe gut genug war, um ihn später professionell zu betreiben. Die Parallelen sind so eindeutig, dass Pletzinger sie auf der ersten Seite des ersten Kapitels von The Great Nowitzki gleich einführt: Er erwähnt, dass er sich zwei Foster-Wallace-Tennistexte als Reiselektüre für einen Flug nach Dallas zu Nowitzki mitgenommen hat, darunter den aus der New York Times, Roger Federer as Religious Experience.