Die Homogenität des Diversen – Seite 1

Literatur macht es ihren Fans im deutschsprachigen Raum nicht immer leicht, ihr affirmativ auf hohem Niveau zu begegnen. Sie versteckt sich auf den Bühnen steif durchbestuhlter Veranstaltungsorte mit holzvertäfelten oder stuckverzierten Decken, sie wird von einer Literaturkritik ausgewertet, die sich lieber einmal zu oft "schlecht gelaunt" nennen lässt, als dass ihr ein Urteil in unbegründetes Gutgefinde verrutscht. Ausländische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die zum ersten Mal in deutschen Literaturhäusern gastieren, äußern regelmäßig Verwunderung über Disziplin und Affektkontrolle des hiesigen Publikums.

Jenseits etablierter Institutionen und abseits der sogenannten Höhenkammliteratur gibt es freilich schon lange Freiraum für Buchliebhaberinnen und -liebhaber. In privaten Lesekreisen, auf Genre Conventions oder im hobbyhaft geführten Buchblog darf ungeniert geschwärmt und bejubelt werden. Allein: Was ist mit all jenen, die weder andächtig Martin Mosebach lauschen noch über gefällige Lesebühnenprosa lachen wollen?

In vielen deutschen Groß- und Mittelstädten hat sich in den letzten Jahren eine neue Umgangsform mit Literatur herausgebildet: Die sogenannten unabhängigen Lesereihen heißen "fleet:poet", "Land in Sicht", "Kabeljau & Dorsch" oder "Lyrik ist Happening" und finden von Lüneburg über Göttingen bis München ausschließlich in geborgten Räumen statt. Szenekneipen, Hinterhöfe oder private Wohnzimmer senken die Schwellenangst für Stadtbewohner zwischen zwanzig und dreißig. "Unabhängige Lesereihen stehen für einen niedrigschwelligen Zugang zu Literatur", heißt es deshalb auch programmatisch bei ULF, dem ersten gemeinsamen Festival von über 25 unabhängigen deutschsprachigen Lesereihen und literarischen Initiativen, das am vergangenen Wochenende rund um den Nürnberger Z-Bau stattfand, einem soziokulturellen Zentrum mit Kasernenvergangenheit.

Was aber ist hier nun genau frei, außer der Organisationsform? Da ist zum einen vielleicht die Freiheit vom Wettbewerb wie beim Poetry Slam einerseits und honorigen Nachwuchswettlesen andererseits. "Das gibt es im Betrieb schon genug. Wir wollen nicht, dass die Autorinnen und Autoren in einer Konkurrenzsituation sind", sagt Chris Möller vom Organisationsteam. Zum anderen soll da eine Freiheit von normierenden Zugriffen und Zuschreibungen sein, soll eine Diversität der Stimmen und Tonfälle zelebriert werden, die im Literaturbetrieb der großen Häuser noch nicht angekommen ist. Klar, auch unter den 150 Autorinnen beim ULF gibt es neben denen, die Unveröffentlichtes von losen DIN-A4-Blättern lesen, solche, die bereits bei Agenturen oder Verlagen unter Vertrag stehen. Auch hier lesen Literatinnen, die wie Gianna Molinari, Angela Lehner oder Donat Blum schon Debütromane veröffentlicht oder wie Ronya Othmann oder Philipp Winkler erste Preise gewonnen haben. Doch ist das in alle Richtungen Unfertige auch qua Jugend mehr als nur ein Design-Kniff.

Blumenhemden und knöchellange Hosen

Was die überwiegend jungen Schreibenden und Veranstaltenden trotzdem zusammenhält, ist eine performative und poetologische Homogenität, die bei aller Diversitätsprogrammatik überrascht. Im Festivalzentrum tragen Frauen bunte Vintage-Kleider zu flachen Schuhen, Bauchtaschen und wenig Make-up, die Männer Blumenhemden und knöchellange Hosen. Und ebenso sorgfältig und professionell kuratiert wie die Outfits der Anwesenden ist das Festival in Sachen Marketing und Pressearbeit. Die Szene der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur hat sich an Universitätsinstituten in Hildesheim, Leipzig oder Berlin nicht nur im Schreiben, sondern auch im Veranstalten ausbilden lassen. Im hippen Corporate Design gibt es Festival-Logo und Banner, Pressemappen und bedruckte Jutebeutel. Wer schon mal auf einem Popmusikfestival war, kann viele der dort erlernten sozialen Praktiken auf das ULF übertragen. Nach den Lesungen gibt’s Tanzprogramm. Die Frage ist nur, ob eine Literatur, die sich selbst als innovativ begreift, niederschwelliger wird, wenn man ein Bier in der Hand hält.

Wenig Nebensätze, viel Autofiktion

Punktuell erleuchtet erscheint das Publikum beim ULF-Festival. © ULF/​Maria Bayer

In den einzelnen zwischen 60- und 90-minütigen Lesungen, die von jeweils einer unabhängigen Lesereihe kuratiert wurden, fallen immer wieder poetologische Sätze vom Schreiben als Arbeit an der Psycho-Gesundheit oder dem Lesen als Selbstermächtigung. Folglich hört man viel wirklichkeitsgesättigten Text in der ersten Person Singular, Coming-of-Age-Romane aus der deutschen, österreichischen oder Schweizer Provinz, wenig Nebensätze, viel Präsens, viel Autofiktion. Der keineswegs uniforme, doch aber deutlich erkennbare Sound der unabhängigen Lesereihen überschneidet sich – ebenso wie das Personal – an vielen Stellen mit der sogenannten Institutsprosa der Schreibschulen, die vor ein paar Jahren ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Wenn auf eine Lesung ein kurzes moderiertes Gespräch folgt, was eher die Ausnahme darstellt, werden häufig Poetik und Entstehungsbedingungen des Textes diskutiert, Normativität und Ausschlussmechanismen des Literaturbetriebs. Es sind Insidergespräche, die eine Szene hier zum allergrößten Teil mit sich selbst führt. Bei einer Veranstaltung wird gefragt, wer aus Nürnberg und Umgebung kommt – nur fünf Personen melden sich. Beim Festivalkongress Fokus Lyrik, der im Frühjahr dieses Jahres in Frankfurt am Main stattfand, hatte sich bereits ein ähnlich einheitliches Bild abgezeichnet. Auch hier vergewisserte sich eine Szene vor allem ihrer avantgardistischen Abgeschlossenheit, während nach außen hin Offenheit, pädagogische und gesellschaftliche Relevanz propagiert wurden.

Nun ist die Erkenntnis, dass sich alle Szenen und damit eben auch die Szene der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur durch ihre Homogenität definieren, freilich nicht neu. Ob allerdings Gruppierungen, die sich in ihrem Grundsatz gegen Kritik als Mittel der Selektion und Qualitätssicherung stellen, so viel gerechtere und transparentere Auswahlinstrumente gefunden haben, ist fraglich. Wenn Qualität vordergründig über Partizipation und Vielstimmigkeit definiert wird, kann das eine programmatische und in künstlerischen Kontexten gerade äußerst zeitgemäße Positionierung sein. Doch herrscht damit nicht weniger Normativität als in etablierten Institutionen.

Beflissene Pflege der eigenen Hipness

Dass der Integrationswille der unabhängigen Lesereihen beim VHS-Kurs Kreatives Schreiben, bei der Hausfrau und Hobbyautorin mit Schwäche für Liebesromane oder bei 50-jährigen Fantasy-Horror-Autoren aufhört, zeigt vielmehr, dass in dieser Szene weit subtilere soziale Ausschlussmechanismen über Freundschaft und Milieu-Zugehörigkeit (oder eben doch ein an klassischer Hochliteratur geschultes Qualitätsempfinden) am Werk sind. Das ist nicht unbedingt verwerflich, wird aber ungern als Grenzen der eigenen Diversität und als beflissene Pflege der eigenen Hipness benannt.

Die ist nämlich ebenso schutzbedürftig, wie sich die Szene gern gibt – und im Vorfeld von ULF offenbar höchst erfolgreich: Das Festival der unabhängigen Lesereihen wird unter anderem gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sowie dem Kulturreferat der Stadt Nürnberg. Kathleen Röber, die am Bildungscampus Nürnberg für die Koordination der lokalen Literaturszene und den Ausbau der Literaturstadt Nürnberg zuständig ist, präsentiert sich denn auch auf einer Podiumsdiskussion während des Festivals extrem zugewandt, bietet Hilfestellungen für Förderanträge. Eine lebhafte, unabhängige Literaturszene kann schließlich ein attraktiver Standortfaktor sein. Und Nürnberg hinkt seinen Nachbarn Erlangen (mit eigenem Poetenfest) und auch Fürth (mit dem Festival Lesen!) da gerade noch hinterher.

Die Sehnsucht nach dem Establishment

Dass die ökonomische Krisenstimmung in Literatur- und Zeitungsverlagen der freien Szene in nächster Zeit den entscheidenden Anstoß verpassen wird, wie Friederike Tappe-Hornbostel von der Kulturstiftung des Bundes spekuliert, ist indes nur bedingt anzunehmen. Staatliche Fördergelder bleiben für die freie Szene überlebensnotwendig, Wettbewerbsfähigkeit ist für sie noch lange nicht in Sicht. Keine einzige Autorin, kein einziger Veranstalter kann momentan von seiner Arbeit für Lesereihen oder Literaturfestivals leben. Damit bleibt die freie Literaturszene vor allem ein Sprungbrett. Hauptgesprächsthema der Festivalautorinnen und -autoren die Suche nach Agentur oder Verlag. Man träumt von einem Romandebüt bei Wallstein oder Aufbau und damit eben doch von einem weiteren Schritt in Richtung Establishment. Dieses Establishment würde sich freilich, wenn es sich an den richtigen Stellen auf die Impulse von ULF einlässt, selbst ganz ordentlich (weiter) heterogenisieren.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es "Nur ein Bruchteil der rund 100 Besucherinnen und Besucher pro Tag kommt aus Nürnberg", was auf einem Missverständnis in einem Gespräch zwischen Veranstalterinnen und unserer Autorin beruhte. Nach einem Hinweis der Veranstalter, wonach etwa 50 Prozent der 200 Besucher pro Festivaltag aus der Region kamen, haben wir den Text geringfügig verändert.