Nach einem Vergewaltigungsskandal im Umfeld der Schwedischen Akademie, die den Preis auslobt, musste die Vergabe im vergangenen Jahr ausgesetzt werden. Nun wurde sie zusammen mit der diesjährigen Auszeichnung nachgeholt. Warum sich die Jury für die polnische Schriftstellerin und Aktivistin Olga Tokarczuk und den österreichischen Schriftsteller Peter Handke entschieden hat, können Sie im obigen Video sehen. Beide waren zuvor unter den Favoriten der Wettmacher.

Beobachter hatten nicht mit umstrittenen Entscheidungen des Nobelpreiskomitees gerechnet, zumal die 230 Jahre alte Akademie ihr internationales Ansehen wiederherstellen will: Im November 2017 wurde bekannt, dass der Kulturfunktionär Jean-Claude Arnault über Jahre hinweg 18 weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen belästigt oder missbraucht hatte. Arnault war mit dem Akademiemitglied Katarina Frostenson verheiratet und ließ ein von ihm geführtes Kulturinstitut mit hohen Summen von der Akademie sponsern. Der Franzose sitzt inzwischen eine zweieinhalbjährige Haftstrafe wegen Vergewaltigung ab, seine Frau verließ die Akademie.

Der Umgang mit dem Skandal sorgte innerhalb der Akademie für heftigen Streit und erbitterte Machtkämpfe. Sieben der 18 Mitglieder traten zurück, daraufhin war die Akademie nicht mehr beschlussfähig: Zum ersten Mal seit 70 Jahren musste die Ernennung des Literaturnobelpreisträgers 2018 verschoben werden. Inzwischen hat die Akademie einen neuen Vorsitzenden, neue Mitglieder und neue Statuten, die künftig mehr Transparenz bringen sollen.

Wie jedes Jahr überschlugen sich die Spekulationen, wer diesmal den Zuschlag bekommt. Allerdings verraten die Namen, die kursierten, mehr über die Wunschliste der jeweiligen Expertinnen als über die tatsächlichen Neigungen der Akademie. (Wer wäre Ihr Favorit? Spielen Sie Literaturnobelpreis-Akademie mit unserem Nobel-O-Mat.)

Für 2018 hat sich die Akademie 194 Kandidatinnen und Kandidaten angeschaut, für 2019 insgesamt 189. Diese Namen werden traditionell für 50 Jahre unter Verschluss gehalten. Zu den weiteren Anwärtern neben Tokarczuk und Handke zählten laut Buchmachern und Experten die kanadische Dichterin Anne Carson, der kenianische Autor Ngũgĩ wa Thiong'o, Ismail Kadare aus Albanien, die französische Schriftstellerin mit karibischen Wurzeln, Maryse Condé, die experimentelle Autorin aus China, Can Xue, die russische Erzählerin Ljudmila Ulizkaja – sowie die seit Jahren hoch gehandelten Joyce Carol Oates aus den USA, Margaret Atwood aus Kanada und Haruki Murakami aus Japan.

Nach den Kontroversen der vergangenen Jahre wurde allgemein damit gerechnet, dass die Akademie einem Streit aus dem Weg gehen und eine eher orthodoxe Wahl treffen würde. So wie mit Kazuo Ishiguro vor zwei Jahren. Der britische Schriftsteller japanischer Abstammung galt bei Fachleuten als Konsenskandidat – nach der äußerst umstrittenen Wahl seines Vorgängers: Als sich die Akademie 2016 für den Musikpoeten Bob Dylan entschied, brachte sie fast alle Traditionalisten der Literaturwelt gegen sich auf.

Die gesamte Berichterstattung über die Nobelpreise 2019 finden Sie auf dieser Seite.