Ich will Ich – Seite 1

Ich lese viel. Die ganze Zeit eigentlich. Romane, Sachbücher, Zeitschriften und Zeitungen. Und wenn nicht, höre ich Hörbücher oder Podcasts. Ich mache das schon, seit ich Teenager bin. Eigentlich hat sich nichts daran geändert, weder an meiner Lesesucht noch an der Begeisterung, die ich für gute Literatur und guten Journalismus empfinde. Was sich aber verändert hat, sind die Geschichten, die wir uns erzählen. Ob Autofiktion, Memoiren oder persönlicher Essay: Viele der fesselndsten Texte sind heute autobiografischer Natur. Man muss sich nur vor Augen führen, wie bedeutsam Didier Eribons Rückkehr nach Reims, Margarete Stokowskis Untenrum Frei, Maggie Nelsons Die Argonauten, Ta-Nehisi Coates' Zwischen mir und der Welt oder Saša Stanišićs diesjähriger Bestseller und Buchpreisgewinner Herkunft für viele Menschen geworden sind, um nur einige Bücher aus den vergangenen Jahren zu nennen. Das Ich stellt heute keinen seltenen Grenzfall literarischen und journalistischen Erzählens mehr dar, sondern ist zu einer Signatur unserer Zeit geworden.

Ich finde es wichtig, dass wir darüber nachdenken, wie wir einander Geschichten erzählen. Schließlich bestimmt das darüber, wie wir uns als Gesellschaft verstehen, woran wir glauben und ob wir einander noch etwas zu sagen haben. Und es ist natürlich kein Zufall, dass dieser Text mit einem "Ich" beginnt. Ich schreibe ihn mit einem Gefühl verhaltener Überzeugung. Zwei meiner eigenen Bücher sind autobiografisch geprägt. Es waren zwei lange Essays, in denen ich meine persönliche Geschichte mit Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse verwob, um mir über etwas klarzuwerden, das ich ohne das Schreiben nicht hätte durchdringen können. Ich habe mir diese Perspektive nicht ausgesucht, sie hat sich von allein eingestellt. Je länger ich an diesen Büchern schrieb, desto deutlicher wurde es für mich, dass es diesbezüglich keine Alternative gab. Das Ich war das, was dem Material angemessen war, so wie jetzt.

Doch dieses Ich war lange verdächtig, sowohl in der Literatur als auch im Journalismus. Spuren dieses Verdachts lassen sich in der Rezeption autobiografisch gefärbter Texte bis heute sichten. Als Erzählperspektive widerspricht das Ich der auktorialen Tradition großer realistischer Romane, die mit allwissenden Rundumschlägen kleine Welterklärungsmodelle lieferten oder das zumindest versuchten – und für viele Menschen mehrere Generationen lang die Idee von Literatur verkörperten. Das erzählte Ich läuft außerdem der Haltung der Objektivität zuwider, mit der uns jahrzehntelang nüchtern, sachlich und manchmal etwas staatstragend die Entwicklungen in Politik, Kultur und Gesellschaft journalistisch auseinandergesetzt wurden. Es ist immer schwierig, Paradigmenwechsel zu diagnostizieren, wenn man sich inmitten eines solchen Paradigmenwechsels befindet. Doch zurzeit macht es den Eindruck, als wäre diese Perspektive des Über-den-Dingen-Stehens dabei, sich zu überleben, Geschichte zu werden, weil sie – im Gegensatz zum ausformulierten und ausformulierenden Ich – ihre eigene Geschichtenhaftigkeit leugnet.

Die innere Einkehr und die Wellness-Figur

Es liegt auf der Hand, diesen Wandel der Erzählperspektiven im Kontext jenes Strukturwandels zu sehen, den unsere Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat. Man kann nicht über ihn sprechen, ohne auch über den Aufstieg der sozialen Medien zu reden. Es war noch nie einfacher, noch nie selbstverständlicher, "ich" zu sagen als heute – auf YouTube, Twitter oder Instagram, auf Snapchat, Reddit oder Pinterest. Selbst jene Leute, die sich vor ein paar Jahren noch ausführlich über die "Nabelschau" in den sozialen Medien beklagten und vor dem Untergang der abendländischen Kultur warnten, haben heute einen Facebook-Account.

Bekanntlich ist das Medium immer auch die Botschaft. Liegt hier der Grund für die Renaissance des Autobiografischen? Haben sich einfach unsere Begriffe von Exhibitionismus und Voyeurismus verschoben? Oder zeichnet sich die Zeit, in der wir leben, nicht auch durch etwas aus, das die Popularität dieser Art von Kommunikation erst begründet? Kurz gefragt: Sind Social Media die Ursache oder nur eine der Wirkungen?

Der Rückzug ins Private

Offensichtlich ist dieses schreibende Ich, das man heute überall zu lesen glaubt, keine neue Erfindung. Ohne die religionsphilosophischen Bekenntnisse von Augustinus aus dem vierten Jahrhundert nach Christus – gewissermaßen der Soundtrack zur Christianisierung des Selbst – gäbe es das Genre der Memoiren nicht. Weder die heute wieder so gängige Inszenierung der inneren Einkehr noch die beliebte Wellness-Erzählfigur lebensverändernder Erweckungserlebnisse wären ohne ihn vorstellbar.

Michel de Montaigne erfand schon Ende des 16. Jahrhunderts das literarische Genre des Essays, als er um eine angemessene Form rang, um über den Tod seines geliebten Freundes Étienne de La Boétie zu schreiben. Die von ihm begründete Figur des Rückzugs ins Private wirkt bis heute nach.

Als ein Geburtstext der Autofiktion, also der expliziten literarischen Verarbeitung persönlichen Erlebens, kann dann Johann Wolfgang von Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (1814) gelten (auch wenn der Begriff Autofiktion erst 1977 vom französischen Autor Serge Doubrovsky erfunden wurde). Goethe selbst sprach bei der Beschreibung seines Lebensrückblicks von einem "Märchen" und rückte damit in den Fokus, auf welch wackeligen Füßen die damals entstehenden bürgerlichen Identitätsentwürfe standen.

Das "Ende der großen Erzählungen"

Schließlich sind da die kleinen literarischen Erdbeben jüngeren Datums, etwa 1979, als Joan Didion, die amerikanische Essayistin und New-Journalism-Ikone, in ihrem Band Das weiße Album umstandslos den ärztlichen Bericht veröffentlichte, der ihr nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie ausgestellt wurde. Nicht als Selbstzweck, sondern um die Brüche und die Paranoia Amerikas in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu beschreiben.

All diesen historischen Zeugnissen ist gemeinsam, dass sie zu Zeiten signifikanter kultureller Umbrüche geschrieben wurden. In Zeiten, in denen Menschen das Gefühl hatten, dass die "großen Erzählungen" ihrer Gemeinschaften bröckelten. Ich habe den Eindruck, dass wir heute etwas Ähnliches erleben, mit einer teils beängstigenden Intensität.

Die Idee vom "Ende der großen Erzählungen" stammt vom französischen Philosophen Jean-François Lyotard. Er prägte ihn in seinem vieldiskutierten Buch Das postmoderne Wissen, das im selben Jahr wie Didions Das weiße Album erschien. Lyotard meinte damit keine literarischen Erzählformen, sondern beschrieb einen grundlegenden Glaubwürdigkeitsverlust in der Gesellschaft. Die "Erzählungen", die er dabei im Auge hatte, waren die Politik und die Philosophie. Keiner dieser Bereiche, so Lyotard könne noch so etwas wie eine verbindliche "Rationalität" für sich beanspruchen. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hatten bereits etwas Ähnliches angesprochen, als sie die "Selbstzerstörung der Aufklärung" konstatierten.

Das Ende dieser großen Erzählungen, bei weitem nicht nur eine philosophische Denkfigur, lässt sich seit einigen Jahren in Echtzeit verfolgen. Es schlägt sich in Entwicklungen nieder, von denen einige begrüßenswert und andere bedrohlich sind: Das Ende von patriarchaler Selbstverständlichkeit und starren Auffassungen von Geschlecht. Das Ende der Idee, dass wir dem Klimawandel rational begegnen oder etwas gegen die wachsende soziale Ungleichheit ausrichten können. Das am Horizont auftauchende Ende des Glaubens an die Lösungs- und Krisenkompetenz der Demokratie.

Texte mit neuer Emphase

Diese Entwicklungen stellen auch jenes autonome Subjekt infrage, das sich lange auf selbstverständliche Gewissheiten berufen und im Rückgriff auf allgemein geteilte Wahrheiten sagen konnte, was richtig und was falsch sei. Lyotard spricht in diesem Sinne von auf sich zurückgeworfenen Individuen, die stattdessen erfindungsreich ihren Weg zwischen "kleinen Erzählungen" navigieren müssen. Anders ausgedrückt kommen wir heute nicht umhin, uns selbst unseren Weg zwischen verlorenen Gewissheiten und neuen Sicherheiten zu suchen. Dieses suchende Ich ist zurzeit vielleicht die letzte Erzählung, auf die wir uns wirklich einigen können. Deshalb lesen wir wieder verstärkt autobiografische Texte und deshalb sind diese Texte von einer neuen Emphase geprägt.

Ich will damit nicht sagen, dass alle Formen dieser Ich-Erzählungen interessant sind. Mich ärgern Bücher, in denen sich Schreibende selbstverliebt als das moralische Gewissen der Nation aufspielen und dabei nur offene Türen bei dem einen oder anderen politischen Lager einrennen. Ich merke, wie ich Romane wieder zuschlage, die im Grunde Memoiren sind, selbst dann, wenn ich sie als Memoiren gern gelesen hätte. Ein Journalismus belangloser Befindlichkeiten und kalkulierter Empörungserregung macht mich ungeduldig. Ich kann mir Reality-TV-Formate wie Love Island oder Der Bachelor nicht anschauen, weil es mich betroffen macht, wie zwanghaft deren Protagonisten versuchen, Phantasmen von Romantik und Liebe zu verkörpern, die die meisten Menschen nur unglücklich machen.

Gute Texte von Autorinnen und Autoren allerdings, die die Lesenden an der Navigation ihres Lebens in unserer Zeit teilhaben lassen, haben eine einzigartige Kraft. Sie machen eine Form der Teilhabe möglich, eine spezifische Form der Miterfahrbarkeit, die sich in anderen literarischen und journalistischen Erzählformen nicht einstellt. Sie geben Einblicke, ohne die politische Diskussionen über Rassismus und Populismus, über Feminismus und LGBTQIT-Belange nicht möglich wären. Und sie machen zugleich deutlich, dass ein auktorialer Diskurs, der die Vielzahl "kleiner Erzählungen" ausblendet, angesichts unserer heutigen Lebensrealität schlicht versagt.

Ich glaube daran, dass solche Texte uns dabei helfen können, unseren Weg im Leben zu finden. Ich glaube daran, dass ihre Menschlichkeit uns davon abhalten kann, in die Fallen von Hass und Ressentiment zu laufen. Daran, dass sie uns dabei helfen, uns unseren Traumata zu stellen und uns damit nicht mehr allein zu fühlen. Daran, dass sie uns dazu anregen, einen Blick auf all die Geschichten zu werfen, die wir uns, vielleicht ohne es zu merken, selbst jeden Tag erzählen und die uns unglücklich machen. Dass sie uns zu einem Nachdenken darüber anregen, ob das noch die Geschichten sind, die wir wirklich brauchen – oder ob es nicht Zeit für neue Erzählungen ist. Kleine und große.

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