"504 Gateway Time-out" – das konnte die Website des polnischen Verlags Wydawnictwo Literackie gerade noch vermelden. Dieser doppelsinnige Auftritt des traditionsreichen Verlags, der Olga Tokarczuks jüngsten Kurzgeschichtenband und einige ihrer Romane veröffentlicht hat, spricht Bände über das dringende Bedürfnis, mehr über die frisch gekürte Gewinnerin des Literaturnobelpreises für das Jahr 2018 zu erfahren. In ihrer Heimat gehört sie längst zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, zweimal wurde sie mit dem polnischen Literaturpreis Nike ausgezeichnet.

Die Fehlermeldung ihrer Verlagsseite spricht ironischerweise zwei Begriffe an, die sich durch Tokarczuks Werk ziehen: gateway als Tor, aber auch als Zugang; und time-out einerseits als Auszeit, andererseits auch im Sinn der Überschreitung. Olga Tokarczuks Literatur ist voller Türen und Überschreitungen. In ihrer Kurzgeschichte Szafa (1998, auf Deutsch: Schrank) geht es um ein Paar, das einen alten Schrank erwirbt, diesen restauriert und in seinem Innern einen Rückzugsort findet. Hinter seinen Türen scheint die Außenwelt vergessen, eine andere, zeitlose Realität umgibt die beiden, in der sie ihre Beziehungsprobleme vergessen können und wieder zueinanderfinden. Am Ende der Geschichte ziehen es die beiden vor, den Schrank gar nicht mehr zu verlassen. Er ist nicht bloß eine Auszeit, sondern der Übergang in einen Raum, in dem ein anderes Miteinander möglich ist. Auf einer anderen Ebene, der literarischen an sich, lässt sich die Geschichte auch als Kommentar über das Schreiben lesen: der Schrank als Begegnungsort zwischen Schriftstellerin und Publikum. Sie schreibt über das Schreiben selbst.

Dass Olga Tokarczuk, 1962 geboren, Psychologie studiert sowie als Therapeutin gearbeitet hat und sich bestens mit dem Werk von C. G. Jung auskennt, zeigt sich nicht nur in dieser Kurzgeschichte. In ihrem Essayband Lalka i Perła versuchte sie eine jungsche Analyse und Hommage an den polnischen Schriftsteller Bolesław Prus und dessen Klassiker Lalka (1890, auf Deutsch: Die Puppe). In gewisser Hinsicht ist der Schrank allerdings programmatisch für ihr literarisches Schaffen: Tokarczuk schreibt in einer ungekünstelten und doch akribischen, beobachtungsreichen Alltagssprache über ganz alltägliche Menschen, Situationen, Begegnungen, die für einen kurzen Moment der Lektüre Teil der Geschichte werden –  einer alternativen fiktionalen Historizität. Nicht umsonst würdigt das Nobelpreiskomitee ihre "erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstellt".

Das Nomadische, das Reisende, das Umherflackernde kennzeichnen Tokarczuks Prosa. Es ist ein zerrissenes Schreiben. "Die Welt besteht aus Leeren, und leider gibt es keine Worte, um das zum Ausdruck zu bringen", heißt es in ihrem Erzählband Spiel auf vielen Trommeln. "Lasst stehen und liegen, was Ihr besitzt, verlasst Euren Grund und Boden und setzt Euch in Bewegung", sagt eine Anhängerin der Bieguni-Sekte im Roman Unrast (2008). Dieses Buch bringt Fundstücke und Erzählungen aus vielen Kontinenten zusammen, sucht sie nach Ähnlichkeiten ab, es ist ein Roman, der die Entwurzelungen, die Fluidität, die Übermacht des Nebeneinanders unserer Gegenwart zum poetischen Prinzip macht. Das Ich trifft darin neben der slawischen Wandersekte noch auf einen flämischen Anatomen im 17. Jahrhundert und es begegnet Chopins Schwester, die das Herz des Bruders nach Warschau überführt.