Die Reaktionen auf die Nobelpreisvergabe an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke haben zum Teil befremdliche Blüten getrieben. Der Literaturjournalist Denis Scheck, dessen vorrangiges Ziel es inzwischen zu sein scheint, so oft wie möglich zitiert zu werden, nannte die Entscheidung der Akademie freudig "eine Ohrfeige für die politische Korrektheit", während in sozialen Medien unter anderem geklagt wurde, dass ein alter weißer Mann ausgezeichnet werde, der offenbar aus der #MeToo-Debatte keine Lehren gezogen habe. Als wüsste Peter Handke, was ein Hashtag ist, und als sei ein Künstler von Bedeutung per se dazu verpflichtet, sich mit Gegenwartsdiskursen dieser Art zu beschäftigen, um seine Bedeutung zu rechtfertigen oder zu konservieren.

Doch die Diskussion um die Legitimität des Preisträgers hat einen tieferen, weniger flüchtigen Kern. Die amerikanische Schriftstellervereinigung PEN beispielsweise kritisierte die Preisvergabe an Handke: Man sei sprachlos über die Entscheidung, einen Autor auszuzeichnen, der seine öffentliche Stellung dazu benutzt habe, historische Wahrheiten zu untergraben und Genozidverbrechern wie Slobodan Milošević publizistischen Beistand zu leisten. Es ist keine Frage, ob Handke mit seinem 1996 veröffentlichten Text Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, mit seinen darauffolgenden, zunehmend wirren politischen Äußerungen zum Balkankrieg und mit seiner Grabrede auf Milošević im März 2006 eine politische Dummheit und historische Fahrlässigkeit nach der anderen begangen hat, die er in seiner Sturheit und in seiner Medienverachtung nicht zu revidieren bereit war.

Das wütende Drehen des Bleistifts

Die grundsätzliche Frage lautet, ob Handkes verbissene literarische Zelebration des Vielvölkerstaats Jugoslawien, die bei ihm den grotesken Umweg der Verteidigung dessen Zerstörer nahm, Konsequenzen für die Rezeption seines Werks haben. Darum, ob seine politischen Äußerungen oder, allgemeiner gesagt, seine persönlichen Verfehlungen literarisch entwertend wirken oder nicht. Es ist die Bill-Cosby-Frage, die Michael-Jackson-Frage, die Roman-Polanski-Frage. Oder, um in der Literaturgeschichte zu bleiben, die Frage, ob beispielsweise Antisemiten wie Louis-Ferdinand Céline oder Ezra Pound in rein ästhetischen Kategorien gelesen und bewertet werden können.

Peter Handke war und ist schon immer ein Sonderfall. Ein Autor, der seine Stillage von einem rebellischen Aufbegehrungssound hin zu einer feingestimmten Innerlichkeitserkundung entwickelt hat, dessen Habitus vom langhaarigen Poppoeten über die Jahrzehnte hinweg in den guruhaften Auftritt des zeichnenden Pilzesammlers übergegangen ist. Die ihm lautestmögliche Äußerung, so ist es im Roman In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus nachzulesen, sei das wütende Drehen seines Bleistiftes im Spitzer als Waffe gegen den Laubbläser des Nachbarn. Manche Leser und Kritiker fanden das selbstironisch und witzig. 

Es geht nicht darum, ob der Schriftsteller Peter Handke den Literaturnobelpreis verdient hat. Er hat ihn so sehr verdient oder nicht verdient wie Vorgängerinnen und Vorgänger auch. Das Werk Handkes ist zu reich, zu vielfältig und auch zu ausdifferenziert, um es auf kurze Begriffe wie "Kitsch" zu bringen und damit abzutun. Erstaunlich ist allerdings, dass die Apologeten von Handkes nicht diskutablen moralischen Verfehlungen so zahlreich waren und es geblieben sind. Es scheint, als könne es opportuner und verzeihbarer sein, am Grab eines Diktators und Massenmörders zu weinen, als einen schlechten sexistischen Witz zu machen.