Im Jahr 1975 drehte der Fernsehjournalist Georg Stefan Troller einen Dokumentarfilm über den damals 33-jährigen Peter Handke. Der lebte zu dieser Zeit in Paris, zusammen mit seiner sechsjährigen Tochter Amina. Die Erzählung über den Freitod seiner Mutter – Wunschloses Unglück – hatte ihn in diesem Jahrzehnt, in dem man sich von einigen Utopien verabschiedete, endgültig berühmt gemacht. Zusammen mit seinem Freund Wim Wenders war der Film Falsche Bewegung entstanden, der gerade in den Kinos lief, eine Wilhelm-Meister-Paraphrase. Zumindest in Deutschland wurde der junge Autor wie ein Popstar verehrt. In allen Genres feierte er Erfolge: als Dramatiker ebenso wie als Romancier, als Lyriker wie als Essayist.

Trollers Off-Kommentar in der halbstündigen Reportage offenbart allerdings eine gewisse Distanz, um nicht zu sagen Bissigkeit gegenüber dem jungen Dichter: Immer wieder versucht er, ihm mit den Mitteln der Ironie ein wenig am Lorbeerkranz zu zupfen. An Handke prallte das freilich ab. Er inszenierte sich in diesem Film als jemand, der eine Scheu hat, sich auf das mediale Spiel einzulassen – und gleichzeitig scheint er die Aufmerksamkeit außerordentlich zu genießen. Eine Szene vor allem ist aufschlussreich – sowohl, was seine Arbeit angeht, als auch sein Selbstverständnis. Er sitzt da in seiner großzügigen Pariser Wohnung zusammen mit dem Schriftstellerfreund Georges-Arthur Goldschmidt, der Handkes Bücher ins Französische übersetzte. Sie arbeiten zusammen an der Übertragung einer seiner Texte. Handke ist streng, verzweifelt an den ungenügenden Möglichkeiten, Bedeutungen von einer in die andere Sprache zu retten. Dann wird er grundsätzlich: "Alle meinen, ich schreibe das so einfach dahin, ich hätte so ein natürliches Schreibtalent", sagt er. "Und es ist eine ganz lange Arbeit, bis ich das Wort finde, das einfach und neuartig zugleich ist. Grad bei meinen Sachen besteht doch das Geheimnis in den Sätzen, die da stehen, die Bedeutung wird durch die ein bisschen veränderten Sätze dem Alltagsdeutsch gegenüber erzielt. Ich habe ja keine Ideologie, ich habe ja keine Weltanschauung, keine richtige Botschaft, die dann mitgeteilt wird. Meine Botschaft ist das Changieren der Sätze, dass die Sätze so dinglich werden, dass ich die Erfahrungen, die ich sprachlos habe, versuche, durch lange Arbeit mit der Sprache in einer Art zweiten Natur wiederherzustellen." Goldschmidt erläutert eine seiner übersetzten Passagen, und Handke gibt zurück – halb im Ernst und halb im Spaß: "Da packt einen ja die Verzweiflung … Wie soll man denn da weltberühmt werden, wenn man's nicht übersetzen kann!"

Ist ja doch gelungen, das mit der Weltberühmtheit. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war Handke auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angekommen. Die Auflagenzahlen waren für literarische Texte aufsehenerregend. Er hatte Einfluss. Konnte andere jüngere und ältere Kolleginnen und Kollegen durch ein paar Zeitungsartikel oder eigene Übertragungen durchsetzen – erinnert sei nur an Hermann Lenz oder den späteren Nobelpreisträger Patrick Modiano. In diesen Jahren war er selbst auch immer wieder im Gespräch für den Literaturnobelpreis.

Ein politischer Schriftsteller spricht so nicht

Als die Wahrscheinlichkeit wuchs, dass er ihn endlich erhalten würde, kam der Jugoslawienkrieg dazwischen. Peter Handke brachte die gesamte Medienöffentlichkeit gegen sich auf. Wann Handkes Kurs einbrach, lässt sich ziemlich genau datieren: 1996 veröffentlichte er in der Süddeutschen Zeitung den Essay Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Das Echo dieser poetischen Reportage war gewaltig. Handke galt fortan als verlängerter Arm der großserbischen Propagandaabteilung, und das Tor war weit geöffnet für vielerlei Missverständnisse, denen der zu Jähzorn neigende Autor nicht gerade Einhalt gebot. Leisere, differenziertere Töne waren kaum noch zu vernehmen, und Handkes Wut auf die "sogenannte Weltöffentlichkeit" wuchs. Die Kritik ließ sich dazu hinreißen, Handke plötzlich als politischen Autor wahrzunehmen. Selbst bei seinen Bewunderern waren die Seufzer der Erleichterung deutlich zu hören, wenn in den Büchern der folgenden Jahre nur der Dichter sprach, rein und ohne erkennbaren Jugoslawienbezug. Man hätte aber schon beim jungen Handke etwas über das Spannungsfeld von Politik und Poesie erfahren können. 1967 schrieb er: "Jedes Engagement wird durch literarische Form entwirklicht: in der Geschichte wird es Fiktion, im Gedicht Poesie, oder beides in beiden." Ein politischer Schriftsteller spricht so nicht.

Nun, viele Jahre später und nach einem reichen, atemberaubend vielschichtigen Spätwerk hat sich das neu konstituierte Nobelpreiskomitee an ihn erinnert. Zum Glück, möchte man sagen. Denn dieses Œuvre schillert in seiner poetischen Kraft, in dem fast klassischen Ausdruckswillen, in seiner epischen Anmutung und der Unbedingtheit, in der es sich dem Schwebenden, dem Nebensächlichen, den Schwellenzuständen zuwendet. Dass Handke zu den einflussreichsten Schriftstellern der vergangenen 50 Jahre gehört, betonte das Akademiemitglied Anders Olsson in seiner kurzen Ansprache direkt nach der Verkündung, Handke werde der Literaturnobelpreis 2019 verliehen. Und dass die Jury vor allem von seinem letzten großen Roman Die Obstdiebin "tief beeindruckt" gewesen sei, dürfte die Kehrtwende begünstigt haben: Handke wollte nie als politischer Autor missverstanden werden; jetzt steht endgültig wieder der Dichter und Epiker im Zentrum. Ein beeindruckendes Werk wird damit gewürdigt und ein langer Weg, der mitten im Zweiten Weltkrieg beginnt.

Peter Handke wird am 6. Dezember des Jahres 1942 in Griffen in Kärnten geboren. Der leibliche Vater ist ein deutscher Soldat, der in Österreich stationiert ist. Die Mutter, Maria Siutz, eine Kärntner Slowenin. Noch vor Peters Geburt heiratet die Mutter dann den Berliner Straßenbahnschaffner und Wehrmachtssoldaten Bruno Handke. Die Kindheit verbringt Peter teils in Berlin, wo dem Kind der Schrecken des Kriegs eingeimpft wird, größtenteils aber in Kärnten. Das plötzliche Versetztwerden von einer Welt in eine völlig andere mag Handkes Sehnsucht nach Schwellenorten erklären, die er sich auch immer wieder als Wohnorte ausgesucht hat – seit 30 Jahren lebt er in Chaville, am Rande von Paris. Slowenien, das Land der Ahnen mütterlicherseits, spielt als idealisierter Ort und gerade auch in seinem Spätwerk eine bedeutende Rolle.