Die Autorin Sophie Passmann machte auf Twitter den Witz der Stunde. "Eine krachende Ohrfeige für die politische Unkorrektheit", schrieb sie, unmittelbar nachdem der Deutsche Buchpreis des Jahres 2019 an Saša Stanišićs Buch Herkunft gegangen war. Damit spielte Passmann auf eine Äußerung des Literaturkritikers Denis Scheck an, der vor wenigen Tagen in der Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke frohlockend eine "krachende Ohrfeige" eben für die "politische Korrektheit" gesehen hatte.

Entsprechend der launigen Bemerkung und der Versuchung, in Konflikten allen Seiten ein bisschen Recht zu geben, könnte man nun beide Auszeichnungen auf Augenhöhe sehen: hier der Preis für Handke, den literarischen Helden all jener, die sich gern ihres politischen Querdenkertums versichern, und auch jener Literaturfreunde, die sich gegen die (Re-)Politisierung aller Lebensbereiche mit großer Kunst-für-die-Kunst-Geste wehren. Dort der Preis für Stanišić, dessen Positionierungen auf Twitter dergestalt sind, dass die notorischen Querdenker in ihm den Mainstreammenschen zu erkennen meinen, der an den Klimawandel glaubt, den Hamburger SV und an die Erfahrungen der eigenen Biografie.

Sowohl Handkes als auch Stanišićs genuin schriftstellerische Qualitäten, ihre Beherrschung von Stoffen und eigenen Tonfällen, sind unbestritten. Und nur um Literatur soll es bei Literatur ja gehen. Oder?

Mehr als nur ein Unbehagen

Der Buchpreis hat sich in diesem Jahr entschieden, dass es um mehr geht. Nicht nur hat man den populärsten deutschen Literaturpreis an den bosnischstämmigen Schriftsteller Saša Stanišić verliehen, kurz nachdem das Nobelpreiskomitee den wichtigsten Literaturpreis der Welt an einen Apologeten serbischer Kriegsverbrechen vergeben hat. Die Buchpreisjury hat in ihrer Begründung eine gewisse politische Opposition zur schwedischen Entscheidung sogar noch zusätzlich unterstrichen: "Mit viel Witz setzt er (Stanišić) den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen."

So bekommt den Deutschen Buchpreis einerseits ein Verfolgter jener, die Handke verteidigt, ein Vertriebener und Entwurzelter, ein Objekt der Geschichte und nun der Ehren. Der Preis geht andererseits aber auch an das Subjekt einer aktuellen Debatte, einen Aufklärer im besten Sinn. Wer nach der Verkündung der Nobelpreisakademie kurzzeitig geneigt war, Handkes Verbeugungen vor Slobodan Milošević als kleine Altersschrulle abzutun, konnte bei Twitter in den vergangenen Tagen beschämt mitlesen, wie nah dem sonst so witzigen und gelassenen Stanišić das alles ging. Wie verdammt nah.

Während der Preisverleihung in Frankfurt hat Saša Stanišić nun in furioser Weise etwas auf die Bühne gebracht, das mehr als nur ein Unbehagen ist. Als er für jenes autofiktionale Buch ausgezeichnet wurde, das die Verpflanzung des 14-Jährigen von Višegrad nach Heidelberg beschreibt, sagte er einen Satz, der zugleich schön war, persönlich und einen politischen Anspruch an Literatur und Literaten formulierte, mehr noch: einen ethischen. Er tat dies, indem er aufzeigte, wie zynisch die Freude über Handkes politische Unkorrektheit ist, wie zynisch auch die Behauptung, dessen sonstiges Schaffen könne losgelöst von seinen politischen Äußerungen betrachtet werden: Stanišić sagte, dass er das Glück hatte, "dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt" (die Preisrede im Wortlaut hier).

Damit ist weder ein Sprech- oder Schreibverbot für Handke erteilt (eher ist es ja eine Ermutigung, die zigtausendfach bezeugte Geschichte nicht länger zu ignorieren), noch fiel Stanišić dem Nobelpreiskomitee in den Arm. Im Gegenteil: Dessen zweite Entscheidung für Olga Tokarzcuk feierte er nahezu aufreizend.

Olga Tokarczuk will nun, so ließen die Veranstalter vernehmen, zum Start der Frankfurter Buchmesse über die politische Verantwortung von Autoren sprechen. Saša Stanišić hat, der Buchpreisjury sei Dank, seine schon wahrnehmen können.

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