Dumm, inkompetent, gefährlich und so weiter – Seite 1

"Lasst uns ehrlich sein unter Freunden", sagt einer im Anschluss an ein Meeting. "Ungefähr ein Drittel dessen, was der Präsident uns zu tun aufträgt, ist schlicht und einfach dämlich. Ein weiteres Drittel ist unmöglich umzusetzen und würde kein Problem lösen. Und das letzte Drittel wäre illegal."

Dämlich, unmöglich, illegal: Wenn Untergebenen nur diese drei Kategorien angesichts der Anweisungen ihres Chefs einfallen, ist das bereits ein Problem, wenn es in irgendeiner Klitsche passiert. Handelt es sich bei dem Laden aber um das Weiße Haus und beim Boss um den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, hat das Problem größere Ausmaße. Dann geht es mitunter um Krieg und Frieden oder den Erhalt der Demokratie im noch immer mächtigsten Land der Erde. Oder wenigstens um das, was eines Tages in Geschichtsbüchern stehen wird. Über Donald Trump, das lässt sich nach drei Amtsjahren mutmaßen, wird dort für einen US-Präsidenten definitiv Ungewöhnliches zu lesen sein.

Zumal Geschichte bei Donald Trump bereits während ihres Entstehens und nicht erst danach in vielen Büchern dokumentiert wird. Die Aussage am Anfang dieses Artikels, die von einem prominenten Berater des US-Präsidenten getätigt worden sein soll, ist dem neuesten Trump-Erlebnisbericht entnommen: A Warning heißt das Enthüllungsbuch, das ein angeblich hochrangiger Mitarbeiter oder eine hochrangige Mitarbeiterin unter dem Pseudonym "Anonymous" verfasst hat und das nun in englischer Sprache erschienen ist; die deutschsprachige Fassung Warnung aus dem Weißen Haus kommt am 12. Dezember in die Buchläden.

Erstmals zu Wort gemeldet hat sich Anonymous im September 2018 in einem Meinungsbeitrag für die New York Times, der "I Am Part of the Resistance Inside the Trump Administration" ("Ich bin Teil des Widerstands in der Trump-Regierung") überschrieben war. Dieses Op-ed hat Aufsehen erregt wegen der Härte seiner Kritik an Trumps Politik von jemandem, der oder die sie doch aktiv mitgestaltete. Trump selbst nannte die betreffende Person "feige". Identität, Geschlecht, genauer Hintergrund von Anonymous sind bis heute unbekannt.

Diesmal aus erster Hand

Das knapp 300 Seiten starke Werk A Warning unterscheidet sich von vorherigen Trump-Enthüllungsbüchern wie Furcht von Bob Woodward, Feuer und Zorn von Michael Wolff und dessen Sequel Unter Beschuss inhaltlich kaum. Die Charakterisierungen Trumps als intellektuell minderbemittelt, selbstbezogen, kenntnisfrei, lern-, lese- und auch sonst faul, misogyn, hochfahrend, unkonzentriert, beratungsresistent, fernsehsüchtig, kleingeistig, nachtragend, Autokraten zugeneigt und so weiter: Die kennt man aus den früheren Büchern, und entsprechende Schlüsse lassen sich aus vielen öffentlichen Auftritten des aktuellen US-Präsidenten ableiten. Regelmäßige Lektüre von New York Times und Washington Post könnte ebenfalls zu ähnlichen Ergebnissen führen. Deren hervorragende Reporterinnen und Reporter reichen Beobachtungen aus dem Weißen Haus täglich an die Leserschaft weiter, und ihre zurückliegenden Berichte aus drei Jahren Trump im Oval Office werden durch die Beschreibungen in A Warning als fast ausnahmslos zutreffend bestätigt (was deren Rezensenten bereits wohlwollend zur Kenntnis nahmen).

Der große Unterschied dieses Buches zu allen anderen Texten über Trump besteht zunächst darin, dass der Autor oder die Autorin selbst erlebt oder aus erster Hand von Kolleginnen und Kollegen erfahren haben will, was er oder sie nun im Buch erzählt. Anonymous braucht keine Quellen, er oder sie ist weitgehend die Quelle, die nah am Präsidenten sitzt, als republikanisches Regierungsmitglied (offenbar nicht als parteiferner Karrierebeamter) womöglich gar im Weißen Haus. Und zwar scheinbar bis heute, das unterscheidet Anonymous von ehedem hochrangigen Trump-Mitarbeitern, die ebenfalls zuletzt Bücher veröffentlicht haben.

Der ehemalige Verteidigungsminister James Mattis enthält sich in seinem Führungsleitfaden Call Sign Chaos jeglichen Kommentars zu Charakter- und Vorgesetzteneigenschaften des aktuellen Präsidenten und betont öffentlich, für einstige Mitglieder einer noch regierenden Administration seien Zwischenrufe unziemlich. Trumps ehemalige UN-Botschafterin Nikki Haley hingegen wäscht in ihren gerade erschienenen Memoiren With All Due Respect schmutzige Wäsche ganz besonderer Sorte. Sie erzählt, die ebenfalls längst zur stattlichen Riege von Trump-Ehemaligen gehörenden Rex Tillerson (Außenminister) und John Kelly (Chief of Staff) hätten versucht, sie dafür zu einzuspannen, Politik hinter dem Rücken Trumps zu betreiben: "Kelly und Tillerson vertrauten mir an, dass, wenn sie sich dem Präsidenten widersetzten, sie dies nicht aus Ungehorsam taten, sondern weil sie das Land zu retten versuchten." Haley schreibt, sie habe bei der Idee nicht mitgemacht. Solche Aussagen sind auch deshalb interessant, weil sich hartnäckig das Gerücht hält, Trump wolle im kommenden Jahr statt im Duett mit dem amtierenden Vizepräsidenten Mike Pence womöglich lieber mit Haley als Kandidatin für die Vizepräsidentinnenstelle zur Wahl antreten.

Während Haley frühzeitig, selbstbestimmt und ohne größere Blessuren an der eigenen Reputation den Trump-Zirkus verlassen hat (und sich deshalb für jedwede künftige Aufgabe bei den Republikanern empfohlen hat), schaut Anonymous dem Treiben weiter entsetzt von innen zu, aus der Warte einer sich selbst als wertkonservativ begreifenden Person. So uninteressant erst einmal ist, wer genau sich hinter dem Pseudonym verbirgt, so interessant ist dann doch, aus welcher Perspektive dieser Mensch auf Trump und dessen Regierungshandeln blickt: Anonymous unterstützt nach eigenen Worten weite Teile der politischen Agenda Trumps, zumindest, wenn es um Steuersenkungen oder ähnlich Unverfängliches geht. Wenn Trump dann aber intern die Frage stellt, warum seine Regierung Migranten, die etwa an der Grenze zu Mexiko aufgegriffen werden, rechtlich nicht als "feindliche Kämpfer" einstufe (wie das bei Kriegsbeteiligten oder Terrorverdächtigen geschieht) und ins Gefangenenlager nach Guantanamo deportiere, ringt Anonymous mit der eigenen Fassung. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump einfach nur ahnungslos sein könnte, ist da tatsächlich relativ gering. Er meint es offenkundig ernst.

Die Frage, vor der sich Verfassungspatrioten drücken

Anonymous begreift sich augenscheinlich als einen der mittlerweile fast schon sprichwörtlichen "adults in the room", als einen der Erwachsenen, die dem kindischen Präsidenten permanent die Förmchen des gewaltigen amerikanischen Staats- und Militärapparats aus der Hand nehmen und ihn mit etwas Glänzendem oder Blinkendem ablenken, damit er nicht in einem Tobsuchtsanfall die Welt oder wenigstens die republikanische Partei in Schutt und Asche legt. Wie hoffnungslos der Versuch ist, Trump zu zähmen, beschreibt Anonymous schon früh im Buch; wie zweifelhaft die Position der selbsternannten Trump-Aufpasser jedoch ist, problematisiert er oder sie nur zwischen den Zeilen.

Meint man es gut mit Leuten wie Anonymous, dann betrachtet man sie als tragische Figuren in einem Schauspiel, in dem sie von Anfang an auf verlorenem Posten standen. Anonymous umkränzt sich selbst mit hehren Idealen und Werten. Das beginnt schon mit der Begründung dafür, den eigenen Namen nicht zu nennen. Zwar wolle er oder sie sich nicht in eine Reihe mit den zunächst anonymen Autoren der Federalist Papers stellen, jenen epochemachenden Schriften, mit denen die Verfassungsväter James Madison, Alexander Hamilton und John Jay Ende des 18. Jahrhunderts um die Annahme eben jener US-Verfassung warben – implizit vergleicht sich Anonymous aber doch mit ihnen. 

Er oder sie argumentiert denn auch vor allem verfassungspatriotisch, für die Verteidigung von Recht und Gesetz, von Normen und Gebräuchen, gegen die universelle Missachtung dieser Errungenschaften durch Donald Trump. Das Hochmögende dieses Kampfes, zu dem Anonymous sich selbst ermächtigt hat und der einstweilen in der Veröffentlichung dieses mit vornehmen historischen Zitaten und Cicero-Referenzen gespickten Buches gipfelt, hat allerdings auch einen schalen Beigeschmack: Wenn doch nichts gegen die Dummheit, Inkompetenz und Gefährlichkeit Trumps hilft (außer die Abwahl im kommenden Jahr, wie Anonymous schreibt), warum ist er oder sie noch immer Teil von Trumps Administration? Ist Anonymous so nicht zum Mitläufer und Ermöglicher geworden, dessen Warnung an die amerikanische Bevölkerung per Buch zwangsläufig wie eine Erleichterung des eigenen Gewissens wirkt – oder ist er oder sie umgekehrt ein Mitglied jenes Deep State, den Trump immer dann am Werk sieht, wenn er nicht bekommt, was er will? Das widersinnige Ausharren in einer moralisch wie politisch unverantwortlichen Stellung vermag der Autor, die Autorin nicht zu erklären.

Wie weise waren die Verfassungsväter wirklich?

Die eigentliche Tragik von konservativen Never-Trumpern wie Anonymous besteht darin, dass sie die US-Verfassung derart verehren, dass sie eine naheliegende Frage meist zu stellen vermeiden: Wenn ein mit so überschaubaren Talenten gesegneter Mann wie Donald Trump die US-Verfassung an ihre Grenzen bringen kann, ist dann womöglich doch etwas falsch an genau dieser Verfassung oder ihrer traditionellen Interpretation? Ist die Machtfülle, mit der die Constitution das Amt des US-Präsidenten ausgestattet hat, schon immer ein eklatanter Konstruktionsfehler gewesen?

Dass Vorgänger Trumps aus beiden Parteien, von Republikanern wie Demokraten, die Kompetenzen des Amtes ausweiten konnten, gegen einen sich in der politischen Polarisierung zunehmend selbst schwächenden Kongress, gegen ein durch streng parteipolitische Besetzung in seiner Autorität bedrohtes Oberstes Gericht: Diese reale Aushöhlung der gegenseitigen Kontrollfunktion der Institutionen in ihren checks and balances beklagen auch amerikanische Verfassungspatrioten. Die Diagnose von Washingtons latenter Dysfunktionalität führt sie aber nicht dazu, die Weisheit der Verfassungsväter anzuzweifeln. War deren Zutrauen in das Zivilisierende von Amt und Verantwortung des US-Präsidenten vielleicht doch zu groß? Ist das Wahlsystem des Electoral College womöglich doch ungerecht, wenn wie 2016 geschehen ein Kandidat, der Millionen weniger Stimmen erhalten hat als seine Kontrahentin, ins Weiße Haus einziehen kann? Und als wie naiv hat sich das Vertrauen in bis dato herrschende Normen herausgestellt, wenn jemand wie Donald Trump sie schlicht missachten kann und sich als schier unbezähmbar erweist in seinem Machtanspruch und seiner destruktiven Kraft?

Amerika, eine Heldengeschichte

Um die Begründungsnöte zu verstehen, die Menschen wie Anonymous für ihr (Mit-)Tun haben, und um ihren Glaubenskampf mit der ihnen heiligen Verfassungsschrift nachvollziehen zu können: Dafür lohnt sich die Lektüre dieses Buches.

Die Strahlkraft der amerikanischen Demokratie, auch die Selbstbestätigung des American exceptionalism hängt immer wieder an der Erzählung, dieses Land habe krisenhafte Situationen stets gemeinschaftlich gemeistert und sei gestärkt aus ihnen hervorgegangen. Im Nachwort von A Warning verweist Anonymous darum auf eine mittlerweile zum Mythos gewordene amerikanische Heldengeschichte: die von den Passagieren des Flugs UA 93. Einige von ihnen versuchten am 11. September 2001, die vier Entführer ihrer Maschine zu überwältigen. Sie wollten nicht zulassen, dass ein weiteres Flugzeug in ein Gebäude einschlägt, so wie zuvor die drei, die die Türme des World Trade Center und das Pentagon getroffen hatten. Einer der Passagiere von UA 93, Todd Beamer, rief den anderen im entscheidenden Moment zu: "Are you ready? Okay? Let’s roll." Die Boeing 757 zerschellte wenig später mit 44 Menschen an Bord auf einem Feld in Pennsylvania.

Was wäre gewesen, fragt Anonymous, wenn damals ein Mann Präsident der Vereinigten Staaten gewesen wäre, der Al-Kaida so behandelt hätte, wie Donald Trump heute Russland behandelt: Alle Amerikaner sehen darin einen Feind, nur der Präsident offenbar nicht. Hätte Trump erst einmal Gründe gesucht dafür, warum vielleicht jemand anderes als Al-Kaida verantwortlich gewesen sein könnte für die Terroranschläge des 11. September, so wie Trump immer noch in der Ukraine nach den Schuldigen für die Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahl 2016 sucht? Hätte er das Land wie George W. Bush wenigstens kurzzeitig in der gemeinsamen Trauer und im Aufbäumen gegen die Feinde geeint?

"Let's roll"

Das ist nicht nur ein vollkommen ahistorisches Denkspiel, es verbietet sich eigentlich schon aus Respekt gegenüber den unschuldigen Opfern des Fluges UA 93. Doch Anonymous glaubt, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner heute in einer vergleichbaren Notsituation seien. Aus der sie sich nur gemeinsam befreien könnten, wenn sie sich auf die eigenen Werte und die eigene Vergangenheit besännen, auf alles, was gut ist oder einmal gut war an den USA.

Anonymous hält die Zeit für einen heroischen Akt gekommen. "Let’s roll", lautet der letzte Satz ihres, seines Buches. Im Cockpit, so lässt sich das als Metapher verstehen, sitzt also ein einzelner Mann, der die USA oder vielleicht auch nur die Regierungsmitarbeiter entführt hat, keine Ahnung vom Fliegen hat und die Maschine crashen will. Ihm muss der Steuerknüppel entrissen werden. Und dies auch, folgt man der Argumentation des Buches, um den Preis, dass entweder die Trump-Administration oder selbst Amerika abstürzt, zerschellt, stirbt. So genau führt Anonymous das nicht aus.

Manche Metaphern, denkt man beim Zuklappen dieses Buches, sollte man Autorinnen und Autoren überlassen, die sich mit dem Schreiben besser auskennen als hochrangige Trump-Mitarbeiter.

Die britische Taschenbuchausgabe von "A Warning" ist bei Little, Brown and Company erschienen und kostet im deutschen Buchhandel 19 Euro. Die broschierte deutschsprachige Ausgabe "Warnung aus dem Weißen Haus" erscheint bei Quadriga und kostet 20 Euro.