Bis zum September, wenn der Mais geerntet wird, ist Zeit für eine Entscheidung. Misch will gehen, unbedingt. Hans' Bruder ist bereits gegangen, weswegen Hans nicht studieren darf, sondern in einer Fabrik am Band arbeiten muss. Die Tage stehen still da draußen in der Peripherie, einerseits, und andererseits rast drumherum die Zeit, geht die Weltgeschichte ihren Gang, ohne dass sie auf dem Dorf eine größere Wirkung hinterließe.

Drei Kilometer heißt Nadine Schneiders Debütroman; drei Kilometer sind es bis zur Grenze nach Jugoslawien, einmal durch das Maisfeld und dann immer weiter, bis die ersten Häuser kommen. Anna ist die Ich-Erzählerin des Romans, eine junge Frau, schätzungsweise um die 20, die mit ihren Eltern in einem Kaff im rumänischen Banat lebt. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat diese Landschaft in ihrem ersten Buch Niederungen als ein düsteres Gelände beschrieben, geprägt von Niedertracht, moralischer Verwahrlosung, Alkoholismus und Brutalität. Nadine Schneiders Tonlage ist eine andere. Die Repressionen des politischen Systems, der Schatten, den die Ceauşescu-Diktatur bis in den letzten Winkel des Landes wirft, schlagen sich in Drei Kilometer in Randbemerkungen nieder, manchmal auch nur in Blicken oder Gesten.

Es sind nur ein paar Monate, vom Sommer 1989 bis zur Hinrichtung des Diktatoren-Ehepaares im Dezember, die den Rahmen der Erzählung bilden. Die politischen Umwälzungen werden in Annas Dorf zunächst gar nicht, später als Gerüchte wahrgenommen. Die Perspektive ist verschoben, die Prioritäten sind anders gesetzt. Anna und ihre Familie gehören der deutschsprachigen Minderheit an, den so genannten Donauschwaben. Sie arbeitet als Lackiererin in einer Fabrik in der nächsten Stadt, ist mit Hans liiert, aber vielleicht in Misch verliebt. Anna, Hans und Misch bilden ein Dreieck, in dem Zuneigung, Eifersucht und Misstrauen sich die Waage halten. Sie gehen auf Dorffeste und betrinken sich. Sie fahren gemeinsam auf den Fahrrädern nach Hause und wachen morgens mit schweren Köpfen auf. Und dazwischen immer die Frage: Gehen wir durch das Maisfeld über die Grenze? Wer geht mit wem? Ist Hans ein Spitzel, ist ihm zu trauen? "Hans verrät uns nicht", sagt Misch einmal zu Anna. "Es ist das Land, das uns verrät. Und ihn auch."

Dieses Gefühl, dass es kein richtiges Leben im Falschen geben kann, prägt die Atmosphäre des gesamten Romans und erzeugt auch in den Naturschilderungen eine Ambivalenz, die jeglichen Idyllenverdacht ins Leere laufen lässt. Ganz davon abgesehen, dass das Dorf sich in den vergangenen Jahren bereits geleert hat, weil die Bewohner nach und nach vor dem Willkürstaat und der Armut geflohen sind. Unpolitisch ist Drei Kilometer beileibe nicht. Auch das Schweigen kann politisch sein.

Das Bestechende an Drei Kilometer ist der Umstand, dass seine Autorin nichts versucht, was sie nicht auch beherrscht. Das ambitionierte Metapherngedröhne, das so manches hoch gelobtes deutschsprachiges Debüt in diesem Jahr charakterisierte, fehlt bei Nadine Schneider ebenso wie staatstragende politische Eindeutigkeit. Schneiders Sprache ist durchsetzt und grundiert von poetisch aufgeladenen Beobachtungen und Beschreibungen, doch bleibt der Blick der Erzählerin stets auf die engen Verhältnisse fokussiert. Es zählt das, was gerade ist. Die Verluste werden größer; ein langsamer Abschied von den Vertrautheiten der Kindheit ist als innere Entwicklungsgeschichte der Protagonistin in den Roman eingeschrieben.

Nadine Schneider wurde 1990 als Tochter einer Aussiedlerfamilie aus dem Banat in Nürnberg geboren. Im Nachwort dankt sie ihrem Vater, der für den Roman seine Erinnerungen mit ihr geteilt hat. Es ist auffällig, wie sich im Roman auch ein Riss zwischen den Generationen auftut. Der Vater erhält ein Ausreisevisum in die Bundesrepublik, begrenzt auf vier Wochen, um einen erkrankten Verwandten zu besuchen. Er kündigt an, nicht zurückzukehren und tut es dennoch. "Es ging einfach nicht", sagt er, als er wieder da ist, mehr nicht. Wie ein Gewicht hängt die Landschaft an Schneiders Figuren und zieht sie in die Apathie. Für den Wendepunkt sorgt dann die Gewalt: In Timişoara, der Hauptstadt des Banat, brechen im Dezember 1989 die Proteste aus, die sich über das gesamte Land ausbreiten und das Regime schließlich umstürzen.

"Die Unruhen", schreibt die Erzählerin, "kamen nicht bis in unser Dorf, ins Dorf kam nur die Angst." Man hört von Panzern, die durch die Straßen fahren, von Erschossenen. Hans ist dort und lässt nichts von sich hören. Es ist Winter. Der Mais ist abgemäht. Anna ist im Dorf. Noch.

Nadine Schneider: Drei Kilometer. Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2019. 152 Seiten, 20,- Euro