Die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, hat am 8. November den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln erhalten. Die Oberbürgermeisterin Henriette Reker überreichte ihr die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung am Freitagabend im Historischen Rathaus. Hier veröffentlichen wir den Hauptteil von Juli Zehs Dankesrede, in der sie auf die Rolle des politischen Schriftstellers in der Gesellschaft und die zerstörerische Kraft des intellektuellen Politikverdrusses eingeht.

In der Nachfolge von Heinrich Böll und seinen berühmten Kollegen hat sich die Erwartung entwickelt, dass Schriftsteller und (inzwischen auch) Schriftstellerinnen am geistig-politischen Leben im Land teilnehmen, sich äußern, engagieren, positionieren, kritisieren, opponieren und vielleicht sogar eine moralische Instanz abgeben.

Wie weit ist es damit heute eigentlich her? Ich möchte den Anlass nutzen, um einmal vom Fluchtpunkt "Heinrich Böll" her die jüngere Entwicklung von politischer Autorenschaft, nämlich während der letzten zwanzig Jahre, in den Blick zu nehmen.

Isoliert betrachtet ist die Frage, wie viel Prozent Politik in einem Autor oder seinen Texten zu finden sind, eigentlich ziemlich uninteressant – wenn man nicht gerade eine Doktorarbeit über die Formen des Politischen in der zeitgenössischen Literatur schreibt. Brisant wird eine solche Betrachtung aber dadurch, dass der Zustand politischer Autorenschaft immer auch den Zustand des Politischen an sich abbildet.

Literatur und zu einem gewissen Grade auch die Literaten selbst sind Zeitgeist- Seismographen. Ob die Autoren wollen oder nicht – in ihrem Denken, Reden und Schreiben scheint immer auch eine verdichtete Form von kollektiver Befindlichkeit auf. Das hat erst einmal nichts mit politischem Engagement zu tun. Jedes Stück Literatur, egal, ob U oder E, spiegelt die gesellschaftlichen Bedingungen wider, unter denen es entstanden ist. Literatur handelt vom Mensch-Sein, und das Menschliche ist stets kulturell, also auch historisch, sozial und politisch bedingt. Schriftsteller besitzen eine besondere Sensibilität zur Wahrnehmung ihrer Umgebung – sonst hätten sie nichts, worüber sie schreiben könnten, und müssten sich einen anderen Beruf aussuchen. Auch wenn es dem einzelnen Autor vielleicht nicht immer bewusst ist, er fängt gesellschaftliche Schwingungen auf und gibt sie in seinen Texten wieder, selbst dann, wenn sie noch zu fein sind, um bewusst erkannt und analysiert zu werden. Deshalb zeigen sich in Romanen oft Trends, die dann erst Jahre oder Jahrzehnte später in der Realität manifest werden. Im Nachhinein erscheint uns das fast wie ein Wunder, wie schriftstellerische Hellseherei; letztlich handelt es sich aber um einen ganz normalen literarischen Vorgang.

Die Frage nach dem Zustand politischer Autorenschaft misst also gleichzeitig dem gesamtgesellschaftlichen politischen Selbstverständnis den Puls. Deshalb fragen Journalisten und Wissenschaftler danach, immer wieder. Deshalb lohnt sich auch für uns heute ein kurzer Blick.

Als vor bald zwanzig Jahren mein erster Roman Adler und Engel erschien, wurde ich ständig nach dem Zustand politischer Autorenschaft in unserem Land gefragt, von Journalisten und von Lesern, immer wieder. Die genaue Frage lautete, warum die junge Autorengeneration in Deutschland so unpolitisch sei, damals, im Jahr 2001.

Die terroristische Großkatastrophe vom 11. September hatte sich gerade ereignet. Eine Allianz der Gerechten marschierte erst in Afghanistan, dann im Irak ein. Völkerrecht wurde gebrochen, die UNO marginalisiert. Die islamische Welt wurde zum neuen Feind erklärt.
Es war nicht so, dass es nichts zu sagen gegeben hätte.

Ungerührt feierte währenddessen der Buchmarkt Popliteratur und Fräuleinwunder, also Formen von Text und Autorenschaft, die das Banal-Alltägliche zum substanziellen literarischen Gegenstand erhoben. Da wurde in Texten stundenlang blicklos aus dem Fenster geguckt, ohne dass irgendetwas passierte außer dem Anzünden und Ausdrücken von Zigaretten. Passiv-aggressive Melancholie jenseits der Sinnkrise. Weniger Engagement ging nicht.

Wieder und wieder wurde ich damals gefragt, warum das so sei. Was war los mit den jungen Schriftstellern? Erklärlich schien das Verhalten nur als Folge von Überforderung mit den vielen und immer globaleren Krisen um uns herum: ein literarischer Rückzug ins Private als Flucht aus dem Politischen.

Das glaube ich aber nicht. Ich glaube, da nahm etwas Schlimmeres seinen Anfang, etwas, das sich bis heute immer rasanter gesteigert hat, mit der Dynamik einer Kernschmelze. Die Auswirkungen fliegen uns inzwischen heimsphärenweit um die Ohren.