Der Kapitalismus sorgt sich auf seine Weise sehr um die weibliche Sexualität. Fortlaufend bringt er elektronische Innovationen für die klitorale und vaginale Lust hervor, nun gibt es sogar schon ein Gerät, das allein durch Druckwellen stimuliert – ohne Berührung. Innerhalb weniger Sekunden. Zum Orgasmus

Ziel dieses Womanizer Liberty sei es, verkündet das Unternehmen Wow Tech feierlich auf seiner Homepage, die "Orgasm Gap" zu schließen, also den messbaren Vorsprung männlicher Orgasmen auf der Skala heterosexueller Befriedigung aufzuholen. Orgasm Gap, das klingt nun beinahe wie Gender Pay Gap. Wird der Kampf um die Geschlechtergerechtigkeit also mit bonbonbunten Toys geführt? 

Die US-amerikanische Ethnografin Kristen Ghodsee vertritt eine andere Vision. Ihr Essay Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben ist nun in der deutschen Übersetzung bei Suhrkamp erschienen. Doch der Titel täuscht. Um Sex geht es auf den 277 Seiten beinahe: kaum. Stattdessen widmet sich Ghodsee in sechs Kapiteln Ideen wie Grundeinkommen, Jobgarantie, Kinderbetreuung, Quoten, kurz: Maßnahmen, die Frauen zu ökonomischer Unabhängigkeit verhelfen. Somit erleichtern sie, das ist Ghodsees zentrale These, die Erfüllung der weiblichen Lust, dies wiederum als Indikator für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. "Unregulierter Kapitalismus ist schlecht für Frauen", schreibt sie, "und wenn wir einige sozialistische Ideen aufgreifen, haben Frauen ein besseres Leben."

In der Manier des soziologischen Ich-Essays verwebt Ghodsee persönliche Erfahrung mit dem großen Drumherum. Beziehungsweise: Von persönlichen Anekdoten kommt sie Kapitel für Kapitel auf grundsätzliche Gleichstellungsthemen. So kontrastiert sie etwa das Leben einer Freundin, die nach ihrer Schwangerschaft zu Hause bleibt und mit ihrem Ehemann darüber streitet, ob sie ausreichend für Sex zur Verfügung steht und also seine Kreditkarte ausleihen darf, mit ihrem eigenen Kampf um eine Balance zwischen Vollzeitjob und Mutterschaft.

Die Nöte, Mängel und Freiheitsberaubungen der kapitalistischen Gegenwart sind, folgt man Ghodsee, gerade für Frauen immens – und jene regulierteren (gar sozialistischen) Gesellschaftssysteme in Geschichte und Gegenwart, die vielen US-Amerikanern als äußerer Kreis der Hölle gelten, liefern Anschauungsmaterial, wie es in dieser Hinsicht besser und – ja – auch freier geht. Bereits im August 2017 hatte Kristen Ghodsee in der New York Times unter dem gleichen Titel einen Artikel veröffentlicht, der in den USA großen Wirbel erzeugte. Darin versuchte sie am Beispiel zweier Zeitzeuginnen – eine vor, eine nach dem Mauerfall sozialisiert – zu zeigen, dass Frauen in der Sowjetunion trotz aller Widrigkeiten des Regimes (sexuell) freier waren, als ihre Töchter es nach 1990 werden sollten.

Im Buch nun bemüht sich Ghodsee noch einmal erkennbar, nicht als Diktaturfan missverstanden zu werden. "Es bedarf keines autoritären Regimes, um eine Politik zu betreiben, die den Konflikt zwischen Kinderwunsch und Arbeit entschärft." Für eine Auseinandersetzung mit frühsozialistischer Theorie und realsozialistischer Vergangenheit durchaus überraschend geht es außerdem nicht nur um die Doppelbelastung von Lohn- und Fürsorgearbeit, sondern auch um weibliche Bosse und darum, wie es um deren Macht auch im Sozialismus nicht allzu gut bestellt war.

In der Sowjetunion sollten Quoten und eine gezielte Förderung von Frauen für Geschlechterparität sorgen, ein Ende der männlichen Hegemonie führten sie jedoch nicht herbei. "Die Praxis hielt der Rhetorik nicht immer Schritt", stellt Ghodsee trocken fest – und auch gleich klar, dass sie nicht jenem Aberglauben anheimfallen mag, wonach Frauen in Führungspositionen aufgrund irgendeiner essenzialistischen Disposition bessere (humanere, für alle und nicht nur enorm privilegierte Frauen profitable) Politik und Führung vollbrächten. Natürlich sei der Erfolg einiger weniger Frauen, so Ghodsee, noch lange kein Gewinn für alle – beispielsweise für Frauen in prekarisierten Arbeitsverhältnissen, die zudem of color und somit von Rassismus betroffen sind. Irritierend ist an dieser Stelle, dass in Suhrkamp-Übersetzungen aus dem Englischen 2019 noch immer von "farbigen" Frauen die Rede ist.

Deutsche Teilung als interessantes Experiment

Denn natürlich geht es erst einmal nur um Folgendes: "In Gesellschaften mit einem ausgeprägten Maß an Geschlechtergleichheit, mit starkem Schutz der reproduktiven Freiheit und mit weitgespannten sozialen Sicherungsnetzen müssen sich Frauen so gut wie nie Gedanken darüber machen, welchen Preis ihre Sexualität auf dem freien Markt erzielen wird."

Die deutsche Teilung stelle für dieses Thema ein "interessantes natürliches Experiment" dar, schreibt Ghodsee, handele es sich doch um eine 41 Jahre lang getrennte, demografisch jedoch identische Bevölkerung. Sexualwissenschaftliche Studien aus DDR-Zeiten bescheinigen ostdeutschen Frauen eine höhere sexuelle Zufriedenheit als Frauen im Westen, und auch die Forschung nach 1990 besagt, dass Frauen im Osten häufiger zum Orgasmus kamen. Gründe hierfür sieht Ghodsee eben in der ökonomischen Unabhängigkeit, auch jener in der Ehe: Eine ostdeutsche Frau, die mit ihrem Liebesleben unzufrieden war, hatte es im Vergleich zur westdeutschen Hausfrau des Alleinverdienermodells leichter, ihren Mann zu verlassen – und der ostdeutsche Mann somit mehr Anlass, auf die Bedürfnisse einer Frau einzugehen. Sex follows economics, könnte man sagen.

Keine feministischen Erlösungsfantasien

Die Autorin widmet sich auch den übrigen Ostblockstaaten und arbeitet die unterschiedlichen Herangehensweisen an die sogenannte Frauenfrage heraus. So entsteht ein differenziertes Bild der staatssozialistischen Sexual- und Gleichstellungspolitiken, die sich trotz des gemeinsamen theoretischen Fundaments unterschieden haben: Den patriarchalen Strukturen in Rumänien und Albanien steht eine oftmals überraschend liberale Politik in Polen, der Tschechoslowakei, Bulgarien und der DDR gegenüber. Sexualkundebücher, die die Anatomie der Klitoris erklären, und Konferenzen, die sich der weiblichen Lust widmen, erschienen im Westen utopisch. In einigen Ländern des Warschauer Pakts waren sie schon in den Sechzigerjahren Realität.

Ghodsee verklärt diese progressive Handhabung der Geschlechterfrage jedoch nicht. Die Förderung von Frauen im Ostblock war schließlich zumeist nicht feministischen Erlösungsfantasien, sondern dem schlichten Bedarf an Arbeitskräften geschuldet.