Das Ende vom Buch – Seite 1

Zu den beliebtesten kulturkritischen Horrorgeschichten unserer Tage gehört, dass wir uns in einer Krise des Lesens befinden. 2018 manifestierte sich das in der Schreckensnachricht, dass sich über die letzten Jahre mehr als sechs Millionen Leser und Leserinnen in Deutschland endgültig vom Medium Buch verabschiedet haben.

Zugleich lesen die Verbleibenden zwar immer noch, aber – wie es scheint –  immer schlechter: Folgt man der einschlägigen Leseforschung, bewegen wir uns von einem Deep Reading, einem tiefen und gehaltvollen Eintauchen in die gedruckte Welt der Texte, hin zu einem oberflächlichen Lesen, das die Bildschirme nur gierig überfliegt, immer auf der Suche nach neuem "content". Die Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf etwa schreibt in ihrem Buch Schnelles Lesen, langsames Lesen, das tiefe Lesen langer Bücher helfe uns nicht nur, klüger zu werden, es mache uns auch zu besseren Menschen, weil wir gezwungen werden, uns auf die Perspektiven anderer Menschen einzulassen und damit unsere Empathiefähigkeit trainieren.

Es lohnt sich, in diesem Kontext einen Blick auf das andere Extrem zu werfen – dorthin, wo das Lesen seit 2013 vor allem eins machen soll: reich. Blinkist heißt ein Berliner Start-up, das sein Produkt "Buchclub der Milliardäre" nennt und von den "Lesegewohnheiten extrem erfolgreicher Menschen" schwärmt. Helden der Gegenwart wie Warren Buffet, Elon Musk oder Mark Zuckerberg lesen laut Blinkist viele Bücher, Bill Gates gar 50 Bücher pro Jahr. Die Macher möchten ihre Nutzer*innen an dieser Quelle des Wohlstands teilhaben lassen, indem sie in ihrem kostenpflichtigen Dienst Bücher in handlichen fünfzehn- bis zwanzigminütigen Zusammenfassungen zur Verfügung stellen; allerdings nur Sachbücher, denn offenbar machen Romane nicht auf die gleiche Art reich. Nach eigener Aussage von Blinkist nutzen bereits 12 Millionen Menschen weltweit die Bibliothek von über 3.000 Büchern, die in jeweils ungefähr zehn Abschnitte (sogenannte Blinks) zusammengefasst werden. Diese Blinks kann man sich auch in Hörbuchqualität auf einem Spaziergang, beim Sport oder auf dem Weg zur Arbeit anhören.

Um sich quasi nebenbei reich zu lesen, muss man die Bücher also gar nicht im klassischen Sinne gelesen haben, es reicht eine Zusammenfassung, die das brauchbare Wissen extrahiert. Blinkist verkörpert, so könnte man meinen, in Reinform den von der Deep-Reading-Fraktion beschworenen Horror der digitalen Zersetzung von Lesefähigkeit, denn es begünstigt ein Lesen, das sich nicht versenkt, nicht einlassen möchte auf Komplexität, sondern nur skimmed, sammelt, weiterzieht; und das kann schlimme Folgen haben, wie es in den Blinks zur englischen Version von Maryanne Wolfs Buch (Reader, Come Home) heißt: "The less we engage in deep reading, the less empathetic we’re likely to become." Je weniger wir tief lesen, desto unempathischer werden wir.  

So gegensätzlich beide Positionen auf den ersten Blick erscheinen, so gibt es doch Überschneidungspunkte: Beide – die Diagnostiker der Lesekrise und die Vertreter der Lies-dich-reich-Ideologie – reagieren auf die gleiche kulturelle Paranoia, die historisch verlässlich jeden Medienwandel begleitet. Beides sind Angebote, wie der Unsicherheit eines als bedrückend und gefährlich wahrgenommenen Zuviels an Wissen beizukommen wäre.

Diese Unsicherheit ist die Folge einer Demokratisierung der gültigen Allgemeinbildung. Es reicht heute nicht mehr, sich das stabile Wissen der Gruppe anzueignen, die über kulturelle Hegemonie verfügt; es gibt viele verschiedenen Vorstellungen davon, was Allgemeinwissen eigentlich umfassen sollte – und sie alle kämpfen um Aufmerksamkeit. Dazu gehört auch eine Explosion des kulturellen Kanons: Man muss sich eben nicht mehr nur mit Büchern oder Theater auskennen, sondern auch mit Filmen, Serien, Games; nicht mehr nur mit klassischer Musik, sondern mit Pop, Rap, Elektro. Und es reicht auch nicht mehr, die Geschichte und Gegenwart des mitteleuropäischen und anglo-amerikanischen Raumes zu kennen. Das Wissen, das man besitzen sollte, hat sich in den letzten Jahrzehnten fragmentarisiert, globalisiert und damit vor allem vervielfacht.

Angesichts dieser Unübersichtlichkeit fallen die Verteidiger des Lesens zurück auf eine Rhetorik der Tiefe und Langsamkeit, die den Zumutungen der Gegenwart durch das Versenken in dicke Bücher beizukommen versucht. Diese Rhetorik zeichnet sich aus durch eine Mischung aus dystopischen Visionen und einem altväterlichen Iss-deinen-Spinat-Ton. Das Versprechen von Blinkist kleidet sich in einen ähnlich übersteigerten Duktus: Das stressige Leben des visionären Millennial-Genies lässt keine Zeit, die wichtigen Bücher zu lesen. Gott sei Dank gibt es dafür jetzt eine App, die Übersicht verschafft, die eine Schneise in das Trümmerfeld des modernen Wissenskanons schlagen kann.

Alleslesen ist ein Mythos

Bei allem Spott über diese Versuche, der Unübersichtlichkeit des Wissens entgegenzuwirken, muss man zugeben, dass die Diagnose, auf die sie reagieren, nicht falsch ist: Wir brauchen Übersicht. Die Unsicherheit in Bezug darauf, was Allgemeinwissen eigentlich ist, erscheint zwar vor allem begrüßenswert (Demokratisierung eben), führt allerdings dazu, dass wir Gefahr laufen, in der neuen Vielfalt des Wissens verloren zu gehen, dass wir unsere knapper werdende Aufmerksamkeit in das falsche Wissen investieren.

Instrumente der Übersicht gab es schon immer: Kindlers Literaturlexikon versammelt Zusammenfassungen unzähliger Bücher, die von Literaturwissenschaftler*innen gerne genutzt werden, ohne dass deswegen auch nur eine bildungsbürgerliche Braue nach oben gezogen wird. Ähnliches gilt für andere historisch etablierte Instrumente der Zusammenfassung, vom Brockhaus bis hin zum Opernführer. Falsches Misstrauen gegen eine angeblich unangemessene Komplexitätsreduktion, etwa die immer noch umgehende Angst vor Wikipedia, fördert nur den Mythos des Alleslesens und die damit einhergehende Scharlatanerie.

Versenkung lässt sich nicht verordnen

Gerade in Bezug auf eine App wie Blinkist sollte man deshalb die Frage stellen, die die Schriftstellerin und Journalistin Kathrin Passig im Titel ihres aktuellen Buches stellt: Vielleicht ist das neu und erfreulich? Tatsächlich zeigt Blinkist echte Ansätze zu einer hilfreichen Bildungs-App. Man findet dort eine Mischung aus Klassikern und aktuellen Veröffentlichungen aus Geschichte, Philosophie, Soziologie und Kognitionsforschung. Dazu gehören Werke aus dem Bereich der politischen Philosophie (Platon, Machiavelli, Locke, Hobbes), darunter auch erstaunlich brauchbare Zusammenfassungen von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht oder Edward Saids Orientalismus; oder aus der aktuellen Geschichtswissenschaft, wie Christina von Brauns Blutsbande oder Herfried Münklers Der Dreißigjährige Krieg. Dazu eine Vielzahl an Biographien, von Leonardo da Vinci bis Steve Jobs.

So könnte Blinkist eine Ergänzung zum im deutschsprachigen Raum eher schwach vertretenen Sachbuchfeuilleton sein, ein Instrument, um sich Übersicht zu verschaffen und eine informierte Auswahl der Bücher zu treffen, denen man dann die Lesezeit wirklich widmen möchte. Gleichzeitig könnte Blinkist eine Bibliothek zeitgenössischer Diskurse sein, denn es werden auch viele Debattenbücher zusammengefasst – Bücher also, die nicht unbedingt geschrieben wurden, um gelesen zu werden, sondern um bestimmten Thesen Aufmerksamkeit im großen Streitgespräch der Gegenwart zu verschaffen. Beispiele dafür wären Wolfgang Herles‘ Die Gefallsüchtigen, Thea Dorns Deutsch, nicht dumpf oder Michael Winterhoffs Deutschland verdummt.

Blinkist scheitert dann auch nicht an der Komplexitätsreduktion von Zusammenfassungen, sondern an seinem sehr enger Bildungsbegriff, der allein darauf ausgelegt ist, das Bildungsbegehren der Nutzerinnen in einen auf Effizienz ausgelegten Arbeitsalltag zu integrieren. So heißt es in einem der programmatischen Texte auf der Internetseite:

"Blinkist entfaltet den meisten Nutzen, wenn durchgetaktete Tage und der Wunsch nach mehr Allgemeinwissen aufeinandertreffen. Entsprechend hoch sind die Downloadzahlen auf internationaler Management-Ebene sowie die Anzahl der angebotenen Titel zu den Themen Selbstoptimierung, Leadership und Management in der App."

An dem effizienzgetriebenen Bildungsideal von Blinkist und speziell an seinen meistgelesenen deutschen Werken zwischen Chefratgebern und Burn-out-Prävention werden die Konturen einer zeitgenössischen Sozialfigur sichtbar: der Start-up-Mensch, der gleichermaßen Workaholic und Achtsamkeitsfreak ist, und der, wenn er sich genug Mühe gibt, zum visionären Ideenmenschen oder Entrepreneur aufsteigen kann, der Wissen verdaut, um geniale Ideen auszuscheiden. Es dominieren Titel wie Ich weiß, wie du tickst. Wie man Menschen durchschaut, Die 7 Wege zur Effektivität oder Achtsamkeitsratgeber wie Lass mal alles aus. Wie du wirklich abschalten lernst. Dieses enge Bildungskonzept von Blinkist und die dahinter aufscheinende Sozialfigur sind trostlose Symptome für eine allgemeine Angst, den Anschluss an die Gruppe der erwählten Visionäre und Unternehmer zu verlieren.

Akademiker und Leser mit Niveau

Dazu kommt eine unangenehme Insistenz auf den Status des Akademischen. Auf der Internetseite von Blinkist erfährt man: "Stolze 80 Prozent der Blinkist-User haben einen Hochschulabschluss." Das erinnert dann doch stark an die entsprechende Werbekampagne der Partnerbörse Elitepartner, die verspricht, "Singles mit Niveau" zusammenzuführen. Auch dort heißt es auf der Internetseite: "Die Mehrheit der ElitePartner sind Akademiker." So wird Bildung zum reinen Habitus des Akademischen entkernt, zum Instrument des Sich-attraktiv-Machens.

Das führt auch dazu, dass die Zusammenfassungen von Büchern, die sich für konkreten Handlungsnutzen eher schlecht auswerten lassen, zuweilen unfreiwillig komisch erscheinen. Im letzten Blink zu Herfried Münklers Buch über den Dreißigjährigen Krieg wird etwa empfohlen, man solle das nächste Mal, wenn man in Magdeburg oder Frankfurt an der Oder unterwegs sei, die Begleiter "an deinem Hintergrundwissen teilhaben" lassen. Die Begleiter werden sich bedanken.

Eine App wie Blinkist ist wegen ihres engen Bildungskonzepts, das Bücher als intellektuelle Nutztiere und Statusobjekte ansieht, keine angemessene Antwort auf die Verunsicherungen, die durch die Demokratisierung und Explosion des Wissens erzeugt wurden. Zugleich gilt, dass das Deep Reading durch Trauer kaum zurückkommt. Versenkung lässt sich nicht verordnen.

Was sich daher empfiehlt, wäre vor allem eine gewisse Gelassenheit im Angesicht technischer Innovationen und sozialer Umbrüche. Der Kern dessen, was das Lesen ausmacht, ist intellektueller Hedonismus, und dazu gehört eben auch die bange Frage, ob man genug gelesen hat, ob man das Richtige liest und ob man, eben, richtig liest. Das Krisenbewusstsein, das dort entsteht, wo das Verschwinden des Alten auf den Schock des Neuen trifft, gehörte dementsprechend auch schon immer zum Lesen. Es schadet freilich auch nicht, die Antworten zu prüfen, die andere im Angesicht dieser Krise gefunden zu haben glauben. In diesem Fall sind sie unbefriedigend.