Es gibt ein Jugendbuch von Gudrun Pausewang, das ist vielleicht noch schonungsloser und brutaler als ihre anderen schonungslosen und brutalen Jugendbücher. Es malt nicht in dunklen Farben ein dystopisches Szenario aus. Es fantasiert keine zeitgenössischen Ängste zu einer extradüsteren Zukunft, von der Angst vor der atomaren Katastrophe bis zum Wiederaufkommen des Faschismus. Reise im August erzählt ein Menschheitsverbrechen, das gewesen ist. Es beschreibt die Zugfahrt des jüdischen Mädchens Alice ins KZ.

Dabei schafft es genau die Kontraste, mit denen Pausewang so häufig den großen Schrecken in große Nähe rückte. Es beschreibt immer hart an der Grenze zum Kitsch oder darüber hinaus die größte Menschlichkeit im größten Unglück: wie Fremde einander helfen oder sich gar ganz zart ineinander verlieben, während die Zustände im Güterwaggon immer unzumutbarer werden, Fäkalien über den Boden laufen, alte Menschen kollabieren. Am Ende kennt es, natürlich, kein Pardon: Das letzte Bild ist die Gaskammer, in der Alice, als wäre das alles nicht grausam genug, zum ersten Mal ihre Tage bekommt.

Reise im August von 1992 ist eine Schlüsselerzählung, ohne die Pausewangs sonstiges Schaffen kaum zu bewerten ist, auch kritisch. Einerseits macht es unzweifelhaft klar, dass Katastrophen und monströse Verbrechen keine Hirngespinste einer hessischen Lehrerin sind, fern jeglicher Alltagsrealität, auf alle Zeit unmöglich. In gewisser Weise steht es als Zeuge für den Möglichkeitsgehalt der Fiktionen, die Pausewang, Zeitzeugin der NS-Verbrechen, sonst entwarf und dabei oft hochaktuell auf politische oder gesellschaftliche Ereignisse reagierte. Es beglaubigt, dass Die letzten Kinder von Schewenborn 1983 nicht hysterisch, sondern ebenso realitätsbewusst vom Überleben nach dem atomaren Erstschlag erzählte und dass Die Wolke 1987 nicht grundlos die Flucht nach einem Reaktorunglück beschrieb. Und es unterstreicht, dass tatsächlich das passiert ist, was Pausewang mit Der Schlund 1993 in die Gegenwart des vereinigten Deutschlands nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen verpflanzte: die faschistische Machtergreifung, die Entmenschlichung, die Verfolgung von Andersdenkenden und Minderheiten.

Andererseits zeigt Reise im August auch etwas, was man aus heutiger Sicht durchaus als Anmaßung oder auch unrechtmäßige Aneignung einer anderen kollektiven Erzählung begreifen kann: Die deutsche Gudrun Pausewang, in ihrer böhmischen Kindheit nach eigener Aussage glühende Hitler-Verehrerin, geht hier in ihrer Fiktion über die Schoah weiter, als deren Überlebende es in ihren Zeugnissen je getan haben und ihre Opfer es logischerweise je tun konnten. Indem sie ihnen bis hinter die verschlossene Tür der Gaskammer folgt, die sich nicht mehr öffnet, instrumentalisiert sie historisch verbürgtes Leiden ein Stück weit für einen appellativen politischen Zweck der Gegenwart.

Gleichzeitig lässt sich natürlich auch sagen: Dass wir heute so nuanciert und kritisch über derartige Zusammenhänge nachdenken, hat auch damit zu tun, dass Autorinnen wie Gudrun Pausewang die Erinnerung an den Schrecken wachgehalten haben. Mehr noch: Sie haben seine Wirkmöglichkeiten in vielen Jugendlichen – für Kinder sollten die härtesten Werke nach Überzeugung der Autorin nicht sein – überhaupt erst entworfen. Pausewang war dabei immer eine Meisterin der starken Bilder und der guten Spannungsbögen, auf durchaus blockbusterhaft-plakative Weise. Wie in Die Wolke die Fallout-Vernichtung stets über dem Horizont der fliehenden Menschen dräut, wie in Die letzten Kinder von Schewenborn über Kapitel die Hoffnung auf einen Neuanfang auf ein Kind im Mutterleib projiziert wird, das dann nicht lebensfähig, ohne Nase, Mund und Augen geboren wird, ist mit einem sehr guten Gespür für Dramaturgien, Handlungsbögen, auch Spannung erzählt.

Man könnte dennoch an das Werk Gudrun Pausewangs weitere kritische Fragen stellen; etwa, inwieweit es auch emotional bedenklich ist, Heranwachsende schonungslos – Stichwort Trauma – mit den Möglichkeiten des Unmenschlichen zu konfrontieren. Sinnbildlich vielleicht eine kürzere Pausewang-Erzählung aus den Achtzigerjahren: Da fragt ein Kind ganz arglos seinen Vater, warum es den doofen Namen Julius trage. Dieser erwidert mit der Geschichte, wie ihn der Knecht Julius während eines Flüchtlingstrecks aus einem brennenden Planwagen rettete und dabei selbst zur menschlichen Fackel wurde. Pausewang selbst nannte das mal "knallhart realistisch". 

Der große Schock

Vielleicht sagt die Popularität des Horrors aber auch mehr über die Rezeption als über Pausewangs Produktion aus. Die Autorin war ganz offensichtlich, das belegen schier endlose Werkverzeichnisse, eine ebenso emphatische wie empathische Vielschreiberin mit durchaus auch hellerem Output. In Wetten, dass Goethe den Wahnsinn verböte wird 1992 annähernd schwärmerisch eine Irakkriegdemo begleitet, die Kitschgefahr wächst hier natürlich mit dem Einvernehmen. Tatsächlich recht unpolitisch und zeitlos (wenn auch mit erkennbarem politischen Zeitkolorit) sind die anarcho-friedvollen Geschichten vom Räuber Grapsch, einer Art konstruktiver Achtzigerjahre-Aussteiger-Hotzenplotz mit einem großen Herz für Kinder. Vielleicht zu Unrecht eher vergessen: Pausewangs Frühwerk, in dem sie ihre Erfahrungen als Lehrerin in verschiedenen Ländern Südamerikas verarbeitete.

Wenn hierzulande aber die Wahrnehmungen darüber auseinandergehen, wie bedrohlich, gar apokalyptisch die gerade durchlebten Zeiten sind, hat das auch viel mit Gudrun Pausewang zu tun. Sie hat Generationen von Jugendlichen, speziell in bildungsnahen westdeutschen Milieus, eine Ahnung davon gegeben, wie und wo ihre sicheren Lebensumstände brüchig werden könnten und wie sich ihr erlerntes Sozialverhalten und Denken in katastrophalen Zuständen ausmachen könnte. Sie hat so mit kleinen Schocks greifbar gemacht, dass der große Schock möglich ist, und vielleicht gerade damit geholfen, ihn hier und dort zu verhindern. Insofern spricht auch überhaupt nicht gegen sie, dass keine ihrer düsteren Fiktionen bis hierhin Realität wurde. Gudrun Pausewang ist am Donnerstag, 23. Januar, in einem Seniorenheim nahe Bamberg gestorben. Sie wurde 91 Jahre alt.