Der Literaturkritiker und Essayist George Steiner ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Dies teilte seine Familie mit und bestätigte damit britische und amerikanische Medienberichte. Zuletzt lebte Steiner mit seiner Frau, der britischen Historikerin Zara Schakow, im englischen Cambridge.

Der amerikanische Literaturwissenschaftler war vor allem für seine analytische Brillanz und seine intellektuelle Sprachgewalt bekannt. Steiner hatte sich noch bis ins hohe Alter am Wissenschaftsbetrieb beteiligt und hielt unter anderem Gastvorlesungen.

Geboren wurde Steiner am 23. April 1929 in Paris. Sein Vater war ein Ostjude, der in Wien ein einflussreicher Bankier wurde. 1924 reisten seine Eltern mit der Familie aufgrund des wachsenden Antisemitismus zum ersten Mal von Wien nach Frankreich aus. 1940 verließ seine Familie Europa mit dem letzten Schiff, das aus Genua nach Amerika fuhr. Dort wurde Steiner amerikanischer Staatsbürger. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Steiner nach Europa zurück. Auf die Frage, weshalb er Amerika wieder verließ, antwortete Steiner in einem Gespräch mit der Literaturkritikerin Iris Radisch in der ZEIT zu seinem 85. Geburtstag: "Mir standen als junger Akademiker in Amerika alle Türen offen, man bot mir gleich zwei Lehrstühle in vergleichender Literaturwissenschaft an. Doch mein Vater sagte: 'Wenn du in Amerika bleibst, hat Hitler gewonnen.' (…) Am selben Abend sagte ich zu meiner jungen amerikanischen Frau: Wir gehen nach Europa."

Steiner sprach fließend Deutsch, aber ebenso perfekt Englisch, Französisch und Italienisch. Seine vier Sprachen waren für den Essayisten einer der Gründe, sich nach dem Zweiten Weltkrieg für einen Umzug nach Europa zu entscheiden. Sein Werk kreiste um die menschliche Fähigkeit, zu sprechen und zu schreiben. Zu den Themen des Universalgelehrten zählten neben Sprache und Literatur auch Religion, Musik, Malerei und Geschichte. 2001 erschien sein Buch Grammatik der Schöpfung.

Steiner erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, im Mai 2003 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis in Frankfurt.