Warum verschwinden mutige, einzigartige, bemerkenswerte weibliche Figuren so oft aus unserem Gedächtnis? Sowohl Medien als auch Historikerinnen und Historiker weisen regelmäßig darauf hin, dass viele Frauen, die Geschichte machten, heute keine Rolle in der Erinnerungskultur spielen. Immer wieder entdecke ich Frauenschicksale, deren Verdienste weder durch einen Straßennamen, Schulnamen oder aktive öffentliche Arbeit geehrt werden. Zum Beispiel die Feministin Anna Haag (1888 bis 1982), die ein faszinierendes geheimes Kriegstagebuch im nationalsozialistischen Deutschland führte und trotz der Veröffentlichung von Auszügen daraus im Jahr 2019 weiterhin fast vollkommen vergessen ist.
Haag, die als Journalistin und Autorin bereits in der Zeit der Weimarer Republik erfolgreich war, notierte während des Zweiten Weltkrieges Tag für Tag ihre Gedanken, die Alltagsstimmung und den verheerenden Einfluss der Nazipropaganda auf das Denken mit dieser zwischen den Zeilen noch heute sehr aktuellen Frage: Wie konnte eine gebildete Nation ein Regime unterstützen, das eigenständiges Denken zum Verbrechen erklärte?
Haag wurde als Anna Schaich geboren, als eines von sechs Kindern einer schwäbischen Familie. Sie besuchte bis zum 16. Lebensjahr die Schule und damit länger, als das bei Mädchen zu dieser Zeit der Durchschnitt war. Sie fing früh an zu schreiben, doch ihre Lust am intellektuellen Austausch und ihre Offenheit wurden sicher auch bestärkt durch ihre Ehe mit Albert Haag, einem Gymnasiallehrer für Mathematik. Ein mehrjähriger Aufenthalt in Bukarest und darauffolgend die Erfahrung des Ersten Weltkrieges machten aus diesem gleichberechtigten Paar endgültig zwei überzeugte Pazifisten und Demokraten.
Seit den Zwanzigerjahren war Anna Haag Mitglied der deutschen Sektion der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Von den Versprechen der Nazis ließ sich Haag nie beeindrucken. Sie hatte Mein Kampf aufmerksam gelesen. In einem Tagebucheintrag vom 15. Oktober 1941 bezeichnet Haag die Anfangstage der Nazibewegung, die martialischen Umzüge und das gewalttätige Auftreten als "eine rein männliche Angelegenheit".
Tagebücher sind wie Zeitkapseln, denn
sie halten Eindrücke des jeweiligen Moments fest. Gerade aus der Zeit des
Zweiten Weltkriegs sind sie von besonderer Bedeutung für die historische
Forschung, weil sie Einblick in das gewähren, was
Menschen wirklich dachten – jenseits dessen, was die Propaganda ihnen zu denken vorgab. Auch deshalb hat die postume, späte Veröffentlichung der Tagebücher
von Victor Klemperer so großes Interesse ausgelöst; Klemperer überstand die Nazizeit in Dresden, wurde als Jude von den Nationalsozialisten seiner Professur beraubt, konnte der Deportation aber aufgrund seiner Ehe mit
einer "Arierin" entgehen.
Für den inzwischen verstorbenen britischen Historiker Edward Timms, der das Manuskript von Anna Haag untersucht und Teile davon herausgegeben hat, "stellen Tagebucheinträge aus der Zeit des Dritten Reichs, geschrieben von Menschen, die sich das eigenständige Denken nicht verbieten ließen, einen Akt des Widerstands dar".