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Vor etwa einem Jahr, gleich nachdem das Konzert angekündigt worden war, hatten wir beschlossen, dass wir dorthin gehen würden, Ineke und ich. Weil Ineke in Mannheim wohnte. Weil die SAP-Arena nur zwanzig Minuten von ihr entfernt ist. Weil alles so perfekt zu sein schien, so einfach. Ich musste nur in Berlin in den Zug steigen und zu ihr fahren, in ihre Gegenwart und meine Vergangenheit. A-ha hatten die Welt nämlich wissen lassen, dass sie ihr Debütalbum Hunting High and Low 34 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch einmal komplett aufführen würden – jenes Album, das den Beginn meiner musikalischen Sozialisation markiert: Zu meinem elften Geburtstag hatte ich den Dual-Plattenspieler meines älteren Bruders geerbt, und die Platte, die ich mir zu Weihnachten wünschte, war die, die in den Bravo-Lesercharts gerade ganz oben stand.

Der Erfolg des Albums war ein kleines Wunder: Die erste Single Take On Me war erstmals im Januar 1984 in Norwegen erschienen, ohne jenseits der Landesgrenzen auf große Resonanz zu stoßen: In Großbritannien beispielsweise wurden nur 300 Stück verkauft. Im Oktober 1984 brachte die Plattenfirma Warner Brothers den Song neu abgemischt noch einmal auf den europäischen Markt – mit wenig weitreichenderen Folgen. Im Januar 1985 gab es eine weitere Version mit einem weiteren Produzenten.

Im Juli desselben Jahres wagte Warner in den USA einen letzten Versuch, dem Song zum Durchbruch zu verhelfen, begleitet von einem innovativen, 100.000 Dollar teuren Video, das Rotoskopie mit Realfilm verbindet: Morten Harket überschreitet darin die Grenzen der Wirklichkeit, springt zwischen den Welten hin und her, in der Hoffnung, dass die Liebe zu einer Leserin ihn von seinem todbringenden Action-Comic-Dasein befreien könne. Diesmal gelang der Sprung an die Spitze, weil das Video bei MTV auf Heavy Rotation lief und dank der deutschen Musikfernsehsendung Formel Eins am 26. September 1985 selbst ins ostfriesische Hinterland drang. Auch die anderen vier Singles Love is Reason, The Sun Always Shines on TV, Train of Thought und Hunting High and Low wurden Hits; das Album verkaufte sich weltweit ingesamt elf Millionen Mal.

Das alles, daran muss ich seitdem immer wieder denken, hätte es ohne das Video nicht gegeben.

Wie wenig es braucht, um Erfolg zu haben.

Und wie viel.

Jetzt sollte Hunting High and Low also noch einmal auf die ganz großen Bühnen gebracht werden, wenn auch, als trauten a-ha ihrem verblassenden Ruhm nicht, zunächst in den nicht ganz so großen deutschen Städten: in Mannheim, Leipzig, Oberhausen und Bremen.

Ineke hatte keine Beziehung zu a-ha. Sie meinte, dass sie 1985 noch Hörspielkassetten gehört habe, dass die Musik viel später in ihr Leben getreten sei – so wie ich auch. Wir waren zwar seit der siebten Klasse zusammen zur Schule gegangen, hatten uns aber erst in der Oberstufe, kurz vorm Abitur kennengelernt. Andere waren hinzugekommen, Christian und Sabine, Wilko und Sandra, Ralf und Anke, und wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, dann fällt mir als Erstes ein, wie wir alle zusammen bei Ineke in ihrem mit Kieferpanelen ausgekleideten Dachzimmer zu Rage Against the Machine tanzten und bei den Versen "You say jump / I say how high" aufpassen mussten, mit unseren Köpfen nicht gegen die Schrägen zu stoßen.

A-ha spielte keine Rolle in unserem gemeinsamen Leben. A-ha war meine ganz persönliche Leidenschaft, etwas, was ich vor meinen Grunge-, Crossover- und Metal-Freunden verbarg, weil ich fürchtete, dass sie mich damit aufziehen würden, für die Sentimentalität, den Schmalz, den Pop, die Massenkompatibilität ihrer Musik. A-ha waren einfach zu groß gewesen, zu gefühlvoll. Und im Gegensatz zu anderen New-Wave-Bands der Achtziger waren sie nicht intellektuell und düster genug, um sich als Abiturient noch mit ihnen identifizieren zu können.

Dabei offenbarten die Texte eine Abgründigkeit, die mir erst später bewusst werden sollte. Als Jugendlicher waren mir Zeilen wie And his thoughts are full of strangers, I reached inside myself and found / Nothing there to ease the / Pressure of my ever worrying mind, Was that somebody screaming? / It wasn’t me for sure oder I cut my wrist on a bad thought mysteriös vorgekommen. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erschienen sie mir wie Botschaften einer zutiefst verwundeten Seele, Wahnvorstellungen, Ausdruck von Panikattacken und Angstzuständen, Hilfeschreie eines Lebensmüden.

Nach dem Abitur hatten wir unsere Heimatdörfer verlassen und an anderen, weit voneinander entfernten Orten zu studieren begonnen, einige wie Ineke in Greifswald und Mannheim, andere in Dortmund, Trier, Kiel, Münster und Hannover; ich in Köln und dann Berlin. Wir hatten den Kontakt gehalten, waren uns an Weihnachten, Ostern oder bei Klassentreffen begegnet, aber wir telefonierten kaum miteinander und besuchten uns selten. Trotzdem hatte unsere Freundschaft die räumliche Trennung überdauert, den Alltag des Erwachsenendaseins, die unterschiedliche Lebensführung – und die Schicksalsschläge, die mit dem Älterwerden einhergehen.