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Die Temperatur steigt schnell, beängstigend schnell. Eben waren es noch herbstliche neun Grad, plötzlich sind es 28 und die Prognose lautet 32, am Wochenende auch gern 33 Grad. Ich schwitze nur allein bei dem Gedanken, was mich erwartet.

Bei Getränke Hoffmann wird das Wasser knapp und das alkoholfreie Bier ist bereits ausverkauft. Alle hamstern. Die Erinnerung an den letzten Sommer sitzt tief.

Mit dem Sommer und der Hitze kommt auch die Sommerfrische. Inzwischen hat gefühlt nahezu jeder Berliner, der etwas auf sich hält, ein Wochenendhaus, eine Datsche oder wenigstens einen Wohnwagen im Grünen – und die Einladungen zu Geburtstags-, Sommer- und Grillfesten purzeln ins Haus. Ich selber habe einen herrlichen Zirkuswagen an einem entlegenen Wasser stehen, also ein winziges, aber paradiesisches Anwesen, und würde am liebsten nur da sitzen und aufs Wasser starren, statt wie eine Wahnsinnige alle Einladungen abzufahren zu den Datschen der anderen. Aber will ich meine Freunde, Bekannten oder Verwandten jemals wiedersehen, muss ich aufs Land.

Denn sie alle fahren nach getaner Wochenarbeit sofort los, am Freitagabend. Sie müssen wegen der Dürre gießen, sie müssen den Maulwurf bekämpfen, dem Biber eine Falle stellen, umgraben, jäten, pflanzen. Die Zeiten, wo man gemütlich im Biergarten saß und über Politik diskutierte, sind ein für alle Mal vorbei. "Eine knappe Stunde von Berlin haben wir unser Grundstück. Es ist wirklich ganz nah. Komm, du wirst es lieben!" So lautet der allgemeine Schlachtruf der Städter.

Ich mache mich auf den Weg.

Natürlich ist keines der Ziele in weniger als anderthalb Stunden erreichbar, eher zwei, manchmal mehr. Bei dem ersten denke ich noch, es läge an mir. Überlandfahren will gekonnt sein. Schon bald wird mir klar, selbst bei bester Routenplanung wäre ich nach einer Stunde höchstens an der Tankstelle Michendorf. Der Berliner Speckgürtel zieht sich, der Verkehr ist dicht.

Aldi, Ikea und Amazon haben riesige Hallen an der Strecke errichtet. Dann aber fährt man von der Autobahn ab und ist mit den hohen Birken und den endlosen Rapsfeldern allein. "Kein schöner Land in dieser Zeit ..." summe ich, zwischenzeitlich glücklich, vor mich hin. Das ist der Moment, wo mich der erste Blitzer erwischt. Es ist kein Ort, keine Auf- oder Abfahrt, keine Baustelle. Es ist, das weiß ich nach dem sechsten Blitzer, Schikane. Aber ich greife vor.

Die Brandenburgischen und später die Mecklenburgischen Dörfer haben etwas gemeinsam: sehr, sehr bunte Dachziegel. Nach der Wende muss sich ein Ziegelverkäufer eine goldene Nase an diesen glänzenden blauen, grünen oder violetten Ziegeln verdient haben. Gibt es keinen Denkmalschutz fürs Dach? Aber ich will nicht hochnäsig sein. Des Menschen Geschmack ist sein Himmelreich.

Zack, der nächste Blitzer. Das Dorf war noch nicht zu Ende.

Das ist überhaupt das Schwierige: Wann beginnt ein Dorf, wann endet es? Und wie erkenne ich das? Es fehlen Kirchen und Gaststätten, an denen ich mich orientieren könnte. Stattdessen hängen manchmal Transparente an den Gartenzäunen: "Fahrt nicht durch unser Dorf!"

Die Durchfahrtsdörfer tun mir leid. Am Freitagabend ein Autokorso die Dorfstraße entlang. Am Sonntagabend das gleiche in umgekehrter Richtung. Die müden Städter haben es eilig. Sie kaufen keine Holunderbeermarmelade am Straßenrand. Sie wollen in ihre Sommerfrische. Sonst nichts. Die Dörfer sind eigentlich nur im Weg, man muss die Geschwindigkeit drosseln, darf die fahrradfahrenden Kinder, so es überhaupt noch welche gibt, nicht überfahren.