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Nun steht es fest: Jeder zweite Brite hat eine Kettensäge im Haus. Das belegt die persönliche Anschauung.

Ich sage dies nicht aus Ressentiment gegen den Brexit, sondern eben aus first hand experience. Ja, sie haben uns nun von sich abgehängt. Oder, wie einer schon auf dem Hinflug mit Blick auf den blauen Europa-Pullover meiner Begleitung treffend sagt: Ah, we shot one star out! Noch hat sich kaum etwas verändert, keine Schlangen in Heathrow, nur das Übliche: Die Maschine liest bei der Einreise meinen Pass erst einmal nicht, ich muss auf einen Menschen warten, es geht dann doch rasch. Alle sind extrem freundlich, der Flug war verspätet, die britischen Piloten luden Passagiere ins Cockpit ein, freie Getränke wurden verteilt.

Zwei Tage später dann, vor Ort, der Sturm. Er ist in England, sozusagen naturgemäß, ein ganz anderer als auf dem Kontinent, denn auf der Insel wirft nicht Sabine, sondern Ciara Bäume um. Der Bus kam gerade noch zum Stehen, Sonntagnachmittag, heftige Windböen, Regen, und ein Baum quer über der Straße. Drei Menschen standen an seinem Wipfel, einer trug eine Warnweste. Niemand versuchte auch nur, offizielle Hilfe anzurufen. Man hatte bereits eine kleine Säge, riss erste Äste ab. Bald waren mehr Menschen da, Nachbarn, Autofahrer, und das beruhigende Geräusch einer Kettensäge setzte ein. Gefolgt von einer zweiten.

Ich stieg aus dem Bus aus, bewunderte "die Briten", denn sie waren so anders als ich (Mantel, Kopf eingezogen gegen den peitschenden Regen, schiefe Figur im Wind): In Trainingshosen und T-Shirts kamen sie aus ihren Wohnzimmern oder Autos. 

Es regnete, es duschte, der Wind peitschte den Regen auf uns runter, in kürzester Zeit sah ich nichts mehr durch meine Brille, aber sie wuselten ohne viel zu reden höchst effektiv durcheinander, da der eine, dort die andere, sägten, glitschten aus, ruckelten, rissen und schleiften. Der Baum schrumpfte, nach 35 Minuten war das Hindernis so geschrumpft, dass sogar der Bus daran vorbeipasste.

Ich war beeindruckt. Das war schnell und effizient. Sehr britisch allerdings auch, denn im Bus war inzwischen eine Frau der Busfirma aufgetaucht, die der Busfahrer angerufen hatte. Sinnend betrachtete sie das Ganze, und stellte die nicht ganz unberechtigte Frage, warum der Baum, sehr kräftig, überhaupt umgefallen war. Hatte der Eigentümer verabsäumt, die Standfestigkeit zu prüfen? Ihn zurechtzuschneiden? Hatte sich der Baum an seinem eigenen Wachstum überhoben?

In diesem Augenblick wurde mir klar, woran das Szenario mich erinnert hatte: Seefahrerfilme! Sturm, Nässe überall, ein Hindernis an Deck, und alle arbeiten, stumm, kräftig, um die Situation aufzulösen.

Und der Brexit? Vielleicht haben "wir Europäer" unterschätzt, was es heißt, auf einer Insel zu leben, ein Inselvolk zu sein. Sie machen Dinge gern allein! Sie machen sie gut. Sie brauchen ihren Sonderweg. Und dann wollen sie keine Vorschriften, sondern handeln.

Der Baum gehört allerdings auch dazu. Man weiß nicht so recht, wie es gekommen ist –  nun, man hat die Entwicklung drei Jahre lang miterlebt, man wollte es nicht glauben, oder doch glauben, mitunter auch sehr gern glauben – oder wenigstens hoffen, dass es etwas erklärte, und nun ist es passiert. Irgendetwas ist gewachsen, das man nicht wachsen sah oder zu spät bemerkte, nicht zurückstutzte oder behob, aber eben auch nicht stutzen wollte, weil man sich keineswegs darüber einig ist, wie das geschehen sollte. Viel zu viele Spaltungen durchziehen die britische Gesellschaft, sie trennen den Norden vom Süden, die Jungen von den Älteren, die Klassen sowieso sowie die früher von den später Eingewanderten, wobei man eben in diesem Punkt durchaus Teil von Europa zu sein scheint, wo allenthalben nationale bis nationalistische Bewegungen erstarken. Das ausgerechnet dies zu einer Abkoppelung von Europa führt, ist auf der dritten Ebene ironisch – aber dies nur nebenbei.

Nun also ist es passiert. Man muss damit umgehen, wegräumen, zerschneiden, sehen, was kommt. Das ist die Haltung, der ich überall begegne. Pragmatisch, partiell resigniert, manchmal auch optimistisch – surfing the moment – das Spiel wird gespielt, die Kugel rollt. Keine Frage, der britischen Liebe zu jeglicher Art von Theater, gern auch schlecht und absichtlich schlecht inszeniert, kommt all dies entgegen. In einem Laden in Oxford hängt ein sehr spezielles Bild, gemalt nach einem Foto, im Fenster, darunter liegt es noch einmal als Geschirrtuch. Zu sehen sind zehn Studierende des Jahrgangs 1987 auf der Treppe zu Oxfords Christ Church College. Sie posieren in Fräcken, strahlen Selbstsicherheit aus, geschwellte Brust, allesamt Mitglieder des für seine Geld- und Verhaltensexzesse bekannten Bullingdon Clubs. Der zweite von links oben ist David Cameron, unten rechts sitzt Boris Johnson, der wie immer an seiner Frisur zu erkennen ist.

Als das Foto 2007 ans Tageslicht kam, schadete es Cameron nicht wenig. Um das Copyright zu umgehen, wurde die britische Künstlerin Rona Marsden gebeten, es nachzumalen. Das gemalte Foto ging durch die Presse. Und nun: Reib dein Geschirr trocken mit Premierministern! Mach dich lustig über dich, wenn du es tust, und über sie, und damit noch einmal über dich selbst.

Auch eine Form der Krisenbewältigung: mit Boris Johnson Geschirr abtrocknen. © privat

Und Boris, wie er hier allenthalben heißt? Die perfekte Brücke zumindest für die englischen Spaltungen: wirkt immer sloppy, also leicht schlampig bis verkommen, durchaus neben der Spur, die klassische Jester-Figur, ist dennoch reich, spricht Latein, wenn es darauf ankommt, scheint nichts ernst zu nehmen. Es ist eine Insel. Ich sitze fest auf ihr dank des Sturmes, der hier den einen Namen hat und jenseits des Kanals den nächsten, und denke über die Bedeutung von Unterschieden nach, und darüber, wie man innerhalb der Europäischen Union damit pragmatischer und kettensägenloser umgehen kann.

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