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Brenton Tarrant, der vor einem Monat in Christchurch 50 Menschen ermordet hat, hörte während seiner Fahrt zum Anschlag ein Lied, das serbische Nationalisten 1995 aufgenommen hatten – kurz vor dem Ende des Bosnienkriegs. Zum Zeitpunkt der Entstehung war die Absicht hinter dem Lied genauso humorlos und blutrünstig wie alles andere an den Kriegen, die auf den Zerfall Jugoslawiens gefolgt waren. Als es in Tarrants Livestream lief, war es jedoch vor allem ein finsterer Witz: Bog je Srbin i on će nas čuvati hatte sich dank YouTube kurz zuvor unter dem Titel Remove Kebab als Meme etabliert. Jemand hatte eine trollig-parodistische Faux-Übersetzung des Textes geschrieben ("kill bosnia, tupac alive in serbia" usw.), und das Video lieferte unfreiwillig den Rest: Männer in Tarnuniformen, die auf dem Acker Akkordeon und Keyboard spielen (ein Yamaha DX7 übrigens – man kann es in diesem Top-Gun-Lied Take my breath away und in Tina Turners What’s Love got to do with it hören), Haubitzen abfeuern, versonnen schunkeln – gefundenes Internet-Fressen.

Das Meme war keineswegs nur bei islamhassenden Neonazis beliebt, sondern auch bei Fans des historischen Computerspiels Europa Universalis 4, die damit ihre Wut über die überlegene künstliche Intelligenz, mit der die Programmierer das Osmanische Reich ausgestattet hatten, wohl ironisch zum Ausdruck brachten. Es war nur eins von vielen Memes, die der Mörder in den Livestream seiner Tat eingeflochten hatte, doch ich blieb daran hängen: Schließlich habe ich den Bosnienkrieg überlebt.

Dieser war unter anderem auch ein Krieg des Ruralen gegen das Urbane. Die Serben, die im Meme musizieren, sind vom Dorf – man erkennt es an ihrem Dialekt aber auch an der Musik, die sie spielen: meckerndes Akkordeon, zuppelnde Rhythmen. Es ist kein Zufall, dass Belgrader Hooligans auf YouTube die Kommentarspalten unter Songs der britischen Skinhead-Band Cock Sparrer vollspammen: In jugoslawischen Städten hörte man westliche Musik – und aus dem Wald schallten marsianische Klänge.

Ein Missverständnis hat die Memewerdung von Bog je Srbin ermöglicht: Der Text richtet sich nämlich nicht nur gegen bosnische Moslems, sondern gleichermaßen gegen kroatische Katholiken. Der Bosnienkrieg fand nicht bloß zwischen Christen und Moslems statt, er war von Beginn an ein Krieg aller gegen alle. Die Parteien bekämpften nicht nur (in wechselnden Konstellationen) einander, sie zersplitterten, unterzogen sich den üblichen Säuberungen, wenn sich Hierarchien verschoben, Seilschaften auseinanderfielen. Um es in den Begriffen jener auszudrücken, die Memes mögen: Es war eher Game of Thrones als die Turner Diaries.

Je enger die eigene Biografie an die multikulturelle Utopie der Sozialisten geknüpft war, umso undurchschaubarer wurde das Dickicht der Ressentiments, in dem man sich während des Zusammenbruchs wiederfand: Mein Vater wurde auf der Arbeit bespuckt, weil er eine Kroatin geheiratet hatte, doch jemand legte uns den Kadaver eines Kätzchens auf die Fußmatte, weil er ein "gottloser Moslem" war. Das hatte dieser jemand mit dem Filzstift und der Schrift eines Fünfjährigen in kyrillischen Buchstaben an die Tür gekritzelt, und er meinte nicht bloß den Glauben meiner Urgroßeltern, sondern wahrscheinlich auch die Tatsache, dass mein Großvater ein (leider einigermaßen berühmter) Partisane und Kommunist gewesen war. Sehr verworren, das Ganze.

Der Verlust der Kindheit wird überschrieben

Das sind selbstverständlich nicht die Verhältnisse, die heutzutage von Rassisten und Rechtsextremen halluziniert werden – kein Kreuzrittertum, das sich gegen anbrandende Moslemhorden erhebt. Nicht, dass das eine Rolle spielen muss: Laut Fredric Jameson ist ein Merkmal der Postmoderne die Degradation. Zeichen würden aufgegriffen und angepasst, um als Vehikel für eine ganze Menge ideologischer Signale zu dienen, und zwar, schreibt Jameson, so weitgreifend, bis ältere "tragische" Fragen in diesem Kontext irrelevant erschienen. Der amerikanische Literaturtheoretiker spricht von tragischen Fragen der Moderne, einer ganz anderen Größenordnung also, als es mein Hadern mit dem Verlust von Kindheit und Heimat ist – und dennoch habe ich das Gefühl, er meine allein mich. 

Wie konnte das Schlimmste, was meiner Familie und mir widerfahren ist – dieses wirklich außerordentliche Grauen des Kriegs –, für die dunkle Albernheit eines Terroristen und Kindermörders herhalten, zum bloßen Teil der an seine rassistischen Internetkumpels gerichteten Shoutout-Pastiche werden? And so it goes: "Der Killer grinst", schreibt Klaus Theweleit in Das Lachen der Täter, einem Buch, in dessen Mittelpunkt statt Breivik ebenso gut Tarrant stehen könnte. Beide sind soldatische Männer und Mörder, die zwar allein gehandelt haben, doch in der Gewissheit, ein Heer sei mit ihnen, eine Armee jener, die sich dieselbe Veränderung ihrer Umwelt wünschen wie sie, die der Gedanke an die Gewalt, mit der diese Veränderung zu erreichen wäre, in dieselbe Erregung versetzt. Darum ist ihr Morden "körperlich-politischer Ausdruck des Agierens in solchen Einrichtungen mann-dominierter, kriegerischer Organisationen, deren bedeutender Teil sie werden wollen und in der Ausführung ihrer Gewaltakte geworden sein werden, sobald diese 'gelingen'. Ihr Hauptziel ist damit erreicht." Folglich kann man sich auch sicher sein, dass es Tarrant egal sein wird, ob man seinen Namen verschweigt – der Ruhm, den er wollte, stammt "von der gefeierten Gesetzlosigkeit seiner Tat". Jene, die sie feiern, feierten auch seine Memes – male bonding unter Digi-Nazis.

Das ist also mit meinem Krieg passiert: Als Ereignis einer Zeit ohne Geschichte zum Witz geworden, ist er von jemandem aufgeschnappt worden, der versuchte, durch einen Gewaltakt zu Ende geboren zu werden – er nutzte ihn, um andere nicht zu Ende Geborene zum Lachen zu bringen. Um ihnen zu bedeuten, sie seien nicht allein – er sei wie sie, lache über dieselben Scherze, wolle dasselbe: Leichenberge; darum seien sie zu Gleichem fähig wie er. All die Toten – ein kurzes Aufleuchten im Augenzwinkern des Faschisten.