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Wahlbetrug in Bolivien, seither wütende Proteste im ganzen Land und immer gewaltsameres Vorgehen der Polizei gegen die Demonstrierenden. Interessiert keinen? Brennt nicht gerade eh halb Lateinamerika – Chile, Ecuador, Mexiko, Peru …? Ach ja, und Venezuela? Aber Bolivien, das ist doch dieser malerische Indiopräsident, der so rührend von der Mutter Erde spricht und halt etwas zu großen Gefallen an den Annehmlichkeiten des Regierens gefunden hat (Personenkult, mit dem Hubschrauber zum Tee, gekaufte Armee und korrumpierte Justiz, sehr junge und sehr skandalumwitterte Gespielinnen) – oder?

Schon klar, der Knuddelbonus, den Evo Morales in unseren Breiten genießt, ist auch mit einer vierten von zwei verfassungsmäßig erlaubten Amtszeiten längst nicht aufgebraucht. Ist dieser Staatschef nicht sogar ein Linker? Hat sein Land ihm nicht unendlich viel zu verdanken?

Und so war das Wenige, was sich in der deutschsprachigen Presse vor den Präsidentschaftswahlen zu Bolivien fand, meist Hofberichterstattung. Die Neue Zürcher Zeitung jubelte die einzige chola in Morales' aktuellem Kabinett zum Beleg für die Emanzipation der indigenen Bevölkerung hoch, garniert mit einer Prise Salonrassismus ("Cholas sind gewiefte Händlerinnen"). Bei der Frankfurter Rundschau erschöpfte sich der investigative Aufwand offenbar darin, ein paar Dateien aus dem Jahr 2005 in ein heute lesbares Format zu bringen: "Der Präsident … hat die Armen auf seiner Seite, die Hochlandindianer und den Großteil der Landwirte."

"Evo de nuevo? Huevo!"

La Paz, 10. Oktober – zehn Tage vor der Wahl. Das Nationale Komitee zur Verteidigung der Demokratie (Conade), wichtigstes Sprachrohr der Zivilgesellschaft, ruft zum Cabildo. Diese Bürgerversammlungen, sind ein in der Verfassung verankertes Instrument der direkten Demokratie in Bolivien. Ihre Beschlüsse muss die Regierung politisch umsetzen, so steht es zumindest auf dem Papier. Dieser Tage sind Cabildos in sieben der neun bolivianischen Provinzen ausgerufen. Bei der Versammlung in der Tieflandmetropole Santa Cruz fanden sich in der Woche zuvor eine Million Menschen ein. Ganz so viele werden es in La Paz nicht, aber in sechsstelliger Zahl strömen sie rund um die Plaza San Francisco zusammen.

Alle sozialen Schichten und alle Generation sind auf den Beinen. Dass die Jugend vorherrscht, spiegelt die Demografie wieder: Mit einem Altersschnitt von unter 23 Jahren zählt Boliviens Bevölkerung zu den jüngsten der Welt. Fast jede und jeder hat eine bolivianische Flagge dabei, und das ist wichtig. Die Staatsflagge ist hier kein chauvinistisches Symbol, sondern Zeichen der Einigkeit unter den offiziell 36 "Nationen" des Landes.

Ich laufe mit. Eigentlich bin ich natürlich wegen der Literatur hier; die Universität San Andrés hat mich eingeladen, ein Werkstattseminar über Eugen Gomringer zu leiten, den Erfinder der konkreten Poesie, in Bolivien geboren. Ich selbst habe mir diese Wochen dafür ausgesucht. Um dabei zu sein, wenn Bolivien wählt. Das habe ich nun davon.

Eine Weile verfolge ich das Geschehen von oben, von der Dachterrasse des Restaurants Ichuri aus, wo die Fernsehteams ihre Kameras aufstellen. Ein bezaubernder 90-Jähriger versichert mir dort mehrmals, er sei Senator der Republik gewesen, und ich verstehe in dem Moment die Tragweite nicht, dass er Anfang der Achtzigerjahre zu denen gehörte, die in Bolivien die Rückkehr zur Demokratie erkämpften.

Dann wieder unten auf dem Platz. Die Menge demonstriert ausgelassen und zuversichtlich, die Botschaft ist klar. Evo de nuevo? Huevo carajo!, lautmalern sie unübersetzbar (sinngemäß: Noch mal Evo? Zum Kotzen!). Und skandieren, dass sie keine Lust hätten, in einer Diktatur wie der venezolanischen zu leben. Oder schlicht: Democracia sí, dictadura no! Auf der Tribüne werden Ansprachen gehalten und die vom Conade gesammelten Forderungen zur Akklamation verlesen.

Jeder der sieben Cabildos im Land hat seine Eigenheiten. Der erste, in Santa Cruz, gab den Ton vor, weil sich dort diesmal, anders als oft in der Vergangenheit, nicht die Cambas aus dem Tiefland gegen die Collas aus dem Altiplano stellten, sondern die Einheit des Landes im Widerstand gegen autokratische Anwandlungen beschworen wurde.