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I tried to be a joyful feminist. But I was very angry.
Agnès Varda

Der Sand unter meinen Füßen gibt bei jedem Schritt etwas nach, mein Atem geht gleichmäßig, es riecht nach Salz und Fisch. Ich kämpfe mich vorwärts gegen den Wind. Wie lange war ich nicht mehr laufen?

Seit zwei Wochen bin ich hier und versuche zu verbinden, was kaum unter einen Hut zu bringen ist, Arbeit und Auszeit, Kind und Schreibleben. Meine Beziehung nicht zu vergessen. In wenigen Tagen wird das Kind zehn Monate alt, die ein Marathon waren, zwischen Erschöpfung und Rausch. Ich laufe noch bis ans Ende des Stegs, der aufs Meer hinausführt, gehe in die Knie, stütze die Hände auf die Oberschenkel. Atme gegen meine Zweifel, mein schlechtes Gewissen, meine Unruhe, gegen die Schreibkrise als Dauerzustand, gegen die bohrenden Fragen, ob sich all das denn überhaupt lohnt, und es gut genug sein wird, was ich schreibe. Atme. Spüre die Wärme in Kopf und Körper, die sich langsam ausbreitet, das Gefühl, dass alles in Fluss kommt. Vor mir das Meer.

Zu Hause, in unserem puppenhauskleinen Feriendomizil angekommen, schläft das Kind bereits, C. hat Tee gemacht, ich dusche lang, mache mich anschließend daran, die Meldungen des Tages durchzusehen und finde einen Artikel, in dem ein junger Autor vom Überwinden seiner Schreibkrise erzählt: Er habe ein manisches Makrotagebuch geführt, an dem er von morgens um acht bis nachts um eins durchgehend schrieb, mit einer Nachmittagspause für die Familie. Eine Nachmittagspause. Ich muss lachen. Ich stelle mir vor, wie seine Partnerin den geplagten Autor von den alltäglichen Unterbrechungen abgeschirmt haben muss, die jedes Familienleben mit sich bringt, die kaum in eine Nachmittagspause passen, wie schon Jahrzehnte, Jahrhunderte vor ihr andere Frauen Raum und Zeit geschaffen haben für die Kreativität ihrer Partner. Hier hält C. mir den Rücken frei, damit ich ungestört arbeiten kann, wir sind ein Team, aber mich plagt Unruhe, Zerrissenheit, als stünde mir die Freiheit, die ich mir nehme, nicht zu. Wenn ich mich zurückziehe und arbeite, ertappe ich mich beim Gedanken an das Kind, wenn ich mich der Familie widme, sehne ich mich nach Schreibzeit. Warum fällt es mir so schwer, das eine vom anderen zu trennen?

Immer schon waren es vor allem Frauen, die das soziale Leben und die Familienstrukturen organisiert haben und damit den Alltag ferngehalten haben vom unhinterfragten Freiraum des Mannes. Ich frage mich, ob der Autor vor oder nach Schreibkrise und Nachmittagspause Vergleichbares für seine Partnerin getan hat, die ebenfalls Autorin ist. Oder war. Vor meinem geistigen Auge sehe ich eine Alma Mahler-Werfel, ihre Spaziergänge mit Gustav Mahler, der ihre schweigende Gesellschaft wünschte, wenn er in seinem Kopf komponierte, wie sie an seiner Seite ging, und nicht wagte, ihn zu unterbrechen. Ihrem Tagebuch verriet sie, wie sehr sie darunter litt, statt weiter der Arbeit einer Komponistin nachzugehen (er verbat es nach ihrer Heirat) nur noch die Aufgaben einer Haushälterin verrichten zu dürfen. Die Dekoration des Eigenheims und die Mutterschaft galten lange als einzig legitime Formen weiblichen Schöpfertums. All das mag in einer dunklen, patriarchalen Vergangenheit liegen. Aber was wirkt nach bis in die Gegenwart? Wie sehen die Realitäten von Autorinnen und Künstlerinnen heutzutage aus?

Ich spreche von der Doppelorientierung, der Belastung, die soziale Aufgaben auf der einen und künstlerische Arbeit auf der anderen Seite bedeuten, und den immensen Benachteiligungen, die sich für Frauen daraus ergeben. Benachteiligungen, die weit vor der Mutterschaft ansetzen, weit über diese hinaus wirken und auch Künstlerinnen betreffen, die niemals Mütter waren oder werden wollen. Virginia Woolf schreibt in A Room of One’s Own: "She will write in rage when she should write calmly [...] She is at war with her lot." Aber sollten nicht gerade wir Künstlerinnen – 90 Jahre und zwei Wellen des Feminismus später – zornig Antworten verlangen und damit neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der familiären Strukturen? Woher kommt – immer noch – mein schlechtes Gewissen, die Zerrissenheit zwischen Arbeit und Kind, obwohl ich diese Normen ablehne, die Ungleichheit erzeugen und behaupten, dass die Zuständigkeiten und Pflichten bei mir liegen, der Mutter.

"Poesie ist Arbeit", ich erinnere mich, die Worte einer Kollegin, vor ein paar Monaten. An Wein und Häppchen in den Büroräumen der Veranstalter nach einer Gruppenlesung, an das Abfallen der Anspannung und die Leichtigkeit des Themenhoppings der Schreibenden von Lyrik über Whiskeysorten bis hin zu Jugendsünden, Schlaflosigkeit, Panikattacken. Und Kinder. Ich erinnere mich an das ungewohnte Gefühl, bei diesem Thema mitreden zu können. Seit Neuestem bin ich Mitglied in einem Club, von dessen Existenz ich immer schon wusste, aber lange Zeit überzeugt davon war, dass ich niemals dazugehören würde. Nicht dazugehören wollte. Mir bis heute nicht sicher bin, ob ich wirklich dazugehöre.

Irgendwann gehe ich zurück ins Hotel, der altmodische rote Klingelknopf schickt seinen hellen Schrei in die Lobby. Ein Portier späht hinter seinem Pult hervor, zupft Anzugjacke und Haare zurecht, wirkt erschöpft, dabei ist es erst kurz nach Mitternacht. Der staubige Geruch des Aufzugs, das träge Aufwärtsruckeln, Stockwerk für Stockwerk. Im Zimmer angekommen werfe ich Kleider und Schuhe von mir, checke meine Nachrichten. Meine rechte Brust spannt, die linke ist hart geworden, ich muss rasch Milch abpumpen. Das monotone Surren der elektrischen Milchpumpe macht mich schläfrig. Die kleine Maschine pumpt eine Weile erfolglos, bis ich dem Rat meiner Hebamme folge und auf meinem Telefon die letzten Bilder von meinem Kind öffne, um den Milchspendereflex zu aktivieren. Während ich beiläufig durch die Aufnahmen scrolle, wird mein Nippel im Gerät rhythmisch langgezogen, ein leiser, feiner Schmerz, ein Ziehen in den Brüsten, dann plätschert es endlich in die kleine, bauchige Flasche. Ich frage mich jedes Mal, ob sich eine spontane Erektion so ähnlich anfühlt. Meine Spiegelung im Zimmerfenster, die Plastikpumpe in meiner Rechten, das Smartphone in meiner Linken, der blaue Schein des Displays auf meinem Gesicht, ich muss grinsen. Die Milch in der Flasche ist dünn und grünlich. Ich stelle sie in die Minibar, nehme mir ein Bier mit ins Bad und gehe unter die Dusche. Es ist die erste Nacht, die ich von meinem Kind getrennt schlafe, in einer anderen Stadt. Das Kind verlangt, was mein Körper zu geben hat. Das Geschäft des Schreibens verlangt Abwesenheiten.