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Morgens, halb zehn in Berlin: Ich stehe zwischen Lohnarbeitenden gequetscht in der S-Bahn. Alle schauen in ihr Smartphone, sehen weder die Obdachlosen, die mit müden Gesichtern versuchen, den Straßenfeger loszuwerden, noch die vielen jungen Leute, die mit beschrifteten Plakaten in Gruppen zusammenstehen. Sie tragen vorwiegend Turnbeutel auf dem Rücken, weiße T-Shirts,  dazu Jeans und Turnschuhe – ein Look so schlicht, dass er geschlechterübergreifend funktioniert und auch kein Stück auf individuelle Vorlieben wie Musik, politische Ausrichtung, nicht einmal auf die soziale Klasse, schließen lässt. Die jungen Leute sind auf dem Weg in den Invalidenpark, denn es ist Freitag, halb zehn in Deutschland: Heute wird protestiert. Genau wie die Klimakrise kennt die Fridays-for-Future-Bewegung keine Sommerferien.

Junge Leute. Ich betrachte das makellose Gesicht eines Mädchens, das für die typisch unreine Haut von Pubertierenden noch nicht reif genug ist. Vor gar nicht allzu langer Zeit bin ich selbst noch jung gewesen, hier, neben diesen Mädchen in der S-Bahn fühle ich es wieder, diese Jugend, dabei bin ich das schon lange nicht mehr – ein junges Mädchen. Meine Jugend liegt mindestens 25 Jahre zurück und die Tatsache, dass ich mich immer noch jung fühle, lässt vielleicht eher darauf schließen, mit welchen bisher immer als typisch jugendlich geltenden Attributen ich mich in diesen 25 Jahren gegenüber der Klimakrise verhalten habe: naiv, unvernünftig und verantwortungslos. Erst vor ein paar Tagen lud ich gegen alle Sicherheitsbedenken ein Foto von mir in der FaceApp hoch. Ich konnte einfach nicht widerstehen, ich wollte unbedingt sehen, wie ich aussehe, wenn ich alt bin. Der Anblick schockierte mich – jedoch nicht das von Falten zerfurchte Gesicht, der Origamimund und die hängenden Backen, sondern dass ich aussah wie meine Mutter, wenn sie gesund und rüstig hätte altern können. So hätte sie mir hier gegenübergesessen, aufrecht und spitzbübisch lächelnd.

Am S-Bahnhof Oranienburger Straße steigen die jungen Menschen aus. Ich folge ihnen Richtung Chausseestraße, wir biegen links ab und laufen vorbei am Naturkundemuseum. Die ersten Polizeiwannen säumen die abgesperrte Straße. Männer und Frauen in gepolsterten Uniformen patrouillieren, die Mädchen vor mir beschleunigen ihren Schritt. 

Seit dem Beginn der Proteste im letzten Jahr hatte ich mir fast jeden Freitag vorgenommen, in den Berliner Invalidenpark zu fahren, um zu protestieren. Im letzten Jahr jedoch hatte ich "Wichtigeres" zu tun, als an den Freitagen gegen die Zerstörung unserer Zukunft zu demonstrieren. Ich schrieb meinen zweiten Roman zu Ende, in dem ich mich mit den Weltuntergangsszenarien meiner eigenen Kindheit und Jugend auseinandersetze. Die basieren jedoch nicht auf klimawissenschaftlichen Fundament, sondern auf den fundamental-christlichen Auslegungen der Zeugen Jehovas. Sechs Jahre lang schrieb ich an diesem neuen Buch – in der Zeit überschlugen sich die Weltereignisse: Millionen Menschen flohen aus ihren von Krieg, Ausbeutung und Dürre zerstörten Heimatländern; rechtspopulistische Parteien übernahmen Regierungen; soziale Medien wie Facebook oder Instagram, die bis dahin eher als private Egospielwiese gegolten hatten, mutierten zu Katalysatoren für Hetze und Buchverkäufe gleichermaßen; und der  Klimawandel entwickelte sich zur größten Krise in der Geschichte der Menschheit.

Greta Thunberg - "Die Klimakrise hört nicht auf, weil wir im Urlaub sind" Die schwedische Klimaaktivistin hat in Berlin vor Tausenden Demonstrantinnen und Demonstranten gesprochen. Sie sind sich einig: Die Politik müsse endlich handeln. © Foto: Paul Zinken/dpa

Die Klimaproteste der Schüler*innen und Studierenden berührten mich besonders, weil ich während des Schreibens meines Romans oft daran denken musste, wieso ich der Welt, in der ich groß geworden bin, den Rücken zugekehrt habe. Die Gründe dafür sind vielfältig: Verliebtheit und Punkrock waren wichtige Katapulte, vor allem aber fühlte ich mich abgestoßen von dem naiven und rücksichtslosen Glauben an einen Gott, der sich durch Tieropfer besänftigen ließ. Ein Gott, der seine eigene Schöpfung derart missachtete, erschien mir grausam und lächerlich zugleich. Insofern erlebte ich den Aufstieg der Protestbewegung um Greta Thunberg gleich als zweifachen Triumph: Erstens den meiner eigenen jugendlichen Ideale und zweitens als Sieg der Erzählungen junger Frauen und Mädchen, die – wenn schon nicht in der Literatur, zumindest in der Wirklichkeit – durch Figuren wie Greta Thunberg, Alexandria Ocasio-Cortez, Luisa Neubauer, Genesis Butler, Carola Rackete (allein der Name!) und Emma González einen neuen Stellenwert erlangen. 

Noch immer kann ich mich nicht sattsehen an den Bildern dieser jungen Frauen im Netz, vor allem die Instagram–Stories von Alexandria Ocasio-Cortez haben es mir angetan. Ich mag diese einmalige Mischung aus Schnoddrigkeit und Strenge, den Ton, den sie anschlägt, wenn sie andere Kongressabgeordnete herunterputzt und diesen zugleich warmen und kalten Blick, mit dem sie ihre politischen Gegner durchbohrt. Beim Anblick der kurzen Videos, die Ocasio-Cortez meist in ihrer Hood in der Bronx zeigen, rückt für den Bruchteil von Sekunden plötzlich die Vorstellung einer Welt an mich heran, in der diese Mädchen und jungen Frauen die Welt regieren. Es ist ein atemloser Moment – die Vorstellung, in einer Zeit zu leben, in der die Mädchen die Macht hätten. 

Vor mir kommt der Invalidenpark in Sicht. Die Mädchen aus der S-Bahn binden sich ihre Turnbeutel fester und drängen sich, Schilder über ihre Köpfe gestreckt, durch die Menge nach vorn. Ich folge ihnen durch den Pulk von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, verliere sie jedoch schnell aus den Augen und bleibe schließlich neben einer Mutter stehen, die ihre Tochter an der Hand hält. Oben auf der Bühne werden Sprechchöre auf Deutsch, Englisch und sogar auf Französisch skandiert:

On’est plus chaud,

Plus chaud,

Plus chaud que le clima.

Die Mutter neben mir applaudiert, das Mädchen flüstert leise auf Französisch mit. Auch sie trägt ein weißes T-Shirt und Jeans. Sie ist höchstens 12 Jahre alt, jedenfalls zu jung, um allein auf eine Großveranstaltung zu gehen.

"Kannst du sehen?", frage ich.

Das Mädchen nickt und lächelt mich schüchtern an. Ich gehe trotzdem einen Schritt zur Seite und versuche, mich klein zu machen, denn hinter mir stehen weitere Mädchen. Zum ersten Mal auf einer Demo muss ich auf Kleinere und Jüngere Rücksicht nehmen, ich – die sonst immer als die Kleinste gilt – versperre anderen die Sicht. Auf der Bühne treten aus den Medien inzwischen bekannte junge Gesichter ans Mikrofon. Sie sprechen über die Verantwortungslosigkeit der Erwachsenen, über das Opfer, das sie als Kinder bringen müssen – ihre Schulausbildung – um gegen die Zerstörung ihrer Zukunft zu demonstrieren.