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Von Anfang an hielt ich es für eine schlechte Idee, dahin zu fahren. Nicht an einem Tag wie diesem. An diesem Samstag nach Weihnachten. Diesem Samstag vor Silvester. "Das ist doch Wahnsinn", sagte ich.

"Ach was", sagte Vater, der unbedingt dahin wollte, weil er zu Weihnachten einen Gutschein dafür bekommen hatte. "So schlimm ist das da gar nicht. So voll wird das nicht werden. Wir treffen uns da jeden Samstag, meine Freunde und ich. Und wir haben noch jeden Samstag einen Platz gekriegt."

Vater ist 92. Seine Freunde, seine neuen Freunde, sind zehn, fünfzehn Jahre jünger, zwei Brüder. Er hat sie da kennengelernt, in diesem Café im Supermarkt, im Einkaufscenter, weil er mit seinem E-Bike auf seinen Fahrten durch Ostfriesland immer dort vorbeikommt, weil es günstig gelegen ist, auf halbem Weg zwischen Stadt und Dorf. Seine neuen Freunde treffen sich dreimal die Woche da, zum Frühstück und zum Kaffee, jeden Mittwochmorgen und jeden Freitag- und Samstagnachmittag sitzen sie am gleichen Tisch, verlässlich wie ein Uhrwerk. Sie gehören schon zum Inventar.

Mutter und ich wollten nicht mit, aber Vater bestand darauf. Er wolle uns etwas Gutes tun, erklärte er, uns einladen, jetzt sei ich ja noch hier, wer weiß, wann ich das nächste Mal aus Berlin zu Besuch komme, womöglich sei er dann schon tot. "Ach was", sagte ich. "Dir geht's doch noch gut, du bist doch noch fit."

"Ich nehm das Rad", sagte er, ohne auf mein Kompliment einzugehen, er stand schon mit Schal, Mantel und Mütze im Flur. "Ihr kommt mit dem Auto nach."

Um ihn umzustimmen, wollte ich ihn an das Feuerwerk erinnern, dass sie gestern auf dem Parkplatz des Einkaufscenters entfacht hatten, eine Art Vorgeschmack auf das, was uns an heute erwarten würde, den ersten offiziellen Feuerwerksverkaufstag. Ich wollte ihn noch einmal auf die Werbebeilagen der Zeitungen aufmerksam machen, auf die ganzen Sonderangebote, seitenweise Fleisch – Nackensteaks, Schweineschnitzel, Putenmedaillons – Chips und Dips, Korn und Sekt und Grog und Bier – und Böller natürlich: das zehnteilige Raketensortiment "Flying Legends", die "Tiger Fire"-Schussbatterie mit 450 Gramm Explosionsmasse, die "Power System Profi Batterie" mit 214 Schuss, 60 Meter Effekthöhe, 135 Sekunden Effektdauer, Kaliber 25 mm für 139,99 Euro.

"Das ist doch Wahnsinn", wollte ich noch einmal sagen, "ein Euro pro Sekunde in die Luft zu jagen." Und er hätte mir bestimmt beigepflichtet, wäre er nicht schon aus der Tür, auf dem Rad, außer Hör- und Sichtweite gewesen.

Mutter und mir blieb nichts anderes übrig, als uns ebenfalls anzuziehen und ins Auto zu steigen. Als wir über die Brücke kamen und von der Bundesstraße Richtung Einkaufscenter abbogen, bestätigte sich mein Verdacht, dass es Wahnsinn sei, heute dorthin zu fahren, denn der Parkplatz war voll: Autos, so weit das Auge reichte. Ich ließ Mutter am Eingang aussteigen, erklärte, dass ich nachkommen werde, und bat sie, schon mal für mich mit zu bestellen, das könne länger dauern, bis ich einen freien Platz gefunden hätte. Im Rückspiegel sah ich Mutter mit den Armen rudernd auf den Eingang zusteuern. Ich kurvte herum. Vor sich öffnenden Lücken standen schon andere Wagen; sobald einer herausfuhr, fuhr ein anderer vor mir hinein. Es dauerte eine Viertelstunde, bis ich etwas fand, ganz am anderen Ende, dort, wo die Felder beginnen, kurz vorm Deich.

Am Eingang hatte sich eine Schlange gebildet. Die Leute in der Drehtür konnten nicht schnell genug hineinkommen, weshalb der Mechanismus immer wieder blockierte. Ich hörte Menschen vor mir fluchen, aber niemand wich zurück. Als ich endlich drin war, nahm mir der Duft frisch gebackener Speckendicken, eine ostfriesische Spezialität aus Buchweizenmehl, Eiern, luftgetrockneter Mettwurst und durchwachsenem Speck, fast den Atem. Die Halle, durch die ich ging, war voll, auch die Einkaufswagen, die mir entgegenkamen, waren voll, als ob es kein Morgen gäbe. Dabei war morgen sogar verkaufsoffener Sonntag, der vierte in Folge in diesem Monat. Um mich zu orientieren, blieb ich vor dem Schild "Kunden-Schließfächer" stehen, betrachtete die leeren Gitterkästen darunter und wunderte mich über den Begriff "Kunden-Schließfächer", bedeutete das doch, dass man, wenn man das wörtlich nahm, die Kunden darin einschließen dürfe, Kinder womöglich, um ungestört einkaufen zu können. Dann setzte ich meinen Weg zum Café fort. Es befand sich genau in der Mitte. Als ich dorthin kam, sah ich Mutter und die Freunde meines Vaters an einem der Tische sitzen, an ihrem Tisch, nur meinen Vater sah ich nicht.

"Der sucht dich", sagte Mutter. "Der muss dir entgegengekommen sein. Hast du ihn nicht gesehen?"

"Nein", sagte ich und wollte schon umdrehen und ihn suchen gehen, da sagte einer seiner Freunde: "Nun setz dich man eben hin, der kommt schon wieder."

Und der andere sagte: "Sonst gehst du auch noch verloren."