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Im Sommer 1985 war ich jung und hatte kein Geld. Die Ausläufer der Pubertät machten mich starrköpfig und eigensinnig, jedoch war mein Hirn gerade nicht in Bestform. Das soll sich ja – so die Medizin – in dieser interessanten Lebensspanne noch einmal "neu zusammensetzen". Vielleicht war das der Grund, warum ich in diesem Sommer ohne Plan nach Irland fuhr.

Ein Jahr davor hatte ich in meinem oberösterreichischen Kuhdorf Jimmy Murphy aus Irland (Republik) kennengelernt, zusammen mit seinen beiden Freunden Hughie Lewis, ebenfalls Republik, und Paul Laverie, der aus Belfast in Nordirland stammte. Aber Republik oder Vereinigtes Königreich war egal, die drei einte ihre Freude am Leben und ihre Armut. Jimmy fehlten vorne ein paar Zähne unter seinem blonden Bärtchen in seinem fleischigen Gesicht. Er trug immer die gleichen Jeans und ein blauweiß gestreiftes Shirt seines Lieblingsfußballclubs Queens Park Rangers, die zu dieser Zeit im Abstiegskampf der ersten englischen Liga herumdümpelten, was er mit Würde ertrug. Seine restlichen Sachen passten in einen kleinen grünen Seesack.

Irland war ein Auswandererland und viele Iren ständig auf Achse. Auch die drei Freunde "von der Insel" arbeiteten während der warmen Sommermonate, wie sie erzählten, immer auf Baustellen in London. Und im Herbst machten sie sich auf in die Länder des südlichen Europas, in denen sie sich, wie sie erzählten, als Erntehelfer verdingten. Immer zuerst in Südtirol, wo sie Äpfel klaubten, dann in Frankreich (Wein) oder Sizilien (Orangen), bevor sie den Winter in Griechenland verbrachten, zum Entspannen.

Auf dem Weg nach Südtirol machten sie Halt in einem Land, das damals im Gegensatz zu ihren anderen Stationen noch nicht in der EU war, ja noch nicht einmal in der EG, wie das gemeinsame Europa damals hieß. Sie besuchten ein befreundetes Pärchen, das im hintersten Teil eines abgelegenen oberösterreichischen Tales einen kleinen Bauernhof bewirtschaftete und damals schon alternativ und bio lebte. Der junge Bauer war zuvor öfter mal "auf dem Landweg" nach Indien gereist. Auf dem Weg zurück verhafteten ihn einmal die Pakistaner und steckten ihn, wie er erzählte, in ein dreckiges Loch von einem Gefängnis, wo er beinahe verreckt wäre, wenn ihn seine Mutter nicht abgeholt hätte.

Froh darüber, noch am Leben zu sein, machte er seinen Bauernhof zu einem Ort der Freude, und wo würden Iren besser hinpassen als genau dorthin? Man trank gemeinsam und kiffte und feierte gemeinsam, und irgendwann sang man immer auch gemeinsam. Denn die Iren sind nicht nur dem Klischee nach singfreudig, Jimmy, Hughie und Paul waren es wirklich, und die irischen Lieder sind nicht nur dem Klischee nach voller Wehmut. Hughie hatte immer sein Banjo mit dabei, und da es die Zeit war, als die Pogues, die ja eigentlich aus London kamen, aber gerne als Irisch durchgingen, Dark Streets of London sangen, sangen wir dieses Lied auch. Und ich verrückter österreichischer Teenager mit dem sich neu zusammensetzenden Hirn hatte durch diese drei verrückten Iren und ihre Musik erstmals eine Idee von "Europa".

1985 dann, als die wunderschöne Cait O'Reardon auf dem Pogues-Album Rum, Sodomy & The Lash "I’m a man you don’t meet every day" sang, tauchten die Iren nicht mehr bei uns auf, und die Freunde am Bauernhof wussten auch nicht so recht, wo sie waren, es gab ja keine Handys damals, kein WhatsApp und keine Instagram-Accounts. Ich aber hatte so eine Sehnsucht nach dem Irischen Lebenslauf entwickelt – obwohl ich das gleichnamige Buch von Flann O´Brien noch gar nicht kannte –, dass ich den dicken Jimmy Murphy, der sich selbst immer "Jimmy Morphy" nannten (vielleicht, weil ihm die vorderen Zähne fehlten) unbedingt besuchen wollte. Da traf es sich gut, dass die Freunde von hinten im Tal eine ungefähre Adresse von ihm hatten, sie lautete: Jimmy Murphy, Charleville, County Cork. An eine Telefonnummer und einen eventuellen Anruf, verbunden mit der Frage, ob er überhaupt in der Gegend wäre, dachte ich damals keine Sekunde. Ich dachte nur: Das kann doch jetzt wirklich nicht so schwer sein, den Jimmy dort zu finden sein! Denn wenn man jung ist und sich das Gehirn neu zusammensetzt, gibt es keine unlösbaren Probleme.

Ich bat meinen Vater also um ein wenig Geld, das für ein One-Way-Zugticket nach Le Havre reichte, und machte mich ohne Plan, dafür mit viel Enthusiasmus auf den Weg. Meine vorgesehene Zugstrecke führte unter der Schweiz herum durch Italien nach Frankreich, ich aber nahm spontan eine Abkürzung, was soll denn schon passieren, wenn man mitten durch Europa fährt? Die Strafe der Schweizer Staatsbahnen kostete mich schon am ersten Tag den Großteil meines ohnehin bescheidenen Urlaubsbudgets.