Es heißt, Pisti sei lieb,
nur brüllt er wie am Spieß.
Auf dem Spielplatz sitzt er im Sand
und brüllt, wie's nur ein Löwe kann.
(Ágnes Nemes Nagy)

Die Politik ist wie eine Wüstenschlange, sie umschlingt die Kinder. Nur dass die Kinder dabei in den Sanddünen verschwinden.

Umschlingt die Kinder, die Tag für Tag in den Medien gezeigt werden, die uns im Krieg und in der Arzneimittelreklame begegnen, die im EU-Parlament sitzen und statt anderen reden. Sind sie ehrlich und aufrichtig, oder sind sie es keineswegs?

Die neuesten Konsumobjekte sind die Säuglinge. Die Neugeborenen sind Filter, in ihrem Körper die Zukunft, was sonst, tun sie doch jetzt ihren ersten Atemzug. Das Fleisch ist frisch, zart, unschuldig. Jugendliche, sie geben Widerworte und sind frech, sagen, was Sache ist. Zu jeder Zeit und in jeder Kultur gab und gibt es Königskindermacher, egal, wie man es betrachtet, das Christentum beginnt mit dem Weinen eines Kindes und der Ehrerbietung an der Krippe. Mit Gold, Myrrhe, Weihrauch.

Zwei Kinder waren für mich bestimmend, von Kindheit an war mir ihre Gestalt wichtig. Sie waren es, über die ich jahrelang immer wieder gerne las, mit Freude und bedingungslosem Vertrauen. Es kam mir gar nicht in den Sinn, ihre Existenz (ja, ihre Gutheit) infrage zu stellen und all das, was sie ausstrahlten, in reine Manipulation umzuwandeln. Ihr Schicksal bot mir etwas, was niemand anderem gehören konnte (während sie auf die Schicksallosen hinwiesen). In Filmen, im Theater, auf Gemälden. Selbst wenn ich unmittelbar nichts von ihnen wusste. Ich konnte sie nie treffen, wünschte es mir auch nicht, denn wer will sich schon mit dem Mädchen treffen, das auf dem Bild so wundervolle Perlenohrringe trägt. Eine in sich geschlossene Einheit, unauflösbar – nicht das Ohrgehänge ist wichtig, sondern die Harmonie, hinter der kein Zweifel an der Unschuld aufzukommen vermag.

Maria Stuart wurde im Alter von einer Woche die Königin von Schottland. Ihr Vater, Jakob V., starb im Dezember 1542 mit kaum dreißig Jahren, ohne seine neugeborene Tochter je gesehen zu haben. Geht es um das Leben der kindlichen Königin, beschäftigt sich die Nachwelt fast nur mit ihrem Tod (1587) und der blutigen Hinrichtung. Ihr Konflikt mit Elisabeth, ihr dramatisches Schicksal inspirierte Schriftsteller und Historiker. In Wirklichkeit war das Leben Marias solange romanhaft, bis sie in englische Gefangenschaft geriet.

Der Dalai Lama – das andere Kind – hebt sich gerade aufgrund seiner Unsterblichkeit, seiner Unvernichtbarkeit aus dem Alltäglichen hervor. Tenzin Gyatso (1935–) kam als das fünfte von sechzehn Kindern zur Welt, im Dorf Taktser, in den Bergen Tibets, einer Provinz, die heute bereits zu China gehört. Im Alter von zwei Jahren wurde er als Reinkarnation anerkannt, man fand den kleinen Jungen in seinem Dorf. 1950, als Fünfzehnjähriger, bestieg er nach der Besetzung Tibets durch die chinesische Armee den Thron des Dalai Lama. Auch heute ist er der Lama, ein so charismatischer Redner, dass ihm, egal wo er spricht, Menschenmengen zuhören, ihn feiern und ihm folgen.

Im Nachhinein könnte man ihr Schicksal und ihre Unschuld – vielleicht zu Recht – infrage stellen, nach den Machenschaften suchen, mit der die Natur der Politik sie zum Objekt, zur Figur oder aber zum Skelett, zum Leichnam geformt hat. Dennoch empfand ich es in ihrem Fall als vollkommen richtig, dass sie Könige wurden oder gerade nicht wurden und herrschten. Die eine wurde geköpft, der andere zum Gleichgewicht von Gutheit und Harmonie, und zwar so, dass sie keine irdische Macht innehatten, nur eine symbolische, die sich aber als viel stärker erwies.

Die Kinder sind heute bereits ein Biorequisit, Aufschriften, Botschaften "imaginierter Gutheit". Aus Akteuren verderben sie zu starren Bildern. Um ihre Gesichter kreisen Stiftungsgelder. Plakatmasken. Kriegsverbrecher zerren sie als Schilder vor sich. Andere Male herrschen sie schweigend, sind nur Bilder. Sammeln meist Geld mit ihrer bloßen Existenz. Sie sind die stummen Soldaten der Manipulation. Dann ist ihre Stimme die eines Erwachsenen oder zumindest auf die Erwachsenenwelt zu beziehen (als wäre das Kind gar kein Kind). Vielleicht nimmt dieses Bild von den Kindern gerade jetzt Überhand, weil in ihnen vieles steckt, was im Wahnsinn der Normalität fehlt – sie sind in der Lage, durchschlagende, positive Emotionen zu wecken, es reicht ein schnelles Bild für einen Klick im Internet. Die Kinder werden benutzt. Um unmittelbare Gutheit zu simulieren und eine moralische Überlegenheit, unanzweifelbare Wahrheiten zu verstreuen. Die man dann zu allem verwenden kann. Einlösen, auswechseln, einkassieren und einsacken.