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Es gibt kein Leben ohne Kompromisse. Wir sind gezwungen, manchmal buchstäblich verurteilt, sie einzugehen, wenn wir die Koexistenz mit unseren Nachbarn angenehm, zuträglich oder wenigstens so erträglich wie möglich gestalten wollen. 

Nachbarn, das sind im weitesten Sinne alle, die in unser Dasein hineinwirken, die Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie wir dieses Dasein entwerfen und gestalten, indem sie uns in diesem Gestaltungsprozess gewähren lassen, stören, behindern, schaden oder auch fördern – im Haus, im Viertel, in Stadt und Land, auf dem Kontinent und in der Welt. Man müsste schon allein auf einer einsamen Insel leben, um die eigenen Wünsche und Vorstellungen kompromisslos umsetzen zu können. Doch sogar dort wäre man genötigt, mit den Eigengesetzlichkeiten der Insel selbst – ihrer Natur, ihrem Ökosystem – eine für beide Seiten verträgliche Übereinkunft auszuhandeln.

Für demokratische Gesellschaften ist die Kunst des Kompromisses ein tragender Pfeiler. Die Debatten im Parlament bilden die verschiedenen Interessenlagen ab, spiegeln die gegnerischen Positionen, die es durch die Exekutive zu berücksichtigen und idealerweise zu versöhnen gilt. Besonders sichtbar wurde das jüngst in den Redebeiträgen der Opposition im Deutschen Bundestag zum Klimapaket der Bundesregierung: Christian Lindner (FDP) kritisierte die Erhöhung der Flugticketpreise, weil sie Technologieoptionen ausbremse – es ging also um den freien Markt, die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Sahra Wagenknecht (Die Linke) bemängelte soziale Ungerechtigkeit bei der Verteilung finanzieller Lasten; über die Erhöhung der Benzinpreise würden etwa Arbeitnehmer vom Land unverhältnismäßig zur Kasse gebeten, andererseits würden die Unternehmen mit den viel zu niedrigen Abgaben für Treibhausgas-Emissionen geschont – es ging um Sozialstaat und Gleichheitsanspruch. Für Anton Hofreiter (Die Grünen) war die Vorlage ein "Klimapäckchen", das zur Erreichung der Klimaziele nicht ausreicht – während die AfD den Klimawandel von ihrem Abgeordneten Martin Reichardt zu einer Erfindung von "Klimahysterikern" erklären ließ.

Zugleich ist der Klimawandel genau das Thema, bei dem dieser Deliberationsprozess an seine Grenzen stößt. Es fehlt ein entscheidender Vertreter in der Runde, der dort eigentlich unbedingt mitreden und seine Interessen einfordern müsste, um zu einer für alle Betroffenen angemessenen Übereinkunft zu kommen: die Natur, der Planet selbst. Beim Klimawandel geht es schließlich nicht allein um die Partikularinteressen von Menschen und ihren Einrichtungen, die irgendwie unter einen Hut gebracht werden müssen. Im Zentrum steht das Fundament, auf dem all diese Interessen erst entstehen und wachsen konnten und weiterhin beansprucht werden wollen. Zum ersten Mal in der Geschichte der modernen Demokratien tritt ein dem Menschen übergeordnetes, nicht mit Stimme und Argument begabtes Subjekt auf den Plan, das dennoch nicht länger überhört werden kann, weil es sich unmissverständlich bemerkbar macht in Form von Überschwemmungen, Dürren, Orkanen, steigenden Meeresspiegeln. 

Die große Schwierigkeit bei jeder Kompromissbildung ist nun aber die Frage der Machtverhältnisse. Die entscheidenden Weichenstellungen finden auch nicht im Parlament statt, sondern hinter den Kulissen – und in den Medien. Die Macht ist der Gegenspieler auf dem Weg zum Ausgleich. Mächtigere machen ihren Einfluss geltend, nötigen weniger Mächtigen ihre Bedingungen auf. Mehrheiten dominieren Minderheiten. Lobbyisten aus Industrie, Wirtschaft und Finanzkapital nehmen etwa mit der Drohung Einfluss, Arbeitsplätze abzubauen, Standorte zu verlegen und so weiter. Auch an Betrug und Korruption hat sich die Öffentlichkeit inzwischen gewöhnt. Ideologen aktivieren ihre politischen Seilschaften in der Aufmerksamkeitsindustrie. Meinungen werden produziert und verbreitet, Zusammenhänge konstruiert oder zurechtgebogen, Sachzwänge behauptet, Fakten tendenziös ausgelegt – und dabei der Schein von Kompromissbereitschaft gewahrt. Diese alltägliche Praxis im Ringen um den Eigennutz macht weder Halt vor dem Gesetz, noch vor den zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn auch in ihnen dominiert meist das Prinzip, Macht über andere auszuüben, nicht die Bereitschaft zu einem Interessen- oder Lastenausgleich auf Augenhöhe.

Was dann dabei herauskommt, sind faule Kompromisse. Eine Interessensgruppe zieht die andere über den Tisch und sorgt dafür, dass die Pressefotos kurz vorher geschossen werden – nämlich genau in dem Moment, wo man einander die Hände reicht. In den letzten Jahrzehnten immer beliebter geworden ist auch der Pseudokompromiss, der durch Manipulation von Sprachregelungen zustande kommt. Man deutet Wörter um, benennt mit ihnen das Gegenteil dessen, wofür sie ursprünglich gestanden sind. Aus Ausbeutung wird Selbstoptimierung, aus befristeten Arbeitsverträgen Flexibilität. Der Kompromiss wird zur Tarnung, zur Täuschung, zur bewussten Irreführung.

Nun sagte schon Sigmund Freud, dass psychische Krankheiten verunglückte Ausgleichsbestrebungen einer fehlgeleiteten Kompromissleitung sind – und die Behandlung der Symptome entsprechend ineffektiv. Die Erkenntnis war seinerzeit revolutionär und führte zur Entwicklung der Psychoanalyse. Heute lässt sich aus ihr eine These zum aktuellen Weltgeschehen entwickeln: Gesellschaftliche und politische Symptombildungen durch Scheinkompromisse sind ebenfalls Fehlleitungen, die es aufzulösen gälte.

Aber wie? Durch eine Kultur des echten Kompromisses? Durch eine Erziehung zum Mitdenken, zum kritischen Zuhören, zum Dialog, statt zur Emotionalisierung von Forderungen im Reklamestil? Durch einen Klimawandel im öffentlichen Raum: weg von Kategorien wie Quote, Statistik, Wettbewerb, Erfolg – hin zu mehr politischer Mitgestaltung? Und was wäre das dann, ein echter, ein gelungener Kompromiss? Was würde ihn kennzeichnen?