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Als Künstlerin, in meinem Fall als Sprachkünstlerin, bin ich Nutznießerin von Artikel 5 unseres Grundgesetzes: Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

Gibt es überhaupt Anlass und Grund im Jahr 2019 über dieses verbürgte Recht auf freie künstlerische Gestaltung nachzudenken? Ist es bedroht? Wenn ja, wodurch? Und für wen, außer für die Künstler selbst, ist es wertvoll oder gar fundamental? Für die Gesellschaft in ihrer heterogenen Gesamtheit? Für die Bildungsbürger und ihr gutes Gewissen?

"Denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen." Dies schreibt Schiller in seiner 1793 entstandenen Streitschrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Und fährt fort: "Jetzt aber herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit."

Freilich lassen sich Schillers Überlegungen – im Kontext seiner Auseinandersetzung mit der Philosophie Kants und dem für ihn enttäuschenden Ausgang der Französischen Revolution – nicht umstandslos auf heutige Zustände übertragen. Dafür sind die Unterschiede, unter anderem was Staatsform und Gesellschaftsorganisation angeht, viel zu gewaltig. Aber dass der "Nutzen" das große Idol der Zeit sei, klingt doch sehr modern, vor allem, wenn man Nutzen mit Verwertbarkeit übersetzt.

Anders als in repressiven Gesellschaften, so die allgemeine Übereinkunft, ist in permissiven, also freien Gesellschaften demokratisch-westlicher Prägung die Freiheit künstlerischer Arbeit nicht gefährdet. Der Staat ist zudem qua Verfassung zur Förderung der Kunst verpflichtet. Zensur? Abwegig. (Mal abgesehen von den bedenklichen, aber reichlich täppischen Versuchen der Einflussnahme der AfD auf Unterrichtsstoff in Schulen und auf Theaterprogramme.) Ohne Zweifel muss keine Dichterin befürchten, dass ihre in der Schreibtischschublade beerdigten Gedichte aus Sicht irgendwelcher Hüter der Staatssicherheit oder Oberideologen eine nächtliche Razzia erforderlich machen. Und kein Theaterautor muss im Vorfeld seiner Textarbeit und Aufführung Maulkorbverträge unterzeichnen. Oder gar einer Verhaftung entgegensehen.

Aber es gibt auch in hoch entwickelten kapitalistischen Demokratien die Gefahr der Unterbindung. Sie setzt etwas später ein als die ideologisch begründete, nicht bereits in der Schaffensphase, da gilt in permissiven Gesellschaften zunächst "anything goes" – ist doch mir egal, womit du deine Zeit verschwendest. Die Kontrolle setzt ein bei der Veröffentlichungsentscheidung, beim Distributions-  und Zirkulationsmanagement.

Nun ist natürlich nichts einzuwenden gegen eine selektive Herangehensweise all derer, die für die Publikation und für die Beurteilung des Veröffentlichten zuständig sind – im Bereich der Literatur also Verlage, Agenturen, Redaktionen und Kritiker. Jedenfalls solange sie ihre Kriterien erstens offenlegen und zweitens qualitativ begründen. Tatsächlich aber ist die Auswahl dessen, was publiziert wird, und was, in einem weiteren Schritt, von der immer knapperen Ressource Aufmerksamkeit profitieren darf, zunehmend ökonomisch begründet: Die Zensur heißt nun Quote. Nicht die aufwieglerischen Folgen brisanter Inhalte müssen verhindert werden, sondern kommerzielle Erfolgslosigkeit. Das neueste Tool zur Vermeidung eben dieser nennt sich ganz harmlos LiSA: Literatur Screening und Analytik. Und so wird auf der Webseite QualiFiction dafür geworben: "Mit der Software LiSA lassen sich belletristische Texte innerhalb von 60 Sekunden auf Relevanz vorfiltern. Textinhalt und Besonderheiten werden visualisiert und wirtschaftliche Erfolge mittels Leserpotenzial dargestellt."