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Sie nehmen sich die Freiheit, solange sie ihnen nicht genommen wird. Seit Ende 2016 betreibt eine Gruppe venezolanischer Schriftsteller und Journalistinnen das Reportageportal La vida de nos. Ihr Anliegen: das Venezuela von heute aus der Perspektive seiner "unbekannten Menschen" zu erzählen. Geschaffen haben sie eine aufwühlende Chronik des Elends und der Standhaftigkeit in einer verwüsteten Gesellschaft. Gerade die europäischen Linken, die sich angesichts des Machtkampfs in Venezuela in sesselwarme Dogmen flüchten, täten gut daran, die Texte auf La vida de nos (eine umgangssprachliche Formulierung für "unser Leben") zu lesen.

"La vida de nos bedeutete das Privileg, entscheiden zu können, welchen Weg wir einschlagen." So formulieren es die beiden Herausgeber der Seite, Albor Rodríguez und Héctor Torres. Beide blickten, als sie das Portal gründeten, auf solide publizistische Karrieren zurück. Rodríguez hatte mehr als zwei Jahrzehnte lang als Redakteurin und Reporterin für venezolanische Zeitungen gearbeitet. Als Schriftstellerin bekannt wurde sie mit sehr harter Kost: Ihr autobiografischer Roman Duelo (Trauer) behandelt den Tod ihres Sohnes, der anderthalbjährig in einem Swimmingpool ertrank.

Torres, Jahrgang 1968, zählt zu bekanntesten Romanciers und Literaturvermittlern Venezuelas und wurde für seine Caracas-Trilogie gefeiert – vor allem deren ersten Band, das so schonungs- wie atemlose Caracas muerde (Caracas beißt).

Der Weg, den Rodríguez, Torres und ihre Mitstreiterinnen mit La vida de nos einschlugen – mittlerweile versammelt das Portal Beiträge von mehr als 100 Autoren –, ist eine klar definierte Form von Reportage mit literarischen Mitteln: "La vida de nos steht für ein Genre auf halbem Weg zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Erzählung." Wenn bei uns angesichts solcher Selbstauskunft die Relotius-Glocke Sturm läutet, ist La vida de nos ein gutes Korrektiv, um zu klären, wo der Ansatz, als Journalistin eine Geschichte zu erzählen, sinnvoll ist und wo nicht.

"Wir bekennen uns dazu, Partei zu ergreifen, ohne aber je vom Anspruch der Wahrhaftigkeit und der Tatsachentreue abzulassen." Unter dem Titel ¿De qué están hechas nuestras historias? (Woraus sind unsere Geschichten gemacht?) legt das Team sein redaktionelles Ethos und die Bauprinzipien für die Texte und Podcasts, die auf der Seite veröffentlicht werden, als Manifest nieder.

Vier der achtzehn dort versammelten Grundsätze: Nur wahre Geschichten werden erzählt. Deren Protagonisten sind Menschen, die sonst keine oder zumindest keine laute öffentliche Stimme haben. Die Reportagen sind sowohl gründlich recherchiert als auch literarisch überformt, sodass sie den Charakter von Kurzgeschichten oder Hörspielen annehmen. Sie sind in klarer, allgemein verständlicher Sprache verfasst. "Wir wollen, dass die Erzählungen als Brenngläser wirken, durch die man auf das Venezuela dieser furchtbaren Jahre blicken kann", erklären die Herausgeberinnen.

Drei Beispiele.

Die Journalistin Clavel Rangel, spezialisiert auf Menschenrechtsthemen, erzählt Nur ein Kapitel im Leben von Rubén González: nämlich eine der zahlreichen Verhaftungen, die der Gewerkschafter aus der südvenezolanischen Provinz unter dem Maduro-Regime schon erdulden musste. Dabei begann González' politische Aktivität damit, dass er 2005 mit den Stimmen der Chavisten, also der heutigen Maduro-Leute, in den Rat seines Heimatstädtchens Ciudad Piar gewählt wurde. Vier Jahre später kam er zum ersten Mal wegen der Organisation eines Streiks hinter Gitter. Seither immer wieder. Seine Gewerkschaft vertritt die Bergleute aus den Eisenminen der Gegend, die von den staatlich verordneten Lohnkürzungen in die Armut getrieben worden sind. "Ich will dir sagen, Nicolás Maduro, dass du als Unterdrücker und Diktator regierst, und es ist eine Lüge, dass du aufseiten der Arbeiter stehst", rief González auf einer Kundgebung, vor seiner jüngsten Inhaftierung.