Dieser Artikel ist erschienen auf unserer Schriftstellerplattform "Freitext". Hier finden Sie alle Artikel.

Zu Beginn des neuen Semesters wollte ich die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit meiner zwölfjährigen Tochter stärken, also vereinbarte ich mit ihr – Achtung, einseitig formulierte Vertragsklausel! –, dass sie sich um ihre schulischen Angelegenheiten allein kümmern, alle Hausaufgaben sorgfältig und vor allem anderen Tageswerk erledigen sowie mich bestenfalls über den überragenden Erfolg meiner Pädagogik, der sich in guten Noten niederschlagen würde, informieren sollte. "Das Sehr Gut unterschreibe ich genau wo, liebes Kind? Ah, hier!"

Nach zwei Monaten und einigen interessanten Noten (in denen kein "Sehr" vorkam) nicht nur in den Hauptfächern (Mathematik, Deutsch, Englisch, Französisch), sondern auch in den sogenannten Nebenfächern (Geschichte, Geografie), hatte ich allerdings selbst etwas gelernt: So funktioniert das nicht! Bestärkt in dieser Erkenntnis hatte mich ein Blick in die Schultasche des hoffnungsvollen Nachwuchses, den ich gemeinsam mit diesem vorgenommen hatte, verbunden mit Fragen in der Art: Kannst du mir bitte genau erklären, was das soll?

Ein riesiger Haufen Blätter fand sich nämlich ungeordnet darin, Fächer übergreifend, wie man so schön sagt: "Das habt ihr also in Geschichte im September gemacht? Und das soll eine Schulübung in Mathematik von Anfang Oktober gewesen sein? Diese Hausübungen hier in all diesen Fächern – hast du die nie abgeben? Und die ganzen Zettel in diesen ganzen Büchern – Musik im Mathematikbuch, Mathematik im Physikbuch, Physik im Geobuch – wofür? Wo zum Teufel gehört das eigentlich alles wirklich hin?"

Die Zettel sollten eigentlich in den dafür vorgesehenen Fachordnern sein, anderes hätte in Hefte geklebt werden sollen, umgekehrt hätten die Bücher nicht als Sammelstelle zweckentfremdet werden sollen. Wir verbrauchten ein paar Tage, bis wir alles säuberlich geordnet und uns einen Überblick verschafft hatten, dann formulierten wir ein Ziel: deutliche Verbesserung der schulischen Leistung alsbald! Kurz verband ich damit natürlich die Hoffnung, dass es für mich mit dem Übersteigen dieses hohen Gebirgszuges namens Ordnung getan wäre, aber falsch. Vor uns lagen die Ebenen des Lernens.

Nur so aus Interesse, um dem Kind eventuell mal helfen zu können, begann ich abends, in die Lehrbehelfe zu schauen, und entdeckte dabei manch Interessantes: Die höchste negative Zahl ist also "minus 1"? Und die "reellen Zahlen" umfassen die "irrationalen" und "rationalen Zahlen", wobei sie bestimmte "topologische Eigenschaften" haben? So, so, wer hätte das gedacht?

Und dann Englisch! Have I ever thought about english grammar lateley, for example darüber, warum genau man welche Zeit verwendet? Das gerade hier niedergeschriebene Present Perfect zum Beispiel dann, wenn eine Handlung in der Vergangenheit abgeschlossen ist, aber in die Gegenwart hineinwirkt, also: I have cleaned my room. Ist zwar schon länger her, aber glänzt immer noch perfekt, darum Present Perfect. Hingegen: Hätte ich das Zimmer gestern um Punkt zwei Uhr nachmittags, also yesterday at two p.m., beziehungsweise vor genau zwei Stunden, also two hours ago, geputzt, dann würde dies nichts weniger als das past simple verlangen – I cleaned my room two hours ago

In ihrer Jugendsprache fragte ich also meine Tochter: "Wtf?"

Und dann erst all diese Präpositionen! Wann habe ich das letzte Mal intensiver darüber nachgedacht, wann genau es on the street und wann in the street heißt? Dass es at Easter, aber on Good Friday heißt, gleichfalls at Christmas, aber on Christmas Eve. Ich wankte selbst wie eine Brücke im Wind, als ich meine Tochter fragte: "Auf der Brücke über den Fluss, los, los, liebes Kind, sag es mir!" Aber sie spürte meine eigene unsolide Statik, was Wissen anging, und meinte nur: "Sag's selbst!" Pubertierende können einen ganz schön nerven mit ihrer Besserwisserei, Zurückrederei oder mit der schlichten Umkehr von Gesagtem: "Sag es mir!" – "Sag's doch du mir!" Aber sie können einen, merkte ich plötzlich, damit auch ordentlich pushen, und seit ich mit ihr lerne, bin ich wieder richtig fit mit Präpositionen. Oder heißt es: in Präpositionen?

Geografie: "Die Grenze zwischen Ost- und Westalpen verläuft entlang einer gedachten Linie vom Bodensee entlang des Rheins über den Splügenpass zum Comer See." Echt jetzt? Ich war plötzlich angefixt und konnte es nicht mehr erwarten, dass meine Tochter nach Hause kam und ihren Schulranzen öffnete. Morgen Geschichtetest? Let's go!

Eine klassische, humanistische Bildung habe ich leider nicht genossen. Und das wenige, das ich in einer kaufmännischen Schule namens Handelsakademie gelernt habe, liegt mehr als 35 Jahre zurück. Dort gab es pro Woche zum Beispiel nur zwei Stunden Deutschunterricht, und der zuständige Professor musste bis zur Matura, dem Abitur also, mit den Langsamsten unter uns immer wieder die Sache mit dem Gliedsatz üben, dem vorangehenden Komma und dem daraus notwendig resultierenden "dass", das man damals noch mit "ß" schrieb, damit seine Maturabilanz nicht allzu peinlich ausfallen würde.