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Zuletzt häuften sich wieder die Nachrichten von der griechischen Insel Lesbos. Von unhaltbaren Zuständen wurde berichtet, von Krawallen in einem der dortigen Flüchtlingslager und einem Generalstreik, mit dem die Bewohner der Insel auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen wollten. Mit schwimmenden Barrieren möchte nun die griechische Regierung künftig Flüchtlinge auf ihrem Weg von der Türkei nach Griechenland aufhalten.

Durch die Nähe zur Türkei ist Lesbos für viele Geflohene der erste Ankunftsort auf europäischem Boden. Moria, das größte Lager, hat es aufgrund der gefängnisartigen Zustände zu fragwürdiger internationaler Bekanntheit gebracht. In der auf rund 2.800 Bewohner ausgerichteten ehemaligen Militärbasis sollen zu Jahresbeginn knapp doppelt so viele Menschen untergebracht gewesen sein; außerhalb der Mauer hat sich ein improvisiertes Camp gebildet, das Ende 2019 rund 14.000 Geflohene beherbergt haben soll, großteils Afghanen und Syrer sowie Migrantinnen und Migranten aus afrikanischen Staaten. Die aktuellen Meldungen aus Lesbos zeichnen das tragische Bild einer Insel knapp vor dem Kollaps.

Als ich im Juni 2017 auf Lesbos war, schien die Situation vergleichsweise ruhig. Landeten im Herbst 2015, in der Hochphase der sogenannten Flüchtlingskrise, täglich bis zu fünftausend Menschen auf der Insel, belief sich der Schnitt zwei Jahre später auf wöchentlich vierzig bis fünfzig Ankünfte. Der Großteil der Flüchtlinge blieb mehrere Wochen, wurde je nach Asylbescheid weitergeschickt oder, als Teil des im Jahr zuvor unterzeichneten Pakts zwischen der EU und der Türkei, dorthin zurücktransportiert. Die Strände wurden rasch gereinigt; von den Schlauchbooten und Schwimmwesten blieb keine Spur, kein Tourist sollte am nächsten Morgen etwas bemerken.

Mich selbst brachte eine zugegeben vage Idee nach Lesbos: Die Handlung eines entstehenden Romans könnte am südlichen Rand Europas mit den Auswirkungen des Syrien-Krieges und der europäischen Asylpolitik konfrontieren; ich besuchte die griechische Insel im Versuch, ein Gespür für die Situation am Mittelmeer zu entwickeln. Am Tag meiner Ankunft wurde die Roaminggebühr gekippt, EU-weit ließ es sich nun zum Heimattarif telefonieren und im Internet surfen, ein weiterer Beleg für die Freiheiten, die einem EU-Bürger zustehen. Es fiel mir schwer, das Smartphone aus der Hand zu legen, denn auf allen Kanälen und im Liveticker wurde aus Hamburg berichtet, von den eskalierenden Protesten gegen den G20-Gipfel.

Ich stand am Ufer, las von Polizeigewalt, von brennenden Autos und Einkesselungen und sah auf die Türkei, einen schwarzen Strich über den Wellen, kaum zehn Kilometer entfernt. Unvorstellbar, dass auf dem kurzen Stück zwischen mir und dort Boote kentern, Menschen ertrinken, dachte ich. Die nächste Eilmeldung aus dem Schanzenviertel blinkte auf und ich hatte den Eindruck, dass dieser Moment Europa definiert, dass genau das Europa ist. Die Geschehnisse erschienen mir wie metaphorische Pole, zwischen denen sich unsere Zeit aufspannt. Die Flüchtlingslager, jenes mit Namen Kara Tepe etwa, das sich in meinem Rücken an einen Küstenfelsen krallte. Die Straßenschlachten in den gentrifizierten Vierteln einer weit im Norden an einem anderen Meer gelegenen Stadt, während eines Treffens der Regierungschefs der mächtigsten Staaten. Das Aufbegehren gegen eine Politik, die auch die Situation hier unmittelbar beeinflusste. Die Hamburger Ereignisse waren Teil meiner Erfahrungswelt, beginnend mit Bekannten, die an den Demonstrationen teilnahmen. In keiner Weise aber konnte ich nachvollziehen, was es bedeutet, hinter den Stacheldrahtzäunen eines Camps zu leben.

Die Idee mochte nicht schlecht sein. Interviews mit Migrantinnen, NGO-Mitarbeitern und Einheimischen sollten für das Buch ein zusätzliches Fundament bilden. Die Fülle an Schicksalen, denen ich begegnete, machte mir aber schnell klar, dass Lesbos die Romanidee sprengt. Die Situation in Griechenland war weitaus komplexer, als es zu Hause in Österreich den Eindruck erweckt hatte – es hätte ein anderer, neuer, umfassend recherchierter Roman sein müssen, um der alltäglichen Tragik gerecht zu werden, in der sich die Menschen auf Lesbos eingefunden hatten.

Border Force und Blue Star Ferry, Hafen von Mytilini, Juni 2017 © Robert Prosser

Wenn möglich landet man im Norden von Lesbos an, wo die Entfernung zur Türkei am geringsten, der Weg übers Meer am kürzesten ist. Die Angekommenen werden auf drei Lager verteilt. Im Westen Mytilinis befindet sich Pikpa, das ähnlich Kara Tepe für Frauen mit Kindern vorgesehen ist.

Mit meinem Gastgeber Panagiotis – einem Regisseur, den ich auf einem Filmfestival in Albanien kennengelernt hatte – fuhr ich durch ein Viertel schmucker Villen, verwachsener Gärten; Überreste einer Zeit, als die Insel ein bedeutsamer Handelsposten gewesen war. Abseits der Küstenstraße lag Pikpa hinter Bäumen versteckt. Am Eingang hingen elf Schwimmwesten über dem Zaun. Auf ihren orangen Rückenflächen je einen großen, schwarzen Buchstaben gemalt, die sich zu zwei Wörtern formten, dem Namen einer NGO, in dem das Glück der Angekommenen mitschwang, die Hoffnung, die sie für ihre Familien oder Freunde hegten, die noch auf der anderen Meerseite waren, und vielleicht auch der Wunsch, dorthin zu gelangen, wo man das Ziel der eigenen Flucht ausmachte: SAFE PASSAGE.

Das Camp Moria liegt außerhalb des gleichnamigen Dorfes. Wir fanden es umgeben von Olivenwäldern vor, mit Stacheldraht und hohen Zäunen bewehrt, dahinter die weißen, nach Herkunftsland aufgeteilten Container, hügelan führende Pfade, gesäumt von Laternenpfählen. Im Sommer 2017 durften die Migrant*innen das Lager zwar verlassen, aber keinerlei öffentliche Verkehrsmittel und auch kein Taxi verwenden, etliche Fahrer jedoch scherten sich nicht um dieses Gesetz. Vorm Haupteingang Wachen mit Sonnenbrille und automatischer Waffe. Am Waldrand mehrere Verschläge, aus Latten gezimmerte Imbissbuden, die laut an Pfosten angebrachten Pappdeckeln einen Teller Spaghetti für 2,50 € oder Huhn plus Bier für 5 € anboten. Das Messer, mit dem sie gerade ein Huhn zerteilt hatte, an der Kochschürze abwischend, erzählte mir eine Frau, mit ihrer Tochter in einem der Container zu leben. Insgesamt vier Familien, für jede eine Ecke, getrennt durch Leintücher. Sie legte das Messer beiseite und sagte: Ich lass mein Mädchen nicht allein zu den Duschen, ich begleite sie auch aufs Klo. Es gibt da drinnen Verrückte, aber passiert ist uns noch nichts. Schwerwiegender seien die alltäglichen Probleme. Das Abwassersystem funktioniere nicht. Und wohin mit all dem Müll?