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Paula mit Vornamen, Fürstenberg mit Nachnamen. Frauen, die so heißen wie ich, wollte ich schon lange kontaktieren. Im Dezember 2016 fahre ich schließlich den Rechner hoch, um nach anderen Paula Fürstenbergs zu suchen. Der Zeitpunkt ist allerdings denkbar ungünstig, denn Google ist verstopft mit Informationen zu mir und meinem kürzlich erschienenen Roman. Ich klicke mich in die entlegensten Winkel des Internets, wo ich zunächst auf eine Traueranzeige stoße. Die Schaumburger Nachrichten lassen mich wissen, dass eine Paula Fürstenberg, geborene Gasch, 1907 geboren und 2012 in Bückeburg verstorben und also unglaubliche 105 Jahre alt geworden ist. Außerdem berichtet die Peiner Allgemeine Zeitung am 1. Februar 2012: "Wegen der extremen Kälte sind im Peiner Land der Mittellandkanal und der Stichkanal Salzgitter zugefroren. Die Eisbrecher Paula und Fürstenberg sind seit gestern unterwegs und versuchen, den Weg für die Schiffe freizumachen."

Schließlich werde ich doch noch fündig. Erstens informiert mich das Programmheft einer Musikschule, dass eine Paula Fürstenberg in Die Reise zum König Winter den Regentropfen Nummer 3 gespielt hat. Ich rufe die Musikschule an und eine freundliche Frau verspricht, meinen Brief weiterzuleiten. Zweitens erfahre ich über Paula Freifrau von Fürstenberg, dass sie in Niedersachsen auf einem Gut lebt und Keramikmalerin ist. Nicht zu verwechseln ist Paula Freifrau von Fürstenberg mit, drittens, Paula Fürstin zu Fürstenberg, die dem schwäbischen Hochadel entstammt und durch die Heirat mit Erbprinz Joachim zu Fürstenberg zu ihrem Nachnamen kam. Die Familie gehört zu den größten Waldbesitzern Deutschlands, und auch wenn die Fürstlich Fürstenbergische Brauerei 2004 verkauft werden musste, verfügt sie laut Wikipedia über ein Vermögen von 700 Millionen Euro. Paula zu Fürstenberg gilt Gala, Bunte und Co. zufolge als bescheiden, warmherzig und sehr sozial; sie hat sechs Kinder, elf Enkel und acht Urenkel. Sie fährt in einem grünen Golf durch Donaueschingen und hat kürzlich ihren 90. Geburtstag gefeiert. Ich schreibe drei Briefe.

Regentropfen Nummer 3

Regentropfen Nummer 3 antwortet als Erste und im Mai 2017 verabreden wir uns in einem Café im Prenzlauer Berg. Draußen entdecke ich keine, die Paula sein könnte, ich weiß aber auch nicht, nach wem ich suche. Ich weiß nur, dass sie ein Teenager ist, was bedeutet, dass sie wie 10 oder wie 20 aussehen kann. Trotzdem erkenne ich sie sofort am offenen Lächeln, als ich das Café betrete: weiße Bluse, Stupsnase, die blonden Haare zu zwei Dutts auf den Kopf gesteckt. "Bist du Paula?", "Ja", "Hallo, ich auch"; wir lachen. Eine Frau kommt mit Kaffee und Kuchen vom Tresen. Mit Paulas Mutter hatte ich nicht gerechnet, aber ihre Anwesenheit leuchtet mir sofort ein, Paula ist 14. Ihre Mutter heißt Astrid, und dass die Mutterfigur in meinem Roman genauso heißt, fällt mir tatsächlich erst auf dem Heimweg auf.

Die Stimmung ist sofort gut. Astrid erzählt, dass sie Paula eigentlich Pauline nennen wollte, sie dann aber dachte, das sei ein guter Name für ein Kind, nicht aber für die erwachsene Frau, die das Kind einmal werden würde. Mit dem Namen Paula verbinde sie eine starke Frau, die weiß, was sie will und mit beiden Beinen im Leben steht, denn genau so eine Tochter habe Astrid sich gewünscht. Ich schaue Paula an, denke, dass es seltsam sein muss, zu hören, wie sie als Wunschtochter ihrer Mutter zu sein hat, aber Paula schaut gelassen auf ihre Mutter; sie kennt diese Sätze schon. Paula selbst hat ihren Namen als Kind nicht gemocht, wollte lieber Kara heißen. Aber inzwischen findet sie ihren Namen richtig super, weil sonst kaum jemand so heißt und weil sie die Idee von der starken Frau gut findet. Auch ich wollte als Kind lieber einen anderen Namen, ich hatte ihn mir gründlich überlegt und habe dann mit mäßigem Erfolg durchzusetzen versucht, als Flatta Fibelkorn angesprochen zu werden. Und obwohl ich diese Anekdote sehr oft erzählt habe, fällt mir erst jetzt auf, dass die Vokalfolge in Flatta ebenso a-lastig ist wie in Paula, dass mit dem Korn etwas Kleines darin vorkommt, was auf die lateinische Bedeutung referieren könnte, paulus-a-um – klein, gering, und dass die Fibel ausgerechnet aufs Lesen- und Schreibenlernen anspielt, als hätte ich mit fünf schon gewusst, welchen Beruf ich ergreifen würde. Flatta Fibelkorn passt so gut, dass meine Lektorin, wäre dies hier eine fiktive Geschichte, den Namen wegen Unglaubwürdigkeit zu streichen vorschlagen würde.

Paula beginnt unruhig auf der Bank hin und her zu rutschen, tippt ihrer Mutter auf die Schulter und sagt: "Mama, wolltest du nicht?", und Astrid nickt, fragt, wann sie sie abholen soll, sie einigen sich auf in einer Stunde, dann lässt sie uns allein. Ich erahne das vorausgegangene Gespräch zu Hause, in dem die Mutter lieber schauen will, wer sich da Merkwürdiges mit ihrer Tochter aufgrund ihres Namens treffen will, und in dem Paula lieber allein mit mir wäre, bis sie sich auf dieses Prozedere einigen: Mama kommt mit und "geht shoppen", wenn sie keine Bedenken hat, und irgendwie bin ich gerührt.