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Eigentlich sollte an diesem Tag an dieser Stelle ein anderer Text von mir erscheinen. Es sollte um Kinderbuchheldinnen gehen und um Feminismus. Mir ist aber wichtig, dass dieser Text hier nach Hanau das Erste ist, was man von mir hört. Ich weiß, so wichtig bin ich nicht, dass das irgendwer da draußen merkt, aber ich merke es und eine falsche Reihenfolge würde mich fertig machen und mir den Schlaf rauben.

Denn wenn es nun heißt "Was kann ich konkret gegen Rassismus tun?", ist eine der lautesten Forderungen an die Politik, aber auch an die Zivilgesellschaft, man solle den Betroffenen zuhören. Zuallererst den Angehörigen der Mordopfer, den Verletzten, ihren Communities. An nächster Stelle denen, die mit den Morden auch gemeint waren.

Ich war gemeint, meine Familie, meine Freundinnen und Freunde waren gemeint. Wir Menschen mit den merkwürdigen Namen und dem vorteilhaften Teint, wir sind gemeint. Wir sollen nicht existieren. Das ist die Botschaft und sie kam an. Und ich habe etwas dazu zu sagen. Also rede ich jetzt.

Denn ich gehöre nicht nur zu ihnen, ich höre ihnen auch zu. Und ich merke: Es ist heilsam, in diesen Zeiten Namen von Menschen, die wie ich von Rassismus betroffen sind, an prominenten Stellen in verschiedenen Zeitungen, Medien, Programmen, sozialen Netzwerken zu sehen und ihre klugen Gedanken, Analysen, Feststellungen, und ihrer Wut und ihrer Trauer zu folgen. Sie tun mir in meiner Trauer, meiner Wut und meinen eigenen Gedanken endlos gut und sie leisten hilfreiche Aufklärungsarbeit. Sie leisten die Arbeit, Dinge zu erklären und zum einhundertsten Mal politische Forderungen zu formulieren.

Was sagen wir aber, wenn man uns zuhört? Wovon reden wir eigentlich die ganze Zeit? Weil es mir gerade weniger um das Sprechen, sondern vielmehr um das Hören, das weiße Hören geht, möchte ich nicht den Service übernehmen, Inhalte zusammenzufassen. Vereine und Initiativen, Hashtags, Reden, Essays, Anthologien und Einzelpersonen, die gut formulierte Forderungen und Einblicke in ihre Analysen gestatten, findet man nämlich ganz einfach selbst, wenn man sich bemüht. Sie sind seit Jahren sichtbar und keine Geheimtipps mehr, für die man Teil einer Undergroundszene sein muss.

Wenn ihr euch die Einblicke in diese Forderungen von nicht-weißen Personen verschafft habt, stellt ihr fest, dass der Rassismus, gegen den sie antreten, immer dem gleichen Muster folgt. Rassismus hat verschiedene Gesichter, werdet ihr erfahren, nicht nur das mordende, sondern auch das institutionelle, das strukturelle, das persönliche, aber der Mechanismus bleibt derselbe. Ihr wisst nicht, was das heißt, struktureller Rassismus? Das macht nichts. Ich wusste auch mal nicht, was das heißt. Deswegen reden die Betroffenen ja immer wieder davon. Sie erklären es immer und immer wieder. Und wenn man es vergessen hat, kann man immer und immer wieder nachfragen, denn Betroffene haben eine absurde Ausdauer darin, sich zu wiederholen.

Wenn die Betroffenen sich aber ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden und gerade mal nicht zur Verfügung stehen, benutzt man wie sonst auch das Internet. Ihnen zuzuhören heißt nämlich auch, sich selbst darum zu kümmern, ihre Begriffe kennenzulernen. Es ist nicht schwer, in seine Suchmaschine "struktureller Rassismus" einzugeben und von einem zum nächsten Artikel zu gelangen. Wenn ihr akademisch unterwegs seid, umso besser, die Forschung boomt, los, geht zur Bibliothek. Ist das nicht toll? Ihr könnt lesen und das Aktivismus nennen.

Was euch die Bibliothek nicht erzählen wird, ist, wie Rassismus sich auf das stinknormale alltägliche Leben auswirkt. Dafür braucht ihr sie dann wieder, die Betroffenen, die erzählen. Sie schreiben darüber auch Bücher, das stimmt. Sachbücher, Romane, Essaysammlungen, insofern seid ihr in der Bibliothek doch nicht so falsch. Wertvoller aber sind vielleicht Gespräche mit ihnen.