Das gleiche Muster kaut er drei Jahre drauf in Anspruchsvoll wieder durch, anhand vom Liedermacher, vom Schriftsteller, vom Regisseur und abermals vom bildenden Künstler, und jedes Mal mit der Pointe: "Bei allem (Scheiß), wo keiner weiß, was es bedeuten soll, / sagen wir vorsichtshalber erstmal, das ist anspruchsvoll." Da lacht – ja, wer lacht da eigentlich?

Womit wir beim unappetitlichsten und kürzesten Kapitel von Reinhard Meys Bashing-Historie sind. Annabelle. Mit dem Hohnlied über eine Feministin, 1972 veröffentlicht und vorgetragen mit der Maske eines lebensfrohen Konsumenten, hinter der sich die blanke Angst vor dem Hinterfragen der eigenen Privilegien verbirgt, bediente Mey jedes Stammtischklischee über die "Emanzen", manövrierte sich ohne Not in die reaktionäre Ecke und wird dafür heute von der Jungen Freiheit gefeiert, die ich nicht verlinke. Annabelle ist der gehässige Tiefpunkt des Meyschen Oeuvres, weist allerdings zugleich den Ausweg aus der Ressentiment-Sackgasse.

Zwar brauchte er 26 Jahre dafür, doch er hat sich bei Annabelle entschuldigt. Im Lied Der Biker von 1998 ist der Biker bei näherem Hinsehen eine Bikerin, eben Annabelle, und zieht das seinerseits gerade mit dem Motorrad verunfallte lyrische Ich unter der Maschine hervor. Halb benommen tut es der Retterin Abbitte für seine einstige Dummheit, für "Beifall von der falschen Seite" und "sinnloses Gestreite": "Deine Ideale, will mir heute scheinen, / waren gar nicht so weit weg von meinen, / doch das zuzugeben, war ich viel zu blöd und stolz."

Ja, der Reinhard. Er hat das Herz eben doch auf dem rechten Fleck. Und auch mal die Größe, die rechten Flecken in seinem Liederbuch anzugehen. Und gerade weil er als "Konsensbarde" gilt, lohnt es sich, da nachzuhaken. Wie gesagt: Mey mag kein überzeugender Linker sein, aber ist auch kein Rechter. Was seine Chansons an wohlfeilen Aversionen transportieren, kommt tatsächlich aus der "Mitte der Gesellschaft".

Dort dümpelten sie jahre-, ach was, jahrzehntelang herum, die Stereotype, und tun es bis heute, sodass ein Friedrich Merz in seiner Aschermittwochrede nur "Berlin-Kreuzberg" sagen muss, um ein rassistisches Klischee aufzurufen, mit dem sich sein Publikum ohne jedes Schuldbewusstsein wohlfühlt; und sodass ein Oskar Lafontaine den "neuen Weg" mittlerweile in der Querfrontbildung zwischen pseudolinks und rechts sucht.

Umso dringlicher ist es, diese Tradition der Verbiesterung zu benennen und zu überwinden. Denn die "neue Rechte" hat die zerstreuten Ressentiments gebündelt, zu Verschwörungstheorien aufgemotzt und mit mehr oder weniger kaschiertem Nazigedankengut vermischt. Ihr Erfolg bemisst sich nicht nur an AfD-Wahlergebnissen oder daran, wie viele der von ihr zu Fremden oder Feinden erklärten Menschen in Deutschland schon um ihr Leben fürchten. Sondern auch daran, wie bequem es sich die viel gepriesene demokratische und pluralistische Zivilgesellschaft trotz aller Alarmzeichen mit ihrem eigenen Anteil an der "neurechten" Ideologie macht.

Es reicht längst nicht aus, nach jedem Nazimord wieder öffentlich zu erschrecken (wie es Reinhard Mey schon 1992 im Lied 3. Oktober 91 tat). Es genügt auch nicht, den gutbürgerlich-wutbürgerlichen Faschisten da Gegenwehr zu leisten, wo sie "Grenzen des Sagbaren" öffnen und dergleichen. Wenn wir den Vormarsch der "neuen Rechten" noch stoppen wollen, dürfen wir gar nicht erst so tun, als wäre an den von ihr gerafften und geschürten "Sorgen" etwas dran. Wir müssen uns ganz entschlacken von den Feindseligkeiten, mit denen sie arbeitet.

Nun klingt "müssen" so zwanghaft, dabei ist diese Entschlackung das reinste Vergnügen. Die rechten Flecken in unserem eigenen Denken zu erkennen und sie zu entfernen, kann uns nur freundlicher, entspannter, froher machen. Und wenn das um sich griffe, würde selbst aus der "Mitte der Gesellschaft" in absehbarer Zeit, um noch einmal den Herrn Mey zu zitieren, "ein friedlicher Ort".

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