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Viel ist von der "Mitte der Gesellschaft" die Rede. Die AfD sieht sich dort verwurzelt, Friedrich Merz sowieso, aber auch eine "wehrhafte Demokratie" soll sich von dort aus erheben, nachdem die rassistischen Morde von Hanau sie mal wieder aus ihrem Schlummer gerissen haben. Wer in Deutschland die "Mitte der Gesellschaft" für sich beansprucht, der will herrschen. Die "Mitte der Gesellschaft" ist ein gefährlicher Ort.
Gehen wir dorthin. Und spekulieren wir zur Einstimmung mal nicht über irgendwelche Ost-Kränkungen, wie sie so oft herangezogen werden, wenn es gilt, deutsche Verwerfungen zu erklären, und wie sie fast ebenso oft als Mechanismus dienen, um den Osten abzustempeln und den Westen reinzuwaschen. Nein, ziehen wir diesmal ein Westberliner Kulturgut heran, mit dem viele von uns, vor allem aber viele von uns Wessis, aufgewachsen sind. Hören wir ein bisschen Reinhard Mey.
Um es gleich klar zu sagen: Reinhard Mey ist kein Rechter. Zwar ist er auch kein linker Agitator, kein Degenhardt, kein Süverkrüp, aber immerhin ein Kumpel von Hannes Wader und Konstantin Wecker und irgendwie doch links – oder wie er selbst sagt: "Wenn links das Gegenteil von rechts ist, ja. Wenn es links ist, Solidarität mit den Schwächeren nicht nur zu zeigen, sondern auch zu leben, dann ja." Im Bundestagswahlkampf 1990, daran erinnere ich mich, zählte er zu den Prominenten, die öffentlich den SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine und seinen "neuen Weg" unterstützten – als Alternative zur Einverleibung der DDR durch Dr. Helmut Kohl. Und ich denke, wir dürfen uns Reinhard Mey insgesamt als einen sozialdemokratisch gesinnten Menschen vorstellen.
Er ist bekennender Pazifist und manchmal ein großer Poet, er spielt eine perlende Folkgitarre und so weiter. Jedoch gibt es in seinem umfangreichen Werk, speziell in dessen früheren Phasen, also in den Siebziger- und Achtzigerjahren, ein paar Stränge, die symptomatisch sind für etwas, das uns heute aus der Mitte der Gesellschaft heraus um die Ohren fliegt. Ich meine die Stränge Politiker-Bashing, Journalistinnen-Bashing, Künstler-Bashing und Feministinnen-Bashing.
Mit dem Politiker-Bashing (damals hätte man "Schelte" gesagt) ging es lustig los, in der Schnellsing-Übung Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden von 1974. Aber schon da mischen sich Zuschreibungen in den Wortschwall, die seltsam aufstoßen. Der Politiker hat nichts "Anständiges" gelernt, ihn treibt allein die Gier an, sich zu bereichern, und wenn es der Karriere förderlich ist, wechselt er die Partei.
Gewiss, das sind alles Bausteine aus dem Kabarettinventar jener Jahre, "Sottisen", um "die Mächtigen aufs Korn zu nehmen". Doch in den Sottisen zeichnet sich etwas ab, und darauf kommt Mey dann immer wieder zurück – besonders geballt auf seiner Platte Hergestellt in Berlin von 1985. Dort heißt es im Stück Vielleicht werd' ich doch langsam alt: "Heut glaub ich keinem Politiker kein Wort mehr, / heut glaub ich nur noch manchmal, ich stehe im Wald." Und in Lasst sie reisen singt er: "Ob schwarz, gelb, grün oder rot: Sie sind gleich farblos und gleich schal. / Wenn sie weg sind, merkt man ihre Abwesenheit nicht einmal." Vertraute Töne, oder? Ein nichtsnutziges Parteienkartell, besetzt mit Funktionären, die uns eh nur betuppen wollen.
Auch über andere Gruppen sang der Barde mitunter ähnliches Zeug, wie es heute die "besorgten Bürger" reden. Ritt er in Die Homestory von 1975 fünf Minuten lang den Einfall platt, dass eine Reporterin und ein Fotograf den Interviewtermin beim lyrischen Ich nur vereinbaren, um sich durchfüttern zu lassen, so entwarf er acht Jahre später in Was in der Zeitung steht die beklemmende Vision eines beiläufigen Rufmords durch selbstgefällige und gewissenlose Schreiberlinge. Ja, ja, die Lügenpresse.
Weniger anklagend, dafür besonders ranzig gerät dem Chansonnier in seiner mittleren Schaffensperiode der Spott über die ach so abgehobenen Kunstschaffenden. Erschöpfte sich sein erster Vorstoß in die Richtung, Cantus 19b aus dem Jahr 1971, noch im kurzen und fast schmerzlosen Scheitern an einer Persiflage moderner Lyrik, so fiel seine Parodie auf das experimentelle Theater in Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern drei Jahre später erfreulich komisch aus.
Danach ging es aber steil bergab. In Des Kaisers neue Kleider, 1980, bekommt zunächst ein "Künstler aus Grönland" sein Fett weg, der "für mein Steuergeld" eine Skulptur für die Grünfläche vor einem Kindergarten anfertigt und dabei "mit Schmieröl und Walfischkot experimentiert". Der Sänger fügt hinzu: "Ich hab' nichts gegen Eskimos, ich frag' mich nur, warum / laufen bei uns so viele arbeitslose Bildhauer herum." Nachdem dann auch noch der aus den USA eingeflogene Entertainer ("Und eigentlich nimmt's jedes Schlagersternchen mit ihm auf") und die Nouvelle Cuisine in die Pfanne gehauen worden sind, resümiert der gewitzte Steuerzahler: "Wir wollen ja, daß sie uns verkohlen, wir glauben ja so leicht."