Dieser Artikel erscheint auf unserer Schriftstellerplattform "Freitext". Dort ist auch ein Münchner Zwischenruf von Friedrich Ani zum Späti-Verbot erschienen. Hier lesen Sie seinen Text.  Und hier finden Sie alle "Freitext"-Artikel.

In Berlin war alles von Anfang an so anders, dass ich die Spätis zuerst gar nicht als etwas Besonderes wahrnahm. Ich hatte die Büdchen in Köln kennengelernt und die Corner Shops und Off Licences, die "Offies", in London. Aber das, was ich in Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain oder Kreuzberg erlebte, hatte, das musste ich mir irgendwann eingestehen, eine ganz andere Dimension. In diesem Hauptstadtkosmos, diesem irren Paralleluniversum innerhalb Deutschlands, war es, weil es für nichts Regeln zu geben schien, vollkommen normal, jederzeit alles einkaufen zu können – aber nicht in diesem großen, die Sinne sprengenden Stil wie in den USA, keine Shoppingmalls, die rund um die Uhr geöffnet hatten, sondern kleine Geschäfte, auf das Wesentliche reduziert.

In jeder Straße gab es diese Läden, in denen man jederzeit von Süßigkeiten und Salzgebäck über Getränke, Zigaretten, Blumen die Dinge des täglichen Bedarfs kaufen konnte: Eier, Brot, Aufschnitt, Kaffee, Käse, Klopapier und so weiter. Wo ich früher im Dorf kilometerweit zum Kiosk, zur Trinkhalle oder zur Tanke geradelt war, musste ich jetzt und hier nur ein paar Hundert Meter zum nächsten Späti gehen. Und je öfter ich dort hinging, desto vertrauter wurde mir der Ort. Bald war ich Stammkunde, wurde, wie ich es von der Heimat her kannte, namentlich gegrüßt, grüßte zurück und verschwand wieder, jeden Tag und jede Nacht.

Die Spätis gaben mir das Gefühl, weniger einsam zu sein. Ich wusste ja, dass ich, wenn ich jemanden treffen, mit jemandem sprechen wollte – und sei es um zwei Uhr nachts –, nur nach unten zu gehen brauchte. Manchmal, wenn ich von irgendeiner langsam erlahmenden Party kam und von Gesprächen schon ganz gesättigt war, blieb ich doch im nächsten Späti hängen, weil sich die Party dorthin verlagert hatte und die Gespräche weitergingen, wieder an Schwung gewannen, als würden wir noch immer oben in der Küche stehen und uns über den im hintersten Schrank entdeckten Schnaps freuen. Die Spätis, das wurde mir in dem Moment klar, waren die öffentlichen Partyküchen der Stadt. Die Chips waren schon da, die Biere schon gekühlt, die Zigaretten rauchfertig hinterm Tresen. Hier versammelten sich die Menschen wie einst ums Feuer. Hier wärmten sie sich an der Energie, die die anderen ausstrahlten, an der Begeisterung, die Berlin bei uns allen ausgelöst hatte, nach den Partys – und vor den Partys auch. Und während ich darüber nachdachte, über diese Dauerparty, die ihren Ausdruck auch in den Spätis fand, erinnerte mich ich an Christiane Rösingers Hauptstadthymne Berlin von ihrem Album Songs of L. and Hate, an den Vers: "Wenn wir zum Vorglühen durch die Spätis ziehen, ja, dann sind wir alle in Berlin."

In Kreuzberg, in der Dieffenbachstraße, gab es Chicos Kiosk, der, je länger ich dort wohnte, sein Sortiment immer mehr erweiterte, in die Breite und in die Tiefe. Jedes Mal, wenn ich dort war, fragte mich Gheorghe, ob ich noch etwas gebrauchen könne, was er gerade nicht auf Lager habe. "Was fehlt?", fragte er, und ich sagte es ihm, eine Biersorte, die ich vermisste, eine Zeitschrift, die er nicht führte. Und beim nächsten Mal stand alles im Regal, als hätte es immer dort gestanden.

In meinem zweiten Sommer in der Nachbarschaft fand die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland statt und Gheorghe stellte ein paar Bänke und einen Fernseher nach draußen, und da saßen wir und sahen uns die Spiele an. Zwei Jahre später, bei der Europameisterschaft, waren es mehr Bänke und ein Flachbildschirm. Und wiederum zwei Jahre später, bei der nächsten Weltmeisterschaft, hatte er vor dem Schaufenster eine Leinwand aufgespannt, die Bänke, inzwischen waren es Dutzende, standen im Halbkreis davor und reichten bis zur Bordsteinkante. Die ganze Nachbarschaft versammelte sich vor Chicos Kiosk, selbst dann noch, als die Spiele längst gespielt waren. Jeder versuchte, den Sommer zu verlängern, dieses berauschende Gefühl, auch in einer Großstadt Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Ich wohnte schon gar nicht mehr in der Gegend und kam doch immer wieder zu Chicos zurück. Ich konnte mich von dem Kiosk nicht lösen, obwohl es in dem Kiez, in dem ich inzwischen lebte, auch Spätis gab, aber die hießen einfach nur Getränke Lebensmittel oder Spätkauf, und hinterm Tresen saßen ständig andere Leute; sie waren kein Ersatz für meine Sehnsucht nach einem Tante-Emma-Laden, nach Bekanntschaft, nach Zugehörigkeit. Bald machten in meiner neuen Nachbarschaft weitere Spätis auf. Alle paar Hundert Meter einer, und alle hatten gut zu tun. Ich wohnte, daran merkte ich es, an der Partymeile der Stadt. Diese neuen Spätis hatten nicht mehr die gleiche Bindungskraft wie die alten, es waren einfach zu viele geworden. Trotzdem nutzte ich das Angebot und die Freiheit, zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbeikommen zu können. Bis ich auch von dort vertrieben wurde und mir, wieder in einem anderen Kiez, neue Spätis erschließen musste: den Kaiser Kiosk, den Goeky, den Zu Spät.

Zu spät war es nie in Berlin, das war ja das Tolle, zu spät, das gab es nicht. Über 900 Spätis in Berlin, und alle hatten an jedem Wochentag geöffnet – bis jetzt. Am Mittwoch hat das Landesverwaltungsgericht entschieden, dass Spätis in Zukunft an Sonn- und Feiertagen geschlossen bleiben müssen, es sei denn, sie bieten Produkte "zum spezifischen Bedarf von Touristen" an, "Lebens- und Genussmittel zum sofortigen Verzehr". Das bedeutet, dass die Spätis, die mehr im Sortiment haben und die Nachbarschaft mit dem Nötigsten zu versorgen trachten, jetzt schon Samstag um Mitternacht schließen müssten. Dabei weiß jeder, der einmal in Berlin war, dass das Leben hier erst Samstag um Mitternacht so richtig losgeht.

Wie wird das die Stadt verändern? Das Lebensgefühl? Werden sich die Leute jetzt wie vor den Feiertagen samstags mit dem Nötigsten eindecken? Fahren bald Flaschensammler mit ihren Fahrradanhängern durch die Straßen und verkaufen H-Milch, Toastbrot, Zucker, Butter oder Honig wie einst die Lebensmittelhändler auf dem Land? Pilgern wir zu den Tankstellen und Bahnhofssupermärkten, die von dieser Regelung ausgenommen sind, reihen uns ein in die Schlangen, warten geduldig, bis wir an der Reihe sind? Oder rebellieren wir dagegen? Trotzen dem Verbot? Feiern weiter? Wie es sich für Berlin gehört.