Dieser Artikel ist erschienen auf der ZEIT-ONLINE-Schriftstellerplattform "Freitext", hier finden Sie alle Artikel. Er ist Anfang 2019 in Sri Lanka entstanden. Zuvor hatte der "Lonely Planet" das Land zum Reiseziel des Jahres gekürt. Mit den Anschlägen vom Ostersonntag folgten aber ein lange andauernder Ausnahmezustand und Reisewarnungen. Der Tourismus brach ein, die Zukunftsängste wuchsen. Mittlerweile füllen sich die zwischenzeitlich leeren Hotels wieder. Die Beschäftigten, so ist aus dem Land zu hören, bangen noch immer um ihre Arbeitsplätze, aber sie sind optimistisch. An der Schönheit der Landschaft und der Herzlichkeit der Menschen hat sich ohnehin nichts geändert.

Ein Pfeifen. Eine Erschütterung. Wir setzen uns in Bewegung. Ich stehe in der Tür. Ich halte mich fest. Das laute Rattern unter mir. Die Bäume wandern an mir vorbei, werden immer schneller. Alles zerfließt. Nur das Grün bleibt, dieses surreale Grün aus Blättern und Reisfeldern. Dazwischen leuchten die kleinen Häuser hervor. Orange. Türkis. Violett. Der Wind schlägt mir ins Gesicht. Der Geruch der Insel fließt in den Waggon. Verbrannte Palmblätter. Das Salz des Meeres. Der süße Duft von Frangipani und Zimt. Verdampfter Regen. Staub und Erde. Curry und Vadai. Ein Mann mit einem Korb frittierter Linsenbällchen kommt vorbei. Kurz bleibt er stehen, ruht sich neben mir aus, schenkt mir ein Vadai und lächelt mich an. Dann beginnt er wieder mit seinem melodischen Rufen, drängt sich mit dem riesigen Korb durch die Menschenmenge. Vadai, Vadai, Vadai.

Weit draußen peitschen die Wellen hoch, schäumt die Gischt an der Oberfläche. Das Wasser leuchtet in allen Blautönen, mal Tiefblau, mal Türkis, mal ist es so hell, dass es in den Augen blendet. Dann drängen sich wieder die Palmen davor. Die Bananenbäume. Dann kommen die Straßen dazu. Das Treiben des Alltags. Das Hupen der Tuk-Tuks. Brücken ziehen an mir vorbei, Seen und Flüsse, Baracken, Villen, Hotels. Die Wäsche der Mönche im Garten, sie pendelt im Wind. Wenn man sich an den Türgriffen festhält, wenn man einen Schritt nach vorne wagt, verschwindet der Zug, verschwinden die Menschen im Hintergrund, dann ist es, als würde man über die Landschaft fliegen. An der Küste entlang und in das Landesinnere hinein. Der schwarze Rauch legt sich über die Landschaft.

Dieses Bild muss ich mir einprägen, denke ich, aber schon legen sich so viele Momentaufnahmen darüber, dass das erste Bild wieder vergessen ist. Man fährt vorbei an den Hinterhöfen, an den Rückseiten der Häuser und Verkaufsstände, taucht ein in die Szenen des Alltags. Die Menschen halten inne, unterbrechen ihr Gespräch. Sie legen ihre Arbeit nieder: Wenn sie im Garten das Laub kehren, die Wäsche im Fluss waschen, Maschinen reparieren oder sich die Zähne putzen. Die Bilder frieren ein. Eine Frau mit einem Besen in der Hand. Ein Mann macht eine Pause beim Wäscheaufhängen. Die Verkäufer schauen von ihrem Mittagsteller auf. An den Schranken stehen die Tuk-Tuk-Fahrer. Alle warten auf den Zug. Manche winken aus den Tuk-Tuks. Andere stehen vor den Häusern oder sitzen neben den Gleisen. Ein kleines Mädchen, das seiner Mutter im Shop hilft. Ein alter Mann, der seinen Enkel im Arm wiegt. Kinder in Schuluniformen. Frauen mit Einkaufstaschen, Männer, die den Boden aufgraben. An den Gleisen schlafen die Kühe. Sie scheinen die Einzigen zu sein, für die der Zug nichts Besonderes ist. Manchmal überholen uns Reiher. Es gibt Strecken, da muss der Zug seine Geschwindigkeit auf acht Kilometer pro Stunde drosseln.

In den Kurven sehe ich die Waggons vor mir. Aus jedem Fenster streckt sich ein Kopf nach draußen, an jeder Tür steht oder sitzt jemand, lässt jemand die Füße über die Gleise baumeln. Immer, wenn wir durch einen Tunnel fahren, rufen und pfeifen alle wild durcheinander, fast, als würde man so die Angst vor der Dunkelheit überwinden.

Do you like Sri Lanka?

Sri Lanka heißt Träne Indiens. Sri Lanka ist Wasser, ist Schmerz und Freude. Das Rauschen des Meeres ist immer da, mal brodelt es sanft, mal kracht es und grollt es. Nachts, wenn alles still ist, legt sich das Rauschen über die Insel. Es ist Ruhe und Drohung zugleich. Das Lachen der Menschen ist ehrlich, die Blicke interessiert, die Frage, woher man kommt, wiederholt sich und wird abgelöst von der Frage, ob man Sri Lanka mag. Do you like Sri Lanka? Ein Strahlen legt sich über die Gesichter. Italy, was für ein schönes Land. Viele träumen davon, einmal irgendwo hinzureisen, nach Rom, nach Venedig, nach Dubai oder Australien, nur die wenigsten werden sich irgendwann einen Flug leisten können. Die meisten, denen man an der Küste begegnet, haben alles verloren. Das Haus, in dem sie aufgewachsen sind, von der Kraft des Meeres zerstört. Die Eltern, Geschwister, Verwandte oder Freunde vom Wasser verschluckt. Mehr als 30.000 Menschen sind beim Tsunami 2004 ums Leben gekommen.

In jedem der offenen Zugfenster ein Kopf – und manchmal auch zwei. © privat

Die Ruinen ragen dunkel zwischen dem leuchtenden Grün auf. Manchmal steht ein Haus ohne Dach, ohne Fenster, verwittert, verwahrlost. Manchmal ragt nur ein Stück Mauer auf oder ein Tor ohne Haus. Dazwischen stehen die Gräber. Tsunami, sagt Sanju. Er zeigt nach draußen, Tsunami destroyed everything. Ich schaue auf das Meer, es taucht wieder auf, zwischen den Palmen blitzt es hervor. Die Wellen bäumen sich auf. Das Rauschen ist im Zug kaum zu hören. Eines Tages hatte sich das Meer zurückgezogen, neun oder zehn Kilometer. Der Sog war so stark, dass selbst die Fische überrascht wurden. Sie lagen im Sand, Barracudas, Krebse, Hummer und Sandbarsche. Sie lagen dort wie auf dem Silbertablett. Die Fischer liefen hinaus, sammelten alles ein, setzten landmarks, um ihren Bereich zu markieren. Was für ein Wunder, was für ein leichtes Spiel, um an Geld zu kommen. Sanju stand dort, mit seinem Vater. Sie schauten hinaus auf das Meer. Das ist kein gutes Zeichen, sagte sein Vater, und sie liefen landeinwärts, immer weiter und weiter. Nur acht Minuten später kam das Meer wieder zurück und holte sich alles, was ihm im Weg stand. Die Fischer traf es als Erstes.