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Als der Herr Strache am 18. Mai als Vizekanzler der Republik Österreich und als Parteiobmann der FPÖ zurücktrat, fragte er in einer wesentlichen Passage seiner vorerst letzten offiziellen Rede, "wer diese Netzwerke sind und welche Rolle auch der Herr Böhmermann in diesem Zusammenhang spielt".

Die Frage wies ihn als Staatsmann aus, der die Zusammenhänge kennt: Die angesprochenen Netzwerke sind, wenn nicht die sozialistischen, so doch die "sozialen", die er selbst stets gut zu bedienen wusste, und der inkriminierte Herr Böhmermann könnte tatsächlich mit Folgendem in Zusammenhang gebracht werden: Ein Revolutionslied der proeuropäischen Lobbygruppe Vengaboys, agierend im Fahrwasser des Eurotrash, ist auf Platz eins der österreichischen Streamingcharts gelandet, nachdem Jan Böhmermann am 17. Mai We’re going to Ibiza auf Twitter gepostet und die politischen Ereignisse des kommenden Tages vorweggenommen hat.

Der Zusammenhang von Politik und Satire lässt sich an dieser Stelle nicht erschöpfend ausführen. Es sei bloß noch einmal daran erinnert, dass Heinz-Christian Strache selbst gerne in den sozialen Medien mit dem Begriff Satire operierte. Wenn er beispielsweise den öffentlich-rechtlichen Rundfunksender ORF wortwörtlich der Verbreitung von Lügen statt Nachrichten bezichtigte und seinen Schenkelklopfer gleich noch bebilderte mit einem Foto des Fernsehjournalisten Armin Wolf. Er hatte dabei freilich nichts als die Meinungsvielfalt im Blick, und die wird zuverlässig gewährleistet, wenn man auch mal konkrete Adressaten nennt. Damit die interessierten Leserbriefschreiber wissen, an wen sie ihre Beiträge zum demokratischen Diskurs zu richten haben.

Während nun der "Vengabus", befördert von einem Sattelschlepper, auf Österreich zugerollt kam und zu diesem Zwecke die Balkanroute in die entgegengesetzte Richtung nahm, nämlich von Bayern aus über die Autobahn, passierten hierzulande viele Dinge gleichzeitig. Österreich hat eine neue Bundeskanzlerin, die erste in der Geschichte der Republik, wenn auch nur bis zur nächsten Wahl im Herbst. Sie heißt Brigitte Bierlein, und wer sie in den aktuellen Nachrichten des ORF bereits sprechen gehört hat, verkneift sich Wortspiele mit ihrem Namen. Aber ja, in einem siebenstündigen privaten Gespräch im Urlaub und, ja, unter Ausnutzung einer zunehmenden Alkoholisierung und, ja, es war eine b'soffene G’schicht, und, ja, in einer intimen Atmosphäre, da wäre man leicht dazu verleitet, auch unreflektiert und mit lockerer Zunge über alles und jedes einen Witz zu reißen. Der Reim auf Wodka-Red-Bull ergibt dann wieder nur null und eben nicht den Namen des Herrn Strache.

Was passierte außerdem? Der Herr Kurz wurde durch einen Misstrauensantrag seiner Funktion als Bundeskanzler enthoben. Der Herr Bundespräsident Van der Bellen setzte einen Herrn, dessen Namen man sich für die paar Tage erst gar nicht merken musste, als Übergangskanzler ein. Und alle lobten unisono die Weisheit und Voraussicht der beinahe hundert Jahre alten österreichischen Bundesverfassung. Auf der Wiener Ringstraße wurden zur selben Zeit überlebensgroße Porträtfotos von Holocaust-Überlebenden ausgestellt. Nach dreimaliger Zerstörung nähten hilfsbereite Passanten die Gesichter wieder zusammen. Bis zum Abbau der Ausstellung sorgen nun die Muslimische Jugend, die Katholische Jugend, die Caritas und eine Künstlergruppe im Rahmen einer "Mahnwache" Tag und Nacht für deren Fortbestand. Der Herr Oberrabbiner Schlomo Hofmeister besuchte die muslimischen Fastenbrecher und versorgte sie, laut Facebook, "mit Minztee und veganem Essen". 

Was noch? Der Herr Schwarzenegger nahm mit dem Herrn Gabalier Pump it up – The Motivation Song auf, dessen revolutionäres Potenzial noch zu heben sein wird, und organisierte dann mit der Frau Thunberg eine Klimakonferenz in Wien. Diese hält außerdem, am Ende einer ereignisreichen Woche, auf dem Wiener Heldenplatz eine Rede bei den Fridays for Future. Der inoffizielle Kaiser Österreichs wiederum, der Kabarettist Herr Palfrader, übt währenddessen den freiwilligen Verzicht auf jede Aristo-Credibility und macht, gekleidet in der Gala-Uniform von Kaiser Franz Josef, österreichweit Werbung für die neue Kundenkarte einer Supermarktkette.

Viel Trubel für ein kleines Land, das in den letzten Tagen wieder, durchaus auch in der rhetorischen Büßergeste der Selbstbezichtigung, als "Bananenrepublik" geschmäht wurde. Dabei dürfte einem solchen Begriff mit mehr Argwohn begegnet werden. Nicht, weil wir es angesichts von "Ibizagate" nicht mit siebenstündigen Wunschvorstellungen von Korruption und Bestechlichkeit zu tun hätten, keineswegs, sondern, weil die amerikanische Bezeichnung "banana republic" für bananenexportierende Staaten Mittelamerikas nun schon das nächste unschöne Wortfeld beackert: in Allianz mit den karibischen Steuerparadiesen und den partymeilenlangen Baleareninseln. Dort darf ein Staatsmann durchaus seine After-Work-Hours verbringen, ohne sich jedes Mal vor einem "gezielten politischen Attentat" in Acht nehmen zu müssen mit den Folgen einer Soundattacke durch Bubblegum-Pop. Doch wie proklamierte es eine der Rednerinnen, die bei der dieswöchigen Donnerstagsdemo gegen die türkis-blaue Regierung auf der Tribüne des Vengabus das Mikro in die Hand nahmen, während eine Gebärdendolmetscherin ihre Worte in Gesten übersetzte: Tanzen ist Revolution (oder so). Um der Ernüchterung entgegenzuwirken, dass Tanzen einfach bloß Tanzen sein könnte, haben sich die Organisatoren die Meister der Tautologie auf den Ballhausplatz, direkt vor das Kanzleramt eingeladen: Die Vengaboys, deren Partykonzept lautet: "We like to party."

Da der Systemwechsel nun eingeleitet ist: Wer sind die Vengaboys, und wofür stehen sie? Die Vengaboys sind Cowboy Donny, Captain Kim, Partygirl D’Nice und Sailorboy Robin. Zwei Frauen und zwei Männer in hautengen Glitzerkostümen, die etwa seit dem Jahr 1997 im Vengabus, einer Art Loveparade-Wagen, durch die Welt touren und mit ihren Beats und Slogans den Umsturz via Dancefloor propagieren: Boom, boom, boom, boom erklärt sich bereits lautmalerisch, die darauffolgende Zeile I want you in my room wird dabei konkreter und ist als Einladung an die andere Seite des politischen Spektrums zu verstehen. Unterstützt wurde die Aussage auf dem Ballhausplatz durch den Einsatz von Nebel und Pyrotechnik und das zweimalige Abfeuern von Konfettikanonen. Die Hitsingle Up & Down wiederum lässt sich als Beschreibung des aktuellen parlamentarischen Status quo lesen, wobei die Vengaboys momentan eher up sind.  "I want to be the queen of Austria", rief das Partygirl D’Nice in die jubelnde Menge. Das lässt erahnen, dass die Herrschaftsform der Vengaboys monarchistisch konzipiert ist.

Was die Vengaboys für den notwendigen Umbau des internationalen Finanzsystems planen, zeigten sie bereits bei ihrem Auftritt, indem sie Dollarnoten auf das Publikum regnen ließen. Die Aufschrift The United States of Venga und ein freakiges Foto der Band zieren die Scheine. "Gegen Neoliberalismus!", riefen die Rednerinnen von der Bühne des Vengabus und wiesen wiederholt auf den "Merch-Stand" mit seinen T-Shirts hin, der neben dem "Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz" aufgebaut war, wo die Leute feierten und Bierchen tranken. "Ibiza, Ibiza, Antifascista!", wurde skandiert. Ein aufblasbarer Flamingo übte sich im Crowdsurfing. Der Ballhausplatz war so voll von Demonstranten, dass manche in die Kronen der Bäume auswichen, um einen Blick auf die Vengaboys im Vengabus zu erhaschen. Einige hatten Schilder und Fahnen dabei mit lustigen Sprüchen. Sie reclaimen den draufgängerischen Stimmungsanheizer "Jetzt erst recht!", den die FPÖ neuerdings wieder plakatiert, ein Zitat des Partyhengstes Kurt Waldheim ("Nur sein Pferd war bei der SA") aus dem Präsidentschaftswahlkampf 1986 aufgreifend. Und mittendrin standen die "Omas gegen rechts" und sangen umgedichtete Siebzigerjahre-Protestsongs, als wären sie soundtechnisch noch nicht in den Neunzigerjahren angekommen.

Mit dem Stimmungstöter "Genug ist genug!" setzte Sebastian Kurz am 18. Mai dem koalitionären Budenzauber mit der FPÖ ein Ende und rief damit Neuwahlen aus. Als Langeweiler hat er dabei nicht verstanden, dass, wenn es ums Feiern geht, genug niemals genug ist: "Boom, Boom, Boom, Boom!"

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