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In meinem Haus nennen mich einige die Frau mit den Krähen. Sie wissen, dass mich täglich zwei Nebelkrähen am Küchenfenster besuchen, die mich manchmal auch bis vor die Haustür begleiten.

Von Zeit zu Zeit werde ich gefragt, wie das mit den Krähen und mir eigentlich angefangen hat. Mehr aus einem Zufall heraus begegnete ich im frühen Sommer letzten Jahres einer, die auf einem der Streben eines Baugerüsts sitzen blieb, während ich an ihr vorbeilief. Der Blick in ihre Augen hing mir lange nach. Ich fühlte mich in gewisser Weise erkannt. Als wüsste sie nun etwas von mir. Den Blick eines Menschen kann man oft einordnen. Den Blick eines Vogels kann ich nicht deuten. Es gibt Menschen, die Krähen und Raben beängstigend finden, geprägt beispielsweise durch Alfred Hitchcocks Die Vögel oder Die Krähen von Edzard Onneken, auch wegen des schwarzen oder anthrazitfarbenen Federkleids. Andere wiederum sind von ihnen eher fasziniert als beängstigt. Etwas Geheimnisvolles haftet ihnen an.

Ich recherchierte über Krähen, las Artikel, schaute mir unzählige YouTube-Videos an, interessierte mich für die Forschung. Manche der Vögel lassen Walnüsse hoch im Flug fallen, sodass sie beim Aufschlag auf Asphalt aufspringen. Sie haben auch gelernt, an roten Ampeln Nüsse auf der Straße zu positionieren, damit die Autos bei Grün über sie drüberfahren. Sie sind erfindungsreich, intelligent, spielerisch.

Ich begann mein eigenes Experiment, legte mehrmals eine Handvoll Walnüsse in den Blumenkasten auf dem Küchenfensterbrett. Es dauerte bis zu einer Woche, dann waren die Nüsse jedes Mal verschwunden. Und irgendwann sahen wir uns das erste Mal durch das Fensterglas. Die Krähe und ich.

Es heißt, wenn man einen Bund mit einer Krähe schließen möchte, bedarf es einer Kontinuität in der Belohnung. Und ich wollte eine Verbindung. In den Sommermonaten ließ ich das Küchenfenster Stunden geöffnet, positionierte die Nüsse nur noch auf der inneren Fensterbank. Die Krähe wagte sich herein, anfangs noch etwas unsicher mit den Krallen auf der glatten Fläche rutschend schnappte sie sich eine Nuss, hüpfte schnell wieder in den Blumenkasten zurück und flog davon.

Wir gewöhnten uns aneinander. Ich spürte ihre Neugierde und Offenheit, wenn sie den Kopf drehte, wie es auch Hunde manchmal tun, und sich den Raum genau anschaute. Die Geräusche von draußen ließ sie nie außer Acht. Vernahm sie das Krähen eines anderen Vogels, hielt sie inne. Manchmal flog sie dann ohne eine Nuss davon. Manchmal blieb sie länger. Sie ließ mich näher an sich heran, traute sich bald, die Nüsse aus meiner Hand aufzulesen. War das Fenster geschlossen, krähte sie gegen die Scheibe. Hin und wieder dokumentierte ich ihr Verhalten filmisch. Ich stellte sie vor neue Aufgaben. Positionierte Cashewnüsse unter einem 4cl-Messgläschen. Anfangs versuchte die Krähe, das Glas mit dem Schnabel zu fassen, es in die Höhe zu heben, erfolglos. Sobald ich ein Stück Stoff unter das Glas gelegt hatte, kippte sie es gekonnt mit dem Schnabel einfach zur Seite um, die Nüsse lagen frei.

Krähen lernen schnell, können abstrahieren. Sie benutzen Drähte und Äste als Werkzeuge. Wenn die Krähe von mir eine Auswahl an Walnüssen bekommt, schaut sie sich diese genau an, liest jede für sich mit dem Schnabel auf. Erst am Ende entscheidet sie sich für die wahrscheinlich beste Nuss.

Es kam der Tag, an dem die Krähe eine zweite mitbrachte. Sie trug ein Stück leere Walnussschale im Schnabel, legte sie in der Blumenerde ab und flog davon. Ich lernte, dass Krähen manchmal Geschenke mitbringen. Das können natürlich ganz unterschiedliche Dinge sein, bei mir blieb die Schale länger das einzige. Von anderen weiß ich, dass sie beispielsweise Knöpfe oder Steine geschenkt bekamen.

Es gab auch Tage, an denen die Krähen zusammen herangeflogen kamen, manchmal auch erst die eine, dann die andere. Ich bemerkte schnell ihre unterschiedlichen Charakterzüge. Die zweite war viel ängstlicher, klammerte sich am Blumenkasten fest, duckte sich etwas, sobald ich näher herankam. Manchmal wich sie auf die Linde vor dem Fenster aus, bis ich ein Stück zurückging, dann kam sie zurück. Interessanterweise nahm sie der zutraulichen Krähe oft die Nüsse weg. Die gewährte auch, wartete ab, bis die zweite davonflog, und las dann auf, was übrig blieb.