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Dazwischen: Das sind Übergänge, in denen Gespenster wandeln. Das Dazwischen ist von seinen Rändern her bestimmt, es hält die Bruchkanten zusammen, ein Transit, in dem der Nebel formwandelt, wird zum Gedächtnis, wird Fantasie. In der Leere sind Spuren an- und abwesend zugleich, sind nicht mehr, was war, und noch nicht, was sein könnte – Spielräume aus Widersprüchen und Möglichkeiten, umgeben von Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Mein Eindruck ist, dass München mit Mauerfall und Wiedervereinigung etwas von diesem Dazwischen verloren ging, eine Art Verständnis seiner selbst, das noch verschwommener war und wie improvisiert, weil es zumindest eine Ahnung davon hatte, in einem Land zu liegen, das recht unbestimmt zwischen den historischen Zeiten schwebte. Es ahnte, es würde nicht immer so bleiben – und darin lag die Freiheit, die Beweglichkeit der Fuge. Natürlich hat man sich auch damals ein Bild von sich gemacht, aber man schoss es schneller und flüchtiger, spielerisch aus dem Bauch, lässig aus der Hüfte. Grobes Korn und Bewegungsunschärfe. Im Vergleich kommt mir München heute manchmal vor wie die Ästhetik seiner digitalen Abbilder – kristallklar, glatt und ein bisschen leblos. Eben perfekt aufgelöst. Eine fertige Kulisse ohne Baulücken mit Lattenzaun.

Nicht dass sich die Stadt heute nicht mehr verändern würde, im Gegenteil, wahrscheinlich ist der Wandel rasanter denn je. Doch was mir fixiert erscheint, ist die Idee von sich dahinter. Oder dass man sie überhaupt als solche benennen kann: Laptop und Lederhose, Weltstadt mit Herz, sogar München ist bunt. Label wie Verkaufsetiketten. Damit München München bleibt, lautet ein Wahlkampfslogan. Aber ist das nicht eher eine Drohung, selbst wenn man die Stadt liebt? Würde Brechts Herr K. da nicht erbleichen? Um die genaue Beschreibung der Preisschilder geht es mir aber gar nicht, sondern eher darum, dass sich offenbar plötzlich ein Bewusstsein darüber festsetzen konnte, wo vorher ein ungewisseres Wabern war, mit viel Leerlauf, aber auch ungestümer Entfaltungslust. Als wäre das München meiner Kindheit damals selbst erst in der Pubertät gewesen und sollte mit der Wende plötzlich erwachsen sein und endgültig erkennen, wer es war, jetzt, am Ende der Geschichte.

Was ich vermisse, ist also keine Wunschvorstellung eines München im wiedervereinten Deutschland, die man früher gehabt und die sich als falsch erwiesen hätte, keine Utopie, die sich mit der realen Entwicklung auflöste, sondern der Zustand selbst, der Zwischenzustand als Lebensgefühl der Stadt.

Es ist wie ein Phantomschmerz. Ich vermisse etwas, das möglicherweise nie da war. Wo das eigene Gedächtnis nicht verlässlich anknüpfen kann, entwickelt sich leicht ein Ersatzgefühl, Sympathie für ein Zeitkollektiv aus fremden, sich angeeigneten Bildern, klassische Nostalgiefalle. Und zugegeben, meine Erinnerungen an das München vor '89 sind die einer manchmal bedrückend behüteten Vorortkindheit mit Patinaverdacht. Wenn aber den pastellblassen Erinnerungen schon nicht zu trauen ist, wie dann erst den fehlenden? Als sich der Schlagbaum für die ersten DDR-Bürger hob, spielte sich mein ganzes Leben gerade zwischen Jugendzentrum, Tennisplatz und dem Schüleraustausch mit Clermont-l'Hérault ab. Damit hatte ich schon alle Hände voll zu tun.

Die DDR, das war kaum mehr als die käsigen Athleten mit den vielen Rekorden, die ich bei Olympia säuberlich notierte. Der Mauerfall, das war nicht mehr als meine Eltern, meine Schwester und ich auf dem braunen Wohnzimmerteppich vor dem Fernseher in Aschheim – und dass die Mutter, die aus Berlin stammt, stundenlang weinte und ständig wiederholte, endlich, endlich sei es überstanden, während die Schwester die Gelegenheit nutzte, um heimlich rauchen zu gehen, und der Vater immer wieder wortlos auf ein anderes Programm umschaltete, wo Boris Becker das Masters-Finale gegen Stefan Edberg spielte.

Das ist alles, mehr an Wende ist da nicht in mir und vielleicht nicht mal das. Denn warum sollte der Vater, der politischer Journalist war, ausgerechnet an diesem Abend so unbeteiligt geblieben sein? Und war die Schwester im November '89 nicht schon auf ihrem Auslandsjahr in Minnesota – und das Masters-Finale, glaubt man dem Internet, in Wirklichkeit erst eine Woche später?

Andererseits existiert eben diese Erinnerung und sei es nur als Phantom eines Augenblicks. Kein Vorher und kein Nachher, aber ganz deutlich das verquollene Gesicht der Mutter, endlich, endlich ist es überstanden, der wippende Fuß des nervösen Vaters auf den bunten Teppichstreifen, die Schwester mit angezogenen Knien, weiß aus zerrissenen Jeans ragend, ein Reporter mit Schnurrbart und Boris' Doppelfehler im vierten Satz. Dazu ein Unbehagen, das über allem schwebt.