Gefühlschaos zwischen Tieren – Seite 1

Dieser Artikel ist erschienen auf unserer Schriftstellerplattform "Freitext". Hier finden Sie alle Artikel.

Der Loro Parque ist eine durchgetaktete Touristenabfertigungsmaschine. Am Eingang bekomme ich zwei Aufkleber, die mich zur Teilnahme an der Führung und den Tier-Shows berechtigen. Eine Mitarbeiterin händigt mir außerdem einen Essensgutschein, den Lageplan des Zoos und meinen Tagesablauf aus. Ein großer Aufdruck auf ihrem T-Shirt macht kein Geheimnis daraus, dass ich mich laut TripAdvisor im besten Zoo der Welt befinde.

Erster Punkt auf meinem Tagesplan ist die Delfin-Show. Ich habe vorab lange überlegt, ob ich die Shows überhaupt besuchen möchte und beschlossen, hinzuschauen, wenn ich schon da bin. Der aktuellste Erklärungsversuch für mein Ritual, überall auf der Welt in den Zoo zu gehen, lautet: Ich halte mich gerne in ambivalenten Räumen auf. Und ein Zoobesuch ist ein Garant für eine emotionale Slalombewegung zwischen käfigbedingter Abstoßung und kulleraugenbedingter Anziehung. Ich laufe also die gewundenen Wege Richtung Delfinario ab, vorbei an unzähligen Papageienkäfigen, die dem Zoo seinen Namen geben. 

Der Loro Parque wurde 1972 von dem Deutschen Wolfgang Kiessling gegründet; damals beherbergte er ausschließlich Papageien. Kiesling lebt nach wie vor in einem abgetrennten Areal in der Parkmitte, das auf meinem Plan nicht eingezeichnet ist. Der Zoo ist so angelegt, dass man die Terra incognita in seiner Mitte nicht bemerkt, während man an den Volieren vorbeiläuft. Viele von ihnen sind nur acht Kubikmeter groß, und ich ahne schnell, dass mein Bedürfnis nach Ambivalenz ausgereizt werden wird, denn meine Mitleidsgrenze verläuft entlang der Frage, ob das Tier in seiner Zoobehausung Höchstgeschwindigkeit aufnehmen kann. Tiere, die das nicht können, sind im Loro Parque die größten Attraktionen: Papageien und Meeressäuger.

Das Delfinario ist ein amphitheaterähnlicher Rundbau, nur dass sich anstelle der Arena ein Wasserbecken befindet. Eng gedrängt sitze ich zwischen den anderen Besucherinnen und Besuchern, die mich wegen des Notizbuchs auf meinen Knien unverhohlen mustern, als wäre auch ich eine kuriose Attraktion. Aus den Lautsprechern erklingt Imagine von den Beatles, dazu fliegen riesige blaue Aras dicht über unsere Köpfe hinweg. Zum letzten Takt landen sie wieder auf den Schultern des Mannes, der einen Schlagstock an der Hüfte trägt. Dann kommt Bewegung ins Becken und eine Gruppe von sechs Delfinen wird von vier Trainern in Neoprenanzügen zu Sprüngen, Drehungen und Flossewackeln animiert. Einer der Trainer lässt sich auf dem Rücken zweier Delfine durchs Becken ziehen. Eine Leinwand im Hintergrund informiert uns darüber, dass man Delfine an ihren Flossen und Zähnen voneinander unterscheiden kann. Außerdem bekommen wir einen Erste-Hilfe-Kurs für den Fall, dass wir einen gestrandeten Delfin finden. Wir sollen ihm ein nasses Handtuch auf den Rücken legen, ohne aber das Atemloch zu bedecken, wir sollen für Ruhe sorgen und den Notruf wählen.

Als Höhepunkt der Show setzen die Trainer einen kleinen Jungen aus dem Publikum in ein gelbes Gummiboot, das von einem Delfin durchs Becken gezogen wird, während ein anderer nebenher springt. Dabei überwältigt mich eine emotionale Gleichzeitigkeit: Ich bin gerührt davon, die großen glatten Tiere so nah vor meinen Augen durch die Luft fliegen zu sehen. Ich bin beschämt vom Gehorsam der Tiere, dem eine belohnungsbasierte Konditionierung vorausgegangen sein muss. Ich denke an die folgende Orcashow und bin beschämt vom menschlichen Drang, jedes noch so wilde Tier zähmen zu wollen. Ich schäme mich für die anderen Besucher um mich herum, die im plumpen Viervierteltakt der Popmusik mitklatschen. Ich bin ergriffen von der heldinnenhaften Vorstellung, einen gestrandeten Delfin zu retten. Und vielleicht bin ich auch ein bisschen neidisch auf den kleinen Jungen im Gummiboot. Ich erlebe den Zoo als den Gefühlsproduzenten, der er seit dem 18. Jahrhundert für die breite Öffentlichkeit ist: Faszination, Scham, Rührung, Neid, alles gleichzeitig. Und aus diesem Gefühlschaos heraus beginne ich allen Ernstes zu weinen.

Das Greenwashing des Zoos

Auf dem Weg zur Orcashow holen mich die Mülleimer auf den Erdboden der Tatsachen zurück: Auf Deutsch und Englisch informieren Aufdrucke die Besucherinnen darüber, dass die Plastikinsel im Nordpazifik zehn Meter tief und so groß ist wie Spanien, Deutschland und Frankreich zusammen ist, und dass die Weltbevölkerung jährlich um 79 Millionen Menschen wächst, also um etwa so viele wie Deutschland Einwohnerinnen und Einwohner hat. Ich muss die Mülleimer lange anstarren, bis ich mein Unbehagen formulieren kann: Sie verzerren die Ursache der Umweltzerstörung, indem sie die bloße Menschenmenge auf der Erde problematisieren und nicht deren Ausbeutung zugunsten des persönlichen Profits Einzelner. Aber die eigentliche Funktion der Mülleimer scheint mir eh eine ganz andere zu sein: Sie beruhigen die Seele der Zoobesucher, die sich wie ich ein wenig für den eigenen Zoobesuch schämen. Das schlechte Gewissen innerhalb der Zoomauern wird auf eine vom Menschen bedrohte Umwelt außerhalb der Zoomauern ausgelagert. Indem sich der Zoo bewusstseinsbildend als Refugium der Natur positioniert, versucht er sich auf die Seite derer zu schlagen, die für Arten- und Klimaschutz und gegen Umweltverschmutzung einstehen. Damit betreibt der Zoo jenes Greenwashing, das ja immer im Verdacht steht, dem Umsatz der Firma dienlicher zu sein als dem Umweltschutz.

Einkalkulierte Inszenierung

Auch die sechs Orcas sind mit Sicherheit dem Umsatz dienlich, denn sie sind eine Rarität in europäischen Zoos. Außer auf Teneriffa werden sie nur im französischen Antibes und in Moskau gehalten. Die Schwertwale können in etwa, was die Delfine können (springen, drehen, Flosse wackeln), nur in groß und bedrohlich und bei höherem Wellengang. Für ein paar Euro kann man ein Plastikcape erwerben, das einen vor den Wassermengen schützt, die die Tiere ins Publikum schaufeln. Die Stimmung unter den drei durchtrainierten Männern in Neopren ist angespannter als bei den Delfinen, was nicht verwundert angesichts der Tatsache, dass Orcas in Gefangenschaft für Menschen lebensgefährlich sein können. 

Im Loro Parque zog Schwertwal Keto am Heiligabend 2009 den 29-jährigen Alexis Martínez in die Tiefe, der das nicht überlebte. Organisationen wie Peta oder die Whale and Dolphin Conservation setzen sich unermüdlich gegen die Haltung von Orcas in Gefangenschaft ein. Beliebtester Gegenstand ihrer Auswilderungspläne ist Orcaweibchen Morgan, das berühmteste und gleichzeitig tragischste Tier des Loro Parque. 2010 ist sie an der niederländischen Küste gestrandet und von einem Gericht, das ihre Überlebenschance in Freiheit nicht gewährleistet sah, dem Loro Parque zugeteilt worden. Beim Training reagierte sie nicht auf die Pfeife und es stellte sich heraus, dass sie taub ist. Sie wird mit einem eigens für sie entwickelten Lichtsignal trainiert. Die Geburt des Orcababys Ula, wird die Zooführerin Anette später sagen, sei der Beweis dafür, dass es ihr hier gut gehe. Schwangerschaft scheint mir grundsätzlich ein fragwürdiger Wohlfühlbeweis zu sein – als könnten sich nur Lebewesen fortpflanzen, denen es gut geht. Aber fraglos ist das Orcababy Ula eine Touristenattraktion, indem es neben der Raritätslogik auch die Niedlichkeitsformel bedient: etwas eigentlich sehr großes in vergleichsweise sehr klein = sehr niedlich.

Der gläserne Zoo

Nach einem überteuerten und pappigen Mittagessen von Wegwerfgeschirr im Zoorestaurant stampfe ich schlecht gelaunt zum Treffpunkt für die discovery tour. Die Zooführerin Anette lebt schon lange auf der Insel und hat viele gute Nachrichten für uns. Nach dem Besuch des größten Pinguinariums der Welt, das täglich mit zwölf Tonnen Schnee berieselt wird, macht sie mit uns einen "Abstecher hinter die Kulissen". Wir gehen in den Keller und besichtigen das chemikalienfreie Filtersystem, das die 1,2 Millionen Liter Wasser der Aquarien permanent reinigt und für bessere Sichtbarkeit mit Ozon und Sauerstoff versetzt. Sie erzählt uns von der hauseigenen Photovoltaikanlage im Süden der Insel, die eine 5.000-Einwohnerstadt mit Strom versorgen könnte, und dass der Loro Parque mit 400 Angestellten der größte Arbeitgeber Teneriffas ist.

Dann führt sie uns zu einer vollständig verglasten Rotunde namens animal embassy. Die Räume der Tierklinik sind von außen vollständig einsehbar, hier kann man in Röntgenraum, Labor, Operationssaal und Quarantänestation bei der medizinischen Versorgung kranker Tiere zusehen. Eine weiß gekleidete Mitarbeiterin, die aussieht wie eine Ärztin auf Intensivstation, füttert gerade zwei Papageienjunge mit einer Pipette. Außerdem beherbergt die Rotonde eine Forschungsstation des Max-Planck-Instituts und die Räume der Fondación, einer 1994 gegründeten Stiftung zum Schutz bedrohter Arten und Lebensräume. Sie finanziert sich aus zehn Prozent der Eintrittsgelder des Loro Parque – seit 1994 rund 17 Millionen Dollar. In der Rotonde werden Zuchterfolge wie der Blaulatzara präsentiert, von dem es 1999 nur noch 50 Exemplare gab und 2016 wieder 350. Außerdem zählt eine digitale Anzeige die Hektar Wald rückwärts, die es auf der Welt noch gibt, und die Menschenpopulation aufwärts, die es auf der Welt schon gibt. Am Tag meines Besuchs gibt es noch 3.732.742.508 Hektar Wald und schon 7.685.898.159 Menschen. Es ist der Liveticker einer Erde, auf der Mensch und Natur zunehmend zu Antagonisten werden.

Zum Schluss zeigt Anette einen Baobab am Wegesrand und fragt, wie alt wir ihn schätzen. Unsere Schätzungen liegen zwischen zweihundert und tausend Jahren, und Anette ist die Vorfreude auf die folgende Auflösung anzusehen: Der Baum ist künstlich und erst vor ein paar Jahren aufgestellt worden. Es wird der einzige Moment an diesem Tag bleiben, in dem der Zoo seine Illusionskunst zugibt, als wollte er mich vor seinen eigenen Täuschungsmanövern warnen. Ich sehe das Programm eines Zoos, der mit der Zeit geht und sich gläsern gibt, indem er sich in der rundumverglasten Rotonde in Transparenz übt und Blicke in den Backstagebereich anbietet. Aber natürlich sind das einkalkulierte Inszenierungen, die in mir ein Unbehagen auslösen: Umso mehr ich glauben soll, mich in einer vorbildlichen Einrichtung zu befinden, umso skeptischer werde ich. Das Engagement für Umwelt- und Artenschutz mag über das anderer Zoos hinausgehen, während gleichzeitig Orcas gehalten werden, eine Unzumutbarkeit, die inzwischen so sehr Konsens ist, dass sogar das US-amerikanische Vorbild SeaWorld die Einstellung der Zucht beschlossen hat.

Der utopische Zoo

Auf dem Heimweg denke ich an Zoodirektor Kiessling im unsichtbaren Zentrum der Zoomacht. Ich habe Imagine von den Beatles noch im Ohr und fülle die Terra incognita mit der Utopie eines Zoos, der es ernst meint mit dem Umwelt- und Artenschutz: Ein Zoo, der es ernst meint, würde sich von der Orcahaltung verabschieden. In der Kantine eines Zoos, der es ernst meint, gäbe es kein Wegwerfgeschirr und keine To-go-Kaffeebecher, auch nicht aus Pappe. Ein Zoo, der es wirklich ernst meint, würde zu Zucht- und Auswilderungszwecken ausschließlich bedrohte Tierarten halten – das sind ja inzwischen so viele, das würde kaum auffallen. In seinen Grünanlagen würden bedrohte Pflanzenarten wachsen und vermehrt werden. Und ein Zoo, in dem es ernst gemeint sein kann, wäre wohl kein privatwirtschaftliches Unternehmen mit Profitinteresse, sondern eine gemeinnützige, vergesellschaftete Struktur oder eine Stiftung, die nicht zehn, sondern hundert Prozent der Gewinne der Erhaltung natürlicher Lebensräume zuführt. Damit würde mein utopischer Zoo an seiner eigenen Auflösung arbeiten: Wenn alle Arten und ihre Lebensräume geschützt wären, bestünde seine letzte Amtshandlung darin, die Gehege rückzubauen und die Fläche aufforsten zu lassen. Und zumindest dafür bin ich dem Loro Parque dankbar: Seine Inszenierung lässt mich in eine Richtung denken, die die Zoos dieser Welt besser gleich als später einschlagen, wenn sie ihre Rolle innerhalb einer umweltkatastrophenbedrohten Welt behaupten wollen.

Lesen Sie hier alle Artikel auf Freitext, der Schriftstellerplattform von ZEIT ONLINE.