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Es gibt eine Fülle belletristischer Literatur über das Recht, die Gerechtigkeit und die Menschen im Recht. Wenn in Verlagswerbungen "ein großer Roman" angekündigt wird "über die Gerechtigkeit und diejenigen, die sie schaffen sollen", liegt die Latte daher hoch, selbst wenn man nicht gleich an Kleist oder Tolstoi, Kafka oder Dürrenmatt denkt. Dem Roman Justizpalast von Petra Morsbach (480 Seiten, Knaus Verlag 2017) hat der Verlag die Größe vorsichtshalber schon in den Klappentext geschrieben.

Die Autorin hat für das Buch am 5. November den Wilhelm Raabe-Literaturpreis erhalten. Das ist ein ehrwürdiger, ungewöhnlich hoch dotierter Preis der Stadt Braunschweig, mit dem auch schon Max Frisch, Hermann Hesse, Ricarda Huch, Uwe Johnson und Siegfried Lenz ausgezeichnet wurden.

Heribert Prantl, Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung, hielt auf die Autorin eine enthusiastische Laudatio, die sich nebenbei zu knapp zwei Dritteln mit ihm selbst befasste: Prantl war 1981 drei Jahre lang Proberichter und danach noch einmal so lange Staatsanwalt. Aus dieser – mittlerweile 30 Jahre zurückliegenden – Perspektive hat man einen lebenslang vorzüglichen Blick aufs Innere der Justiz.

In der Süddeutschen Zeitung vom 10. November war die Laudatio abgedruckt. Schon vorher gab’s an selber Stelle am 23. August ein Interview mit der Autorin Morsbach, sodann am 5. November einen Bericht zur die Preisverleihung in Braunschweig. Eine große und äußerst positive Rezension von Hubert Winkels war schon im September erschienen.

Prantl empfahl die Autorin obendrein auch noch für einen juristischen Ehrendoktortitel und würdigt das "Justizepos" genannte Buch wie folgt: "Ich habe nie einen literarischen Text gelesen, in dem über die Justiz und ihren Alltag, über ihre Protagonisten, über ihr Wesen und Walten, über Sein und Schein, Anspruch und Wirklichkeit so umfassend erfassend und so packend geschrieben wurde (…). So einen profunden Blick in den deutschen Justizapparat gab es bisher nicht."

Das ist ein großes Wort. Also schauen wir mal.

Der Lauf der Zeit

Die Autorin hat nach eigenen Angaben mehr als neun Jahre lang recherchiert. Sie bedankt sich bei "etwa fünfzig Juristen, darunter über dreißig Richtern". Das ist ein Widerschein des Programms: Hier geht es nicht um Herz & Schmerz, sondern um Allgemeingültiges, sachlich fundiert.

Justizpalast ist die fiktive Biografie einer bayerischen Richterin namens Zorniger, von der Autorin durchgängig beim Vornamen "Thirza" genannt. Sie ist das Kind eines umständlich als Wüstling enttarnten Vaters. Wer auf ein dunkles Geheimnis hofft, wird aber enttäuscht: Der Papa wird auf Seite 31 emotional und auf Seite 298 bestattungsrechtlich abgehakt. Frau Zorniger studiert unterdes Jura, wird Staatsanwältin, Richterin am Amtsgericht, dann am Landgericht, am Ende Vorsitzende einer Zivilkammer dortselbst.

Lebens- und Romanfaden: Frau Zorniger sucht einen Mann. Sie fängt auf Seite 20 damit an, akquiriert den einen oder anderen, heiratet auf Seite 300, verbringt die folgenden 100 Seiten in entspannter Zweisamkeit und ist ab Seite 400 wieder allein. Ansonsten führt sie ein überaus saftloses Leben zwischen den literarischen Mühlsteinen eines (bei Wohlmeinenden vermutlich als "lakonisch" durchgehenden) Sprachstils und der Zettelkasten-Ausbeute aus neun Jahren Autorinnen-Recherche sowie den Handlungsmotiven eines unüberschaubaren Romanpersonals. In solcher Unübersichtlichkeit beginnt, so hofft mancher, die Kunst.

Nutzlosigkeit rechtlichen Bemühens

Die Menschen

Der Klappentext kündigt an, es werde uns die Welt der Justiz erschlossen, wie sie wirklich ist: mal klein-, mal großkariert, mal herrisch, mal submissiv, mal dumm, mal faul und von allem das Gegenteil. Frau Zorniger trifft auf diese Welt im Justizpalast. Für den Leser erleichternd ist, dass alle Figuren die Seele im Gesicht tragen: Sie sind dick, mager, zerfurcht, ungekämmt, gekrümmt, grämlich, aufrecht, gut gekleidet, grau, stark geschminkt … Und alle Charaktere sind auch zufällig gerade so, wie die Personen aussehen.

Beispielhaft: Frau Zorniger ging die Treppe hinunter und traf einmal einen dicken Rechtsanwalt, ein anderes Mal einen hoch aufgerichteten Richter. Der eine hatte einen ausweichenden Blick, der andere kräftige Kinnladen. Der Leser merkt: Der Rechtsanwalt ist ein furchtsamer Kriecher und der Richter ein verwundeter Menschenfeind. Beides spielt für den Gang der Geschichte keine Rolle, sollte aber vorab gesagt werden. Frau Zorniger jedenfalls wollte beim ersten Mal in die Kantine, ging dann aber doch zum Griechen. Beim zweiten Mal war es umgekehrt. Nach der Mittagspause kehrte sie zurück, wollte eine Freundin, die halblanges, gescheiteltes Haar hat, in ihrem Büro besuchen, was aber misslang, da die Freundin nicht da war. Morgen gehen wir zum Italiener.

Die Autorin bringt auf 480 Seiten etwa 200 Figuren unter, mit Vor- und Nachname, Familienstand, den äußeren Erkennungszeichen und einer kurzen Schilderung passender biografischer Details. Das klingt genauso anstrengend, wie es ist. Andererseits ist es für manche Leser vielleicht hilfreich, Recht und Unrecht schon in einem frühen Stadium der Geschehnisse zu erkennen. Wenn zum Beispiel ein Beklagter mit "zerschossener grauer Kleidung, zerfurchtem Gesicht und verfilzten grauen Haarbüscheln auf der Platte" erscheint, die Klägeranwältin aber "schön anzuschauen ist mit blanken Augen" und einer rosa Bluse "mit tiefem Ausschnitt unter der Robe" und auf diese Weise "Lebensfreude" ins Gericht bringt (S. 368), darf man auf den Erfolg der Klage tippen. Hat andererseits einer ein "dysplastisches Gesicht" und "ziemlich viel Schuppen für so wenig Haare" (S. 374), liegt es nahe, dass seine Klage abgewiesen werden muss. Er ist übrigens Witwer, weil seine Frau mit einem Wal zusammengestoßen ist (S. 376).

Manchmal verdichten sich die Beobachtungen Zornigers zu erschütternden Gesamtanalysen. Betrüger zum Beispiel "zeigen Züge von Besessenheit. Deswegen sind diese Leute so zäh" (S. 370).

Fälle, Fälle, Fälle …

Frau Zorniger liest, verhandelt, entscheidet Fälle. Es gibt Urteile, Beschlüsse, Vergleiche, Protokollierungen, Rücknahmen, Rechtsmittel. Frau Zorniger schleppt um die 300 offene Verfahren durch die Berufs- und Lebensstationen, wie es halt so geht: Oben kommen welche rein, unten gehen welche raus. Mit einer Auswahl von etwa 150 wird der Leser im Verlauf des Romans traktiert. Leider kann er in der Regel weder die Sachverhalte verstehen noch die Lösungen nachvollziehen, denn das Augenmerk der Autorin liegt nicht auf Rechtsfragen und deren Lösung, sondern auf den Erscheinungsformen des menschlichen Brackwassers, das im ewigen Kreislauf von Ebbe und Flut in die Hallen des Justizpalastes gespült wird.

Das führt zu fünf goldenen Erkenntnissen des Zornigerschen Richterlebens. Erstens: Alles Streitige muss irgendwie "verglichen" werden. Zweitens: Am besten wäre es, gar nicht erst zu klagen. Drittens: Wenn das Berufungsgericht ein Urteil aufhebt, erweist dies die Nutzlosigkeit rechtlichen Bemühens. Viertens: Von Gerechtigkeit kann angesichts der Natur der Menschen nicht ernsthaft die Rede sein. Fünftens: Parteien von Zivilprozessen sind blöd oder gierig, gerne auch beides, Anwälte schwarzhaarig und alt oder jung.

Auf Seite 310 eröffnet der Zorniger-Ehemann eine Anwaltskanzlei. Sie weist die rätselhafte Eigenart auf, "dass Umsatz und Einkommen in keinem gesunden Verhältnis stehen" (S. 311), und drückt alsbald einen weiteren Strom von Fällen ins Buch. Zum Beispiel hat eine Mandantin mit fettigen Haaren einmal in einer kommunistischen Kommune gewohnt, wo sie von den Kommunisten zum Geschlechtsverkehr mit ihrem Bruder gezwungen werden sollte, woraufhin sie sich für den Beruf einer Sekretärin entschied (S. 321). Ihr Fall hat damit aber nichts zu tun. Etwa zwanzig weitere spannende Fälle werden in der Form abendlicher Ehegespräche ab Seite 315 kurz zusammengefasst. Immer wieder grätschen zudem Rückblenden in die verwobenen Fall-Ströme, überwiegend Geschichten aus den Kindheiten von Randfiguren.

Die Ehe zieht sich, Frau Zorniger ereilt – auch da muss der Leser durch – postklimakterische Scheidentrockenheit, ihr Gatte "beansprucht" sie daher seltener (S. 389), kocht aber weiterhin gerne. Nachts liest er ihr aus philosophischen Werken vor. Dem Leser erleichtern die Zitate das Erahnen übergeordneter Zusammenhänge. Es ist aber nicht immer ganz leicht, von Schiller und Xenophon wieder auf Morsbach umzuschalten.

Morsbach versteht Juristensprache nicht

Elektrisierend: "Thirza mochte die intensiven Beratungen und Rechtsgespräche in der Kammer." Oha!, denkt der Leser: Worum ging es? Darf man einmal an einer solchen Beratung teilnehmen? Aber hier endet die Recherche der Autorin. Stattdessen kann man wetten, dass der Kammervorsitzende um die zwölfte Stunde Dinge sagen wird wie (hypothetisch): "Ich hielte es für vertretbar, wenn wir uns nun in der Reihenfolge des Dienstalters in die Kantine begäben" – was man halt so spricht am Landgericht. Sodann wird die Treppe bewältigt und der Leberkäs vernichtet, und der Beisitzer mit Hautproblemen und problematischer Kindheit könnte nun (hypothetisch) äußern: "Ich stehe dafür, dass die Durchlass-Kapazität der Tülle dieses Senfspenders der EU-Richtlinie über flexible Würzmittelbehältnisse nicht genügt." Eine solche Sprechweise ist nämlich, wie die Morsbachsche Recherche ergeben hat, die Voraussetzung einer Beförderung zum Richter am Oberlandesgericht.

Worte, Zeichen, Bilder

Die Protagonisten zelebrieren einen skurrilen Sprechstil aus den Kanzleien des 19. Jahrhunderts. Beispiel: Zorniger hat eine vierjährige Beziehung mit einem Ministerialbeamten. Diese endet auf Seite 188 wörtlich wie folgt: "Er erklärte hochkonzentriert, man habe ja einvernehmlich und begründet entschieden, dass die Sache nicht vollumfänglich den gegenseitigen Erwartungen entsprochen habe und man daher die Entscheidung zur späteren Wiedervorlage ruhen lasse auf eine gern einvernehmlich festzusetzende Frist." Oder dies (S. 235 f.): Zorniger trifft nach Jahren in der Kantine einen Studienfreund und Arbeitsgruppen-Kumpel wieder, der inzwischen am OLG tätig ist. Zorniger: "Hallo, Alfred!" Alfred: "Wer sind Sie?" Zorniger: "Ich bin Tizzi Zorniger, wir haben zusammen studiert!" Alfred: "Des Weiteren möchte ich von Ihnen nicht geduzt werden." Sogar privateste Äußerungen und Träume exekutiert Frau Zorniger in substantivierter Schachtelsatzform, und innere Monologe kommen daher wie Beschlussentwürfe im Erbscheinverfahren.

In ihrem Interview mit der SZ hat Morsbach gesagt: "Diese Sprache zum Leben zu erwecken schien unmöglich zu sein." Sie meinte damit "die juristische Sprache". In der Aussage stecken zwei Wahrheiten, die aber zwei Fehler sind: Zum einen verwechselt Morsbach juristische Fachsprache mit der Sprache der Menschen, über die sie erzählen will. An den sprachlichen und gedanklichen Inhalten der Akten und Fälle ist sie ja letztlich nicht interessiert; sie benutzt nur – oft kaum verständliche, aber irgendwie skurrile – Bruchstücke, um eine Art von Hintergrundrauschen zu illustrieren. Sodann nimmt sie den Duktus dieser künstlich gealterten Sprache und dichtet ihn lebenden Menschen an. Kein Mensch in der Justiz, der bei Trost ist, spricht aber mit den Kollegen beim Mittagessen so wie von Morsbach beschrieben.

Zum Zweiten nähert sich Morsbach der Juristensprache letztlich nicht an. Sie versteht sie nicht, sondern versucht nur unbeholfen, sie nachzuahmen. Dabei übersieht sie, dass gerade im Zusammentreffen von scheinbar hochformaler Fachsprache und lebensweltlicher Konkretheit jede Menge sensible Information, Ironie, auch Humor entstehen und transportiert werden können. Wenn also – nur als Beispiel – der Politiker Wolfgang Kubicki in einem Interview über die aktuellen Koalitionsgespräche sagt: "Die FDP hat in allem recht, aber das bin ich als Anwalt gewohnt", so benötigt man nicht neun Jahre Recherche, sondern nur ein bisschen Feeling, um diesen Satz nicht als "typisch juristische Anspruchs-Reklamierung" zu verstehen.

Dieses Gefühl bringt Morsbach aber nicht auf. Die Wirklichkeit der justizinternen Kommunikation wird von ihr daher grotesk verfehlt. Das gilt auch für bemüht eingestreute Auflockerungen. Kammerberatung nach Verhandlung, Zorniger zum Referendar: "Gestisches Kommentieren am Richtertisch verbietet sich." Referendar: "Das streite ich ab!" Zorniger: "Sie haben den Anschein erweckt." Referendar: "Haben Sie (über die Parteien) noch nie gedacht: Verpiss dich! Warum fickst du dich nicht selber?" Zorniger: "Verlassen Sie uns jetzt. Wir haben zu tun." Das ist, als lasse man im Arztroman den Protagonisten seine Ehefrau mit "Schwester" ansprechen oder an der Frittenbude eine Bratwurst mit den Worten bestellen, er wünsche "eine intestinal konservierte comminuiert-muskuläre Masse mit Senf". Die Nachdichtungen der Autorin haben den Charme von katholischen Jugendgottesdiensten: Oh, knorke, sagte Maik zu Tina, was checkst du? Wollen wir uns einmal hier auf dieser kuhlen Bank downloaden?

Eine spezielle Kommunikationsform der Morsbachschen Romanfiguren ist das Erröten: Der Leser merkt daran, dass jemandem etwas peinlich ist. Frau Zorniger tut es sogar alleine im Bad: "Eigentlich ist er reizend, ein bücherverschlingender Ladenschwengel, dachte Thirza und sah sich im Spiegel erröten" (S. 251). Eine erstaunliche Leistung! Zugutezuhalten ist der Autorin, dass sich im ganzen Roman kein einziges Erbleichen findet.

Mehr noch als das Erröten ist die lateinische Sentenz das Kennzeichen des bayerischen Juristen. Wenn zum Beispiel einer zunächst krank war, aber nun wieder gesund ist, teilt er mit, seine "restitutio ad integrum" sei abgeschlossen. Es trifft sich gut, dass, wann immer ein Richter seinen Horaz zitiert, ein Kollege dabeisitzt, der die Äußerung flugs ins Deutsche transmittiert. Da dieser meist auch über Grundkenntnisse der griechischen Mythologie verfügt, kann der Leser mühelos folgen.

Wie organisiert sich Recht?

Einzelne Richterfiguren leben in Jugendstilvillen, ganz allein mit in Formalin verwahrten Tierembryonen. Die meisten haben allerdings Reihenhäuser. Das könnte eine hintergründige Metapher für die Mediokrität des Justizwesens sein, man weiß es aber nicht genau. Die Romanheldin selbst bewegt sich zuverlässig auf dem Niveau kleinbürgerlicher Gemütlichkeit und hält denselben Abstand zu den unglücklichen Armen wie zu den unglücklichen Reichen.

Und Ideen

Ein Rebell kommt auch vor: ein an der Ungerechtigkeit Verbitterter, ein chancenlos Ausgegrenzter. Er sagt furchterregende Sätze wie: "Wer über Justiz redet, muss irgendwann über Macht reden." Deshalb wird er gemobbt und verfällt zusehends, woraufhin seine Zurechnungsfähigkeit infrage gestellt wird.

Einer der interessanteren Sätze des Buchs lautet (S. 243): "Die Motive der Menschen sind komplex, man muss sie nicht bewerten, es reicht, wenn man es weiß." Guter Ansatz, Zettelkasten! Leider halten sich weder Zorniger noch Morsbach daran.

Leben und Recht. Es kommt, wie es kommen muss: Auf Seite 389 kriegt der Gatte Krebs, Prognose hoffnungslos. Noch jeder Roman musste einmal enden. Nach lieblos kurzatmiger Beisetzung geht es dann wieder los mit den Fällen, genauer gesagt: "Danach ging alles so weiter" (S. 416). Auf Seite 435 erscheint ein letztes Mal der wiedergängerische Rebell. "Sie stehen unter Schock", spricht Frau Thirza ihm zu. "Vielleicht sollten Sie eine Reise machen." Daraufhin wird er zunächst verrückt, dann aber wieder gesund. Zorniger hat ihn "als Mann nie in Betracht gezogen". Sie selbst erkrankt auf Seite 469.

Recht, Macht, Gerechtigkeit

Das Oberlandesgericht hebt Urteile auf, der Bundesgerichtshof vertritt "verschiedene Mindermeinungen". Welche, warum, wozu? Richterin Zorniger weiß es nicht. Justizverwaltung tritt auf in Gestalt von zwei Ministerialräten, der eine dünn, der andere dick. Wörter wie "Präsident", "Präsidium" oder "Geschäftsverteilung" kommen vor, haben aber nichts zu bedeuten. Richterräte, Berufsvertretungen, Rechtspolitik: Fehlanzeige. Die "Damen" genannten Mitarbeiterinnen der Geschäftsstellen liefert Morsbach den süßlichen Zuwendungen ihrer Heldin aus. Sie weinen, wie es sich gehört, sodann vor Glück.

Wer einen "großen Roman über die Gerechtigkeit" ankündigt, sollte zeigen wollen, wie Justiz im Inneren funktioniert, sich anfühlt, welche Rationalitäten sie aufweist und was dies mit uns zu tun hat. Was bedeutet "Macht" im Recht? Wie organisiert sich Recht? Was ist Dezision, was Gewöhnung, was Faulheit, was Überzeugung, was Imagination von Überzeugung? Hat diese Gesellschaft die Justiz, die sie verdient? "Funktioniert" Justiz? Wenn nein: was tun? Justizpalast beantwortet all das nicht. Ich für meinen Teil habe die unvergleichlichen Wahrheiten, die Heribert Prantl in diesem Buch gefunden hat, nicht erkennen können. Über Gerechtigkeit sagt uns die Autorin, dass sie irgendwie schwierig sei. Ihr Roman interessiert sich, hinter all dem Figurengewimmel, nicht für die Menschen im Recht, sondern jammert über die Vergeblichkeit des Rechts im Angesicht der Menschen.

Nur in einem hat Frau Zorniger ohne Zweifel recht: Eine Robe sollte aus leichtem Wollstoff sein, weich und knitterarm (S. 457).

Petra Morsbach: Justizpalast
480 Seiten, Knaus Verlag 2017, 25 Euro