Die Currywurst des Soul

Mancher Lebensweg entscheidet sich früh im Kindesalter, der von Andrew Mayer Cohen etwa. Er wuchs auf in Ann Arbor bei Detroit. Immer wenn es Zeit war, Haare zu lassen, verfiel der Kleine in heiligen Zorn. Und jedes Mal wurde er mit Plattengeschenken besänftigt. Andrew spielte sie rauf und runter auf seinem Fischer-Price-Plattenspieler. Er war Sammler, noch bevor er lesen konnte, wessen Musik er da hörte. Andrew wurde Musiker, DJ und HipHop-Produzent. Sein Künstlername: DJ Haircut.

Diesmal ein Hotdog, in Dresden gab's "eine Wurst, zerstückelt, mit Ketchup und Curry. Das war großartig", sagt Mayer Hawthorne © Doug Coombe

Doch jetzt hat Haircut Pause. Der Junge aus Michigan nennt sich vorläufig Mayer Hawthorne und singt Soul, als hätte er nie etwas anderes getan. Wie ist das, wenn ein 29-jähriger HipHopper, der täglich aufs Skateboard steigt, nun Anzug, Krawatte und Brille trägt wie ein Versicherungsvertreter? "Das ist keine Rolle, die ich spiele, sondern ein Teil von mir. Ich übertreibe nur ein bisschen." Es ist 10 Uhr morgens in Los Angeles . Hawthorne spricht langsam am Telefon, die Stimme klingt sehr unausgeschlafen, sein Lachen aber ist so sympathisch jungenhaft wie seine Musik. "Und das ist längst noch nicht alles!" Auf der High School trug Hawthorne die Haare lang und spielte Heavy Metal. Er könnte sich vorstellen, es wieder zu tun.

Der Gedanke, Soul zu machen, kam ihm während seiner Arbeit als HipHop-Produzent. "Es ist eine teure und nervtötende Prozedur, wenn man die Erlaubnis für die Verwendung eines Samples einholen muss. Ich wollte mal sehen, ob ich die Sounds, die ich brauche, nicht auch selbst einspielen kann." Nur zwei Stücke nahm Hawthorne auf, mehr sollten es nicht werden. Doch Peanut Butter Wolf vom kalifornischen Label Stones Throw hörte das hinreißende Just Ain't Gonna Work Out . Er war so angetan, dass er den Song auf Vinyl pressen ließ – auf Wunsch von Hawthorne in der Form eines roten Herzens. Dann bestellte Wolf ein ganzes Album.

Die Musik der goldenen Soul-Ära ist oft kopiert worden in den letzten Jahren, selten aber so perfekt. Vom klassischen Motown-Sound bis zum Soft Soul der siebziger Jahre, Smokey Robinson , Curtis Mayfield, den Orchestra Soul der Stylistics und Delfonics – Mayer Hawthorne weiß, wie's geht. Und er singt nicht nur, sondern spielt auch alle Instrumente selbst. Allein. In seinem Schlafzimmer. "Ich habe sehr genaue Vorstellungen. Es ist schwer, anderen Musikern zu erklären, was ich in meinem Kopf höre." Also macht er's selbst. Zuerst das Schlagzeug. Dann den Bass, die Keyboards, die Gitarre. Zuletzt singt er die Backup Vocals zu seiner eigenen Stimme, Hawthornes Lieblingsbeschäftigung, weil man sich da so richtig austoben könne.

Er hat den Kopf immer voller Musik. Und plötzlich, meist im unpassenden Moment, ist ein neuer Song da. Er ruft dann sein Telefon an und singt auf den Anrufbeantworter, damit er nichts vergisst. Eines seiner Stücke fiel ihm ein, als er beim Einkauf fürs Gemüse bezahlte. "Ich legte sofort alles hin und ging raus." Da stand dann also ein junger Mann auf dem Parkplatz und sang konzentriert in sein Telefon, zuerst die Melodie. Dann den Bass. Das Klavier. Die Bläser. "Die Passanten hielten mich für verrückt. Aber diesen Preis muss man zahlen für einen guten Song!"

 

Es sind nicht allein die perfekten Arrangements, die Peanut Butter Wolf zunächst zweifeln ließen, ob diese Songs tatsächlich neu sind, als er sie erstmals hörte. Hawthornes schlichte Liebeslieder haben einen vergessenen Charme, der nicht leicht einzufangen ist. "Ich untersuche Musik. Immer. Die ganze Zeit. Ehrlich gesagt, das nervt auch manchmal. Ich kann Musik nicht einfach nehmen, wie sie ist, und mich daran erfreuen. Ich muss immer analysieren, das Arrangement in meinem Kopf auseinander nehmen, verstehen, wie der Song funktioniert."

Hawthornes Vinyl-Sammlung ist entsprechend gut sortiert. Als er von Michigan nach L.A. zog, musste er Ballast abwerfen, aber es sind immer noch gut 5000 Stück. "Das schöne an meinem Beruf ist: Wenn ich auf Tour bin, kann ich in jeder Stadt nach einem guten Plattenladen suchen. Es gibt immer einen." Es ist nicht die einzige Leidenschaft, die von seinen Reisen profitiert. Hawthorne isst für sein Leben gern. Von der bevorstehenden Tour wird er deshalb in einem Blog über seine Entdeckungen berichten. "In Dresden zum Beispiel habe ich nachts etwas auf der Straße gegessen, eine Wurst, zerstückelt, mit Ketchup und Curry. Das war großartig." Mit dem Essen ist es wie mit der Musik: Hawthorne nimmt von überall. Nur gut muss es sein.

Auch die Songs auf seinem Debütalbum A Strange Arrangement sind nicht immer lupenreine Nachschöpfungen. The Ills und Maybe So, Maybe No etwa werden nicht von Beats aus den Sechzigern angetrieben; das sind Breaks wie vom Detroiter HipHop-Produzenten J Dilla . "Ich bin ein Kind der Achtziger. Natürlich gehe ich anders an die Sache heran als Smokey Robinson. HipHop fließt ein, ob ich will oder nicht." Hawthorne nimmt alles über ein altes, stark rauschendes Mischpult auf. Moderne Aufnahmetechnik, sagt er, ist so gut, dass sie nicht mehr gut klingt. Statt ins Mikro singt er in die Hörmuschel eines alten Kopfhörers.

Hawthorne hat keine große Stimme, kann aber ausgezeichnet damit umgehen. Sein heller Tenor, den er oft als hauchdünnes Falsett einsetzt, hat nichts von jener Dringlichkeit, wie man sie etwa von Amy Winehouse kennt, wenn sie gegen ihre Dämonen ansingt. Hawthornes Stimme klingt eigentlich zu leicht, zu verletzlich, zu naiv für Soul. Aber das ist kein Fehler, im Gegenteil. Denn diese Eigenart hebt A Strange Arrangement über ein bloßes Tribut hinaus. Hawthornes Album fehlt glücklicherweise auch jede Ironie: Die Musik ist unbekümmert und perfektionistisch, ernsthaft und verspielt zugleich, und diese Ernsthaftigkeit hat etwas Rührendes. Es ist der heilige Ernst des Kindes beim Spiel.

"A Strange Arrangement" von Mayer Hawthorne ist soeben bei Stones Throw erschienen.