Schwarz schimmert der Samt des aufgeklappten Klarinettenkoffers. Darin dunkles, zur Ruhe gekommenes Holz. Rolf Kühn setzt seine Klarinette zusammen. Sehr aufmerksam. Wie oft hat er das schon gemacht? Fließende Bewegungen, ein immer wiederkehrendes Ritual.

Jeden Tag fährt der Musiker ins alte Rias-Gebäude in Berlin und übt mehrere Stunden. Er beginnt mit den tiefen Tönen, von sehr laut bis fast flüsternd leise. An seiner Zungenspitze hat sich im Laufe der Jahre eine kleine Perle gebildet, das Mal des Klarinettisten. Seine Unterlippe, berichtet er, sei immer gereizt, denn die Zähne pressen von innen dagegen, um das Mundstück zu halten und den Atem zu regulieren. Ein sein Leben begleitender leiser Schmerz.

Er reicht zurück bis in Kühns Kindheit in Leipzig-Lindenau. Rolf ist ein Jahr alt, als die Familie 1930 in den ersten Stock eines Mietshauses zieht, in dem auch der kleine Tabakladen der Großeltern ist. Die Mutter ist im Stil der zwanziger Jahre gekleidet, mit Pagenkopf und schönen, leicht fallenden Kleidern. Auf den kleinen Schwarz-Weiß-Fotos mit gezacktem Rand aus dieser Zeit lacht sie oft. Der Vater, Kurt Kühn, hält sie im Arm. Er ist Artist und Varietékünstler im Leipziger Krystallpalast und Berliner Wintergarten.

Die Mutter ist Jüdin, in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird der Tabakladen zerstört. Offiziell darf Rolf Kühn jetzt nicht mehr unterrichtet werden. Er fährt heimlich zu seinen Lehrern, wie zu Hans Berninger, dem ersten Klarinettisten des Gewandhausorchesters Leipzig, der in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals wohnt. Es ist ein weiter Weg mit der Straßenbahn.

Um Geld zu verdienen, spielt Kühn auf Beerdigungen, manchmal vier am Tag. Für das Sargtragen gibt es fünfzig Pfennige extra. Das Überleben wird noch schwieriger, als der Vater Auftrittsverbot erhält, weil er die vom Regime geforderte Scheidung verweigert und in einem Arbeitslager landet. Ende 1944 erhält die Mutter die Aufforderung, sich für den Abtransport nach Theresienstadt zu melden. Dem Vater gelingt es, die Frist aufzuschieben, aber die Familie lebt in schrecklicher Furcht. Im April 1945 wird Leipzig von den Alliierten eingenommen – befreit.

Rolf Kühn hört zum ersten Mal Jazz. Hallelujah rotiert auf einer amerikanischen Armee-Schellackplatte, eine Aufnahme des Benny-Goodman-Quartetts. Es ist wie eine zweite Befreiung. Er ist siebzehn, als der begabte Klarinettist seine ersten Auftritte im Radio hat. Schnellläufige, atemlose Bebop-Linien, ein Sich-Betäuben durch immer stärkeres, drängendes Tempo. Es ist die Zeit des Hot Jazz, der sich wie ein Fieber im Kalten Krieg ausbreitet. Als 1949 die DDR den Musikern offiziell das hohe C verbietet – mit der Begründung, Jazz sei imperialistische Musik –, geht Kühn nach West-Berlin.

Im Mai 1956 zieht er in die Vereinigten Staaten, wo die Saxofonisten dem Jazz neue, expressive Wege erschließen. Zufällig begegnet der Neuankömmling auf der Fifth Avenue einem alten Bekannten, Friedrich Gulda, den er von Jamsessions im Berliner Jazzclub Badewanne kennt und der gerade in der Carnegie Hall spielt. Über ihn lernt er den Produzenten John Hammond kennen und nimmt die von Kritikern gefeierte Platte Streamline auf.

Kühn tritt ein in Goodmans Band und spielt sich aus dessen mächtigem Schatten. In der sublimen Zähmung des Widerständigen entstehen die für Kühn typischen fließenden, tänzelnden Linien mit der Durchlässigkeit eines Aquarells. Er geht mit den Birdland Stars of 57 auf Tour, in einem Greyhoundbus mit Billy Eckstine, Lester Young und der Count Basie Band durch die USA. Als Eckstine und die gefeierte Sarah Vaughan in Hotels aufgrund ihrer Hautfarbe abgewiesen werden, ist Kühn erschüttert. In New York war die Segregation nicht so spürbar, er wohnt hier in einem von Puertoricanern dominierten Viertel am Central Park.