Kremer: Mein Bestreben war und ist es, Menschen zu öffnen und ihnen die Möglichkeit zu geben, durch intensives Zuhören einander besser zu verstehen. Diese Überzeugung lebe ich auch auf der Bühne: Ich hatte nie eine intime Beziehung zu Martha Argerich. Aber wenn wir auf die Bühne gehen, ist es immer so, als ob wir verliebt wären. Weil diese Intensität im Zuhören etwas ist, was so stark bewegt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern beeinflussen Begegnungen mit Komponisten Ihr Schaffen?

Kremer: Gerade im Zusammenhang mit Being Gidon Kremer musste ich wieder an eine Geschichte mit Alfred Schnittke denken. Das Concerto Crosso Nr. 1 war eines seiner ersten Stücke, mit dem wir auf Tournee gegangen sind. Damit hatte er damals großen Erfolg, heute ist es ein Klassiker. Eines Tages sagte er mir nach einem Konzert: "Der Erfolg dieses Werkes ist mir suspekt, ich sollte jetzt etwas komponieren, was keinen Erfolg haben wird." Dieses Zitat kam mir in den Sinn, als ich die Show mit den zwei Künstlern Aleksey Igudesman und Richard Hyung-ki Joo auf die Beine stellte. Es ist und bleibt aber eine Gratwanderung. 

ZEIT ONLINE: Verstehe ich das jetzt richtig: Sie gehen mit einer Show auf Tournee, die eigentlich keinen Erfolg haben soll?

Kremer: Viele Zuschauer sehen nicht, dass Being Gidon Kremer ein Projekt ist, das eine andere Dimension hat oder haben soll. Mir ist dieser Untertitel The rise and the fall of a classical artist sogar noch wichtiger. Ich gebe meinen Namen nur her, damit der Titel anziehend ist, aber im Grunde genommen geht es mir um den Untertitel. Nur deswegen habe ich mich in etwas gestürzt, was ich noch nie vorher gemacht habe: Ich habe noch nie an einem Skript gearbeitet. Wer hat mich dazu motiviert? Nicht die Kollegen, nicht die Promoter. Es waren meine eigenen Musiker, die haben gesagt: Wir haben noch nicht das nötige Niveau, irgendetwas stimmt noch nicht, Herr Kremer, versuchen Sie doch, es besser zu machen!

ZEIT ONLINE: Sie glauben also doch an Ihr Projekt?

Kremer: Ja, aber das Ganze bleibt ein Wagnis, und dabei kann alles passieren. Ich vertraue darauf, dass die Musik über einen Klamauk siegt und hoffe, dass das mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen wird. Reines Entertainment ist mir fremd. 

ZEIT ONLINE: Gidon Kremer, Being Gidon Kremer, Kremerata Baltica – reichlich viel Kremer, oder?

Kremer: Mit dem Namen Kremer gibt es tatsächlich sehr viele Missverständnisse, die ich selber ins Leben gerufen habe. Ich hatte die Ambition, ein eigenes, besonderes Orchester zu gründen. Der Einfall, dass dieses Orchester Kremerata Baltica heißen sollte, kam mir in Deutschland. Ich wollte mit diesem Namen nie Eigenwerbung betreiben, es geht mir nicht um Narzissmus. Es gibt sehr viele wunderbare Cameratas wie die Camerata Academica Salzburg. Ich liebe Wortspiele, und aus dieser Laune heraus entstand auch die Kremerata Baltica. Ich wollte dem Orchester eine Handschrift verleihen, und es freut mich, dass dies inzwischen unabhängig vom Namen passiert ist.

ZEIT ONLINE: Sind Sie stolz auf Ihr Ensemble?