Kremer: Ja, ich bin jetzt stolz, dass ich schon zwölfeinhalb Jahre so eine wunderbare Mannschaft habe. Ich wünsche den Orchestermitgliedern, dass sie nicht nur an meinen Namen oder an die Zusammenarbeit mit mir gebunden sind. Sie sollen langfristig in der Lage sein, mit vielen Künstlern auf Tournee gehen zu können. Deshalb fördere ich dieses Orchester so sehr ich kann, falls notwendig, auch finanziell. Die Kremerata entstand wie aus einem Traum. Als eine Erfindung von mir kam sie quasi aus dem Nichts. Wir hatten keine Sponsoren. Und dann begann die mühevolle Überredungskunst, dass sich die drei baltischen Staaten bereit erklären, dieses Orchester zu unterstützen. Heute bekommt die Kremerata eine magere Unterstützung von dieser Seite, aber vor allem ist es unsere weltweite Tätigkeit, die es erlaubt, in schweren Zeiten zu überleben.  

ZEIT ONLINE: Fehlen uns in der ausdifferenzierten Gesellschaft die Reibungspunkte?

Kremer: Nein. Wir weichen ihnen aber aus, weil wir bemüht sind, klüger als andere zu sein. Oder wir horchen nicht auf das, was uns die Welt sagen will. Vielleicht denken wir zu sehr an den Erfolg, vielleicht sind wir taub für die Nöte der Menschen. Anregungen gibt es täglich und wird es immer geben.  

Das Gespräch führte Burkhard Schäfer.

Gidon Kremer im Konzert: 29.10. Gewandhaus Leipzig, 1.11. Theaterhaus Stuttgart