ZEIT ONLINE: Herr Dudamel, von dieser Saison an sind Sie Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra. Was planen Sie Neues? 

Gustavo Dudamel: Wir haben sehr viel vor. Ich betrachte es als Ehre, mit einem so hervorragenden Orchester arbeiten zu dürfen. Mein Vorgänger Esa-Pekka Salonen hat in den vergangenen 17 Jahren großartige Arbeit geleistet. Als erstes werden wir am 3. Oktober in der Hollywood Bowl ein Gratis-Konzert vor 18.000 Zuhörern geben. Mit den Philharmonikern führe ich Beethovens Neunte auf. Es wird aber nicht nur Klassik gespielt, sondern auch Pop und Jazz. Außer uns treten zum Beispiel Herbie Hancock und Flea von den Red Hot Chili Peppers gemeinsam mit Nachwuchsmusikern auf.

ZEIT ONLINE: In Venezuela sind Sie in dem bereits legendären Jugendorchestersystem groß geworden. Wollen Sie El Sistema nun auch nach Kalifornien exportieren?

Dudamel: An so einem Projekt arbeiten wir. Vor anderthalb Jahren haben wir in einem Stadtteil das Youth Orchestra Los Angeles (YOLA) gegründet, in dem inzwischen etwa 120 Kinder bis 13 Jahre musizieren. Sie werden von Mitgliedern des Los Angeles Philharmonic und Studenten verschiedener Konservatorien unterrichtet. In der Hollywood Bowl führe ich mit YOLA Beethovens Ode an die Freude auf – es wird unser erster gemeinsamer Auftritt sein.
Das venezolanische Orchestersystem, das jungen Leuten seit Jahrzehnten kostenlos Instrumente bereitstellt, ist unser direktes Vorbild. Auch in Los Angeles wollen wir den neuen Generationen Wege zur Musik eröffnen. Das berührt mich wirklich sehr. Viele Kinder und Jugendliche hätten doch sonst kaum Zugang zur Kunst. Das liegt nicht nur an materieller Not, sondern auch an geistiger Armut, die leider auf der ganzen Welt verbreitet ist.

ZEIT ONLINE: In Venezuela hat die Musik die Gesellschaft stark verändert.

Dudamel: Mein Land ist so reich an Kultur – und das verdanken wir ganz entscheidend El Sistema von Maestro José Antonio Abreu! In Venezuela ist Musik inzwischen ein soziales Grundrecht. In Los Angeles möchte ich deshalb nicht nur das traditionelle Publikum, sondern die gesamte Stadt erreichen. Wenn Jugendliche Freude an der Musik finden, beginnt für sie ein völlig neues Leben. Das YOLA-Projekt ist schon so erfolgreich, dass zwei weitere Jugendorchester geplant sind.

ZEIT ONLINE: Wo werden Sie als Musikdirektor künstlerische Schwerpunkte setzen?

Dudamel: Mit dem Los Angeles Philharmonic werde ich ein breites Repertoire aufführen, das alle möglichen Epochen und Stile umfasst. Bei der Eröffnungsgala am 8. Oktober in der Walt Disney Concert Hall stehen Mahlers Sinfonie Nr. 1 und die Welturaufführung von John Adams City Noir auf dem Programm. In meiner ersten Saison sind neun Premieren geplant – Werke von Mozart, Beethoven, Schubert und Verdi sind ebenso vertreten wie zeitgenössische Kompositionen.

ZEIT ONLINE: Werden Sie sich auch dafür einsetzen, lateinamerikanische Komponisten in den USA bekannter zu machen? Wie mitreißend diese Musik ist, kann man auf Ihrem Album Fiesta hören.